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Full text: Berliner Leben Issue 17.1914

Die Tintenflasche. 
Humoreske von Hans von Wentzel. 
(Nachdruck verboten.) 
Oberleutnant Willy von Schöning war in seiner etwas 
länglichen Ganjonzeit ein lockerer Zeisig gewesen. Aber die 
göttliche Lilly von Hohensee hatte ihn dennoch erhört. Sie 
zählte zu der heute immer seltener werdenden Spezies von 
Frauen, die der Ansicht sind, ein Mann müsse sich die 
Hörner erst tüchtig ablaufen, ehe er ein gefügiger Gatte werden 
könne. 
Gefügig? — Du lieber Himmel! Dazu zeigte Willys 
Psyche, trotz der abgelaufenen Hörner, eigentlich gar keine 
Anlage, Im Grunde seiner schwarzen Seele hielt er das Weib 
für »inferior«, was ihn natürlich nicht hinderte, der galanteste 
Bräutigam von der Welt zu sein. 
Schlecht und recht waren Lilly und Willy ein Paar ge 
worden. Sie hatten im Kaiserhof geheiratet und verlebten nun 
ihren Honigmond an der Riviera. 
Obwohl sie eigentlich nicht mehr frisch gebackene Ehe 
leute waren, denn sie hatten sich nun schon seit acht Tagen, 
gab es doch immer noch gewisse Heimlichkeiten zwischen 
ihnen, die nach schlicht bürgerlichen Begriffen unter Eheleuten 
aus der Mode und auf die Länge der Zeit recht unbequem sind. 
Um es kurz zu sagen: sie genierten sich nämlich vor ein 
einander ; das heisst Willy genierte sich eigentlich nur vor Lilly 
und nicht umgekehrt. Solche Erscheinung war bei Willys 
Eigenart entschieden erstaunlich. Jeder kannte ihn als einen 
Mann von sehr bewegter Vergangenheit. Und nun genierte 
sich dieser Lilienknicker und Erzschwerenöter auf einmal vor 
seinem rechtmässigen Weibe? Nun war er auf einmal prüde 
geworden und überschamhaft? 
Seltsam! Höchst seltsam! Da steckte etwas dahinter und 
Lilly die reizende, Lilly die schelmische, wusste auch ganz 
genau was. 
Sie lachte sich heimlich ins Fäustchen über ihren „schneidigen 
Willy,“ der sich unweigerlich bei jedem Zimmerwechsel eine 
spanische Wand vor den Waschtisch stellen Hess, um der 
holden Gattin sein Neglige zu verbergen. 
Warum aber „enthüllte“ sich Willy nie, wie es das gute 
Recht dieses männlichsten aller Männer war? 
Der Grund lag darin: Lilly hatte ihm in der Brautzeit, 
dem hesperischen Vorgarten ihrer Ehefreuden, einmal anverlraut, 
dass ihr in der ganzen Welt nichts so lächerlich erscheine, 
als — ein Mann in Unterhosen. 
„Ein Mann in Unterhosen,“ hatte sie damals gesagt, „ist 
für meinen Geschmack ästhetisch unmöglich. Der nackte 
Mensch — ja, das ist ganz was anderes. Er könnte sogar 
stilvoll auf mich wirken, wenn er danach wäre. Aber ein 
Mann in Unterhosen bleibt unter allen Umständen eine 
lächerliche Figur.“ 
„Das sehe ich doch gar nicht ein,“ hatte Willy ein wenig 
piquiert geantwortet, denn er ahnte in diesen modern spinti 
sierenden Anschauungen bereits eine versteckte Gefahr, „dann 
wäre eine Frau im Unterrock doch ebenso sehr eine ästhetische 
Unmöglichkeit!“ 
„Aber Willy, das ist doch etwas total Verschiedenes! 
Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nie das gleiche! Eine 
Frau in ihren rauschenden Dessous, mit Bändern, Spitzen und 
phot. W. Willinger, Berlin 
Die Geigerin Edith v. Voigtlaender konzertierte in dieser 
Winlersaison mit aussergewöhnlichem Erfolge in Berlin, ferner 
absolvierte sie Engagements in Weimar, Köln, Stettin, Potsdam, 
Hannover u. a. m. Ihre Erfolge waren gleichzeitig Erfolge der 
Neu-Cremona-Gesellschaft, Berlin, da die von der Künstlerin 
gespielte neue Violine von Dr. Bielenberg überall das berechtigte 
Erstaunen von Publikum und Presse hervorrief. 
Schleifen wirkt doch ästhetisch wie ein Gedicht! — Willst 
Du etwa den berauschenden Liebreiz der Frauenunterkleidung 
mit Eurer öden Wäsche vergleichen? — Ich habe einmal 
durch Zufall meinen Vater in Unterhosen gesehen. Seitdem 
ist mein Respekt vor ihm unwiderbringlich um 50 u /o herunter 
gerutscht. Nein, Männer in Unterhosen kann man beim besten 
Willen nicht ernst nehmen.“ 
Das hatte sich Willy hinter die Ohren geschrieben und 
Hess es sich nun zur Richtschnur seines Ehelebens dienen. 
