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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

„ich bin heute Abend leider verhindert, zu der üblichen Zeit 
nach Haus zu kommen.“ 
„Warum, Erich?“ fragte Frau Ilse, die sich nur mühsam 
beherrschte, um den in ihr tobenden Gefühlssturm nicht zu 
verraten. 
„Das ist eine eigenartige Geschichte.“ 
„Geschäftlicher Natur?“ 
„Ja, geschäftlich auch. Ich erzähle es Dir morgen aus 
führlicher. Warte aber nicht auf mich, sondern geh’ ruhig ins 
Bett. Es kann spät werden, bis ich heimkehre. Adieu, Lieb!“ 
„Oh, der Niederträchtige!“ stöhnte Ilse, nachdem sie den 
Hörer angehängt hatte. „Herz und Lieb nennt er mich, 
während er mit der Dicken . . .“ Weinend warf sie sich auf 
das Sopha. 
Um sieben Uhr betraten zwei verschleierte Damen durch 
den hinteren Eingang das Restaurant zum „Rebstock.“ Die 
vollere und grössere von ihnen schickte einen forschenden Blick 
durch das Lokal. Dann winkte sie den Kellner zu sich heran. 
„Sitzt ein Herr, der Schmisse und einen starken blonden 
Schnurrbart hat, mit einer korpulenten Dame in einer der 
Nischen?“ 
Der Befrackte zögerte mit der Antwort. Frau Stabsarzt 
Thydürr drückte ihm ein Markstück in die Hand fragte kurz; 
„Wo?“ 
Der Kellner verbeugte sich tief und streckte die Hand 
aus. „Dort.“ 
Führen Sie uns unauffällig In die daneben liegende Nische 
und bringen Sie uns zwei Glas Madeira.“ 
Die Nischen waren durch übermannshohe Holzwände von 
einander getrennt und durch rote WollVorhänge geschlossen. 
Deutlich vernahmen die beiden lauschenden Damen die 
Unterhaltung in der angrenzenden Nische. 
„Lieber Erichmann“, sagte eine kräftige Frauenstimme, 
„lassen wir doch durchsichtige Ausflüchte. Wenn die Herren 
der Schöpfung in die Ehe getreten sind, ziehen sie alle die 
Parierhosen an. Schon der Eifersüchteleien ihrer Frauchen 
wegen. Aber deshalb soll unsere Freundschaft keinen Knaks 
erleiden. Prostchen, Erichmann!“ 
Die Gläser klangen aneinander. 
„Meine Frau ist wirklich nicht eifersüchtig.“ 
„Das ist Erich!“ wisperte Frau Hilde der Freundin zu.“ 
„So lange sie keinen Grund dazu auszubuddeln vermag“, 
erwiderte die Frauenstimme in der Nebennische. Ein lautes 
Lachen folgte. „Ich kenne unser Geschlecht. Darum war es 
für den Frieden eurer Ehe das einzig Richtige, Du wurdest 
auf unverfängliche Weise hierher gelotst. Wo Heu liegt, soll 
man nicht mit Feuer kokeln.“ 
Erich Roland lachte belustigt. „Du hast immer noch 
Deine burschikose Ausdrucksweise, Milie.“ 
„Die ist mein bestrickendster Reiz. Ohne sie wären wir 
doch nie zueinander so menschlich ungeniert geworden. Ziererei 
ist die Zwilhngsschwester der Unaufrichtigkeit. Ich zeigte mich 
doch stets tief dekolliert. Die Offenherzigkeit bereitete Euch 
allen immer eine ehrliche Freude, und Dir nicht zuletzt, mein 
Erichmann.“ 
„Wie frech!“ flüsterte Ilse Olga zu. 
„Das räume ich Dir gern ein, Milie,“ erwiderte der 
Rechtsanwalt. „Gegenüber unseren Salonpuppen warst Du 
von einer herzerfrischenden Urwüchsigkeit.“ 
„Danke. Statt der gegenseitigen Sch weif wedeleien wollen 
wir jetzt lieber auf die nüchterne Gegenwart zurückkommen. 
Also wieviel bewilligst Du mir gutmütig? Du bist ja jetzt reich 
verheiratet.“ 
„Wieviel brauchst Du, Elfchen?“ 
„Elfchen nennt er sie!“ jammerte Ilse. 
„Ich denke 5000 Emmchen werden reichen. Vier Mädchen 
habe ich schon.“ 
„Oh!“ schluchzte die lauschende junge Frau. 
„Aber es werden sicher noch mehr dazu kommen“, fuhr 
das Elfchen fort. 