Er wünschte durchaus von seiner Frau ernst genommen zu 
werden. Folglich durfte er sich ihr um keinen Preis in Unter 
hosen zeigen. Seine Ehe sollte eine patrlarchische werden, mit 
der Devise „Er soll Dein Herr sein“. Seine Autorität wollte 
er vor seiner Frau stabilieren als einen rocher von bronze. 
Es wurde ihm aber, weiss der Himmel, nicht leicht 
gemacht, sein Patriarchentum aufzurichten, wie ihm das von 
Gottes- und Rechtswegen gebührte. 
Auf die Dauer war es doch reichlich unbequem, Abend 
für Abend mit dem Ausziehen zu warten, bis es Lilly endlich 
gefiel ihr Nachtlicht auszulöschen, frühmorgens aber stets mit 
den krähenden Hühnern aus dem Bette zu springen, bloss um 
sich vor Lilly keine Blosse zu geben. 
Hierzu kam als erschwerender Umstand, dass er bemerkt 
zu haben glaubte — nur glaubte, beschwören konnte er es 
nicht — dass Lillys tückisch zugekniffene Augen ihm früh 
morgens einmal bei seiner Flucht hinter die spanische Wand 
gefolgt waren, und zwar mit einem wahrhaft satanischen Aus 
druck in ihrem Gesicht, der mit Morpheus absolut nichts zu 
tun haben konnte. 
Lilly und Willy wohnten nun im „Grand-Hotel“ in Monte 
Carlo. Lilly hatte Willy das Versprechen abgenommen, nicht 
zu jeuen, und er war auch so einfältig gewesen, es ihr zu 
geben. Um sich aber für die Carenz im Spiel zu entschädigen, 
trank er täglich beim Lunch ein besonders köstliches Fläschchen. 
Heute war es süsser Ovieto gewesen, ein herrliches Gewächs, 
wie die Päpste es schon im 16. Jahrhundert getrunken haben 
mochten. Der Wein halte sein Blut in Aufruhr versetzt; 
mehr als ihm lieb war, denn er musste nach dem Lunch noch 
einen wichtigen Brief nach Berlin schreiben. 
Auf dem Zimmer angelangt, setzte er sich mit tiefem 
Seufzer in das Sofa, nahm das ekelhafte Papier zur Hand und 
rüstete sich, die ungewohnte Arbeit des Schreibens zu 
beginnen. — —• Natürlich war die Tinte wieder eingerostet, 
wie in allen Hotelzimmern. Der Kellner musste erst frische 
bringen, die er in eine hohe Flasche gebannt, auf den Tisch 
stellte und verschwand. 
Da, während Frauchen nichtsahnend in einem Sessel lag 
und einen Roman von Honore de Balzac verschlang, geschah 
etwas ganz unerhörtes. 
Willy hatte sich nicht erst die Mühe genommen, die Tinte 
aus der grossen Flasche in das sichere Tintenfass zu giessen, 
denn er war ein Feldsoldat und hasste alle Umwege, vielmehr 
speiste er seine Feder direkt aus der hohen Flasche. 
War es nun angeborene Ungeschicklichkeit, oder der süsse 
Ovieto, oder der Groll über das Briefschreiben, der sich in 
allzu ungestümen Bewegungen Luft machte, oder hatte er viel 
leicht aus Versehen auf die Tischdecke getreten, kurz, der 
Tintencampanile stürzte auf einmal um und — welch’ furcht 
bares Unglück — ergoss sich tückisch auf den schreib- 
willigen Willy, das heisst auf seinen funkelnagelneuen eng 
lischen Reiseanzug, den einzigen Tagesanzug, den er mit sich 
führte, denn er war ein Feldsoldat und folglich ein Gegner 
alles entbehrlichen Reisegepäcks. 
Was nun folgte ging mit der Schnelligkeit des Blitzes. 
Noch ehe Lilly das Unglück auch nur ahnte, war Willy 
schon vom Sofa aufgesprungen und riss sich die Kleider vom 
Leibe. Rock und Weste flogen nur so herunter. Die Hose 
prasselte pfeilschnell von seinen Beinen. Dann sprang er mit 
einem Satz zum Waschtisch, riss den Paravant beiseite, drehte 
den Hahn fürs Heisse auf, versenkte die triefende Hose in 
das marmorne Waschbecken und reinigte seinen profanen 
Hosenboden mit Lillys elfenbeinerner Nagelbürste und auch 
mit Lillys kostbarer Seife von Edouard Pinaud. das Stück zu 
5 Mark.
        
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