„Schändlich!“ stiess Frau Stabsarzt Thydürr empört hervor. 
„Für jedes der munteren Dinger .beziehe ich monatlich 
120 Mark. Macht im Jahr für die ganze Adele Gesellschaft 
zusammen 5760 Mark. Das klingt viel. Aber bedenke, lieber 
Erichmann, wenn man vier junge Mädchenmagen zu stopfen 
hat! Und ich will doch auch leben!“ 
„Gewiss. Und nicht gar zu schlecht.“ 
„Ein schmackhalter Happen und ein guter Tropfen sind 
achtbare Schrittmacher im Erdenwallen. Sonst hält’ ich mich 
nicht so umfangreich herausgemustert. Die Anforderungen, die 
gestellt werden, werden ebenfalls täglich umfangreicher. Rechne 
'mal, lieber Erichmann, vier Mädels wollen auch schlafen. Die 
Wohnung muss also entsprechend gross sein. Oder sollen sie 
übereinander liegen? Für eine angemessene Einrichtung ist 
deshalb die Summe von 5000 Emmchen keine Unverschämtheit. 
Für Dich aber ist sie eine Lappalie, schon deshalb, wem Du 
Dich erinnerst, welche garnierten Schüsseln wir zusammen auf- 
und ausgefressen haben, und wie oft Du mir versichert hast, 
wenn Du erst auf ungeflickten Strümpfen ständest, wolltest Du 
mir schon kräftig unter die Arme kitzeln.“ 
„Dass das Geld ausserdem zweckmässig angelegt und 
verwendet wird, dafür werde ich Sorge tragen“, sagte plötzlich 
eine fremde, liefe Männerstimme. 
„Was?“ tuschelte Ilse überrascht der Freundin zu. „Da 
ist noch ein anderer Mann anwesend!“ 
„Still“, mahnte Frau Olga Thydürr. „Merkst Du es nicht? 
Der Vormund von den vier Mädchen!“ 
„Ah so!“ stöhnte Ilse. 
„Davon bin ich überzeugt, Feist“, entgegnete Erich Roland 
drüben. „Uebrigens habe ich zu Milie selbst das sichere Ver 
trauen, dass sie mit dem Geld gut wirtschaften und es recht 
schaffen zu den Aufwendungen benutzen wird, die die Mädchen 
nötig haben “ 
„Also bist Du einverstanden, Erichmann, und wir können 
unser Nahgespräch abklingeln.“ 
„Immerhin ist es das Vermögen meiner Frau.“ 
„Er hat doch einige Gewissenskrupel!“ flüsterte Frau Olga. 
„Nun,“ versetzte in der Nebennische Milie mit aufsteigenden 
Unwillen, „wenn Du deshalb von Befürchtungen um Dein 
Seelenheil gepeinigt wirst, so stürze Dich meinetwegen nicht 
in die ewige Verdammnis. Ich muss dann einen andern Weg 
beschreiten.“ 
„Sie will ihn verklagen!“ hauchte Ilse verzweifelt. „Oh, 
der Skandal!“ 
„Aber, liebes Elfchen . . .“ wehrte Roland ab. 
„Versprechen und halten gleicht sich wie Bleiweiss und 
Tinte“, unterbrach ihn die Angeredete. „Die Tiefe dieser 
Volksweisheit durchleuchtet meinen engen Gehirnkasten von 
neuem elektrisch. Auf ganzen Strümpfen stehst Du jetzt. 
Wenn Du wolltest könntest Du mir demnach ohne Herzklopfen 
unter die Arme greifen. Aber dir fehlt die Courage dazu.“ 
„Gott, Milie, was ereiferst Du Dich! Selbstverständlich, 
ich gebe Dir das Geld.“ 
„Endlich ein Heldenwort!“ rief Milie lachend. „Du 
sendest mir also die Summe, Erichmann. X)u bist zum Küssen. 
Willst Du einen haben? Und unter den Armen kitzeln kannst 
Du mich auch dabei.“ 
„Jetzt ist es Zeit!“ befahl Olga. 
Im nächsten Augenblick huschten die beiden Damen zu der 
Nebennische, und Frau Stabsarzt Thydürr schlug den Woll- 
vorhang zurück. „Ah, Pardon “ 
In dem Kabinett sassen Erich Roland, der lächelnd gerade 
sein Glas zum Munde führte, ein gedrungener, rundlicher Herr mit 
schwarzem Kneifer auf der bläulich geäderten Nase und 
eine sehr wohlbeleibte Dame in der Mitte der dreissiger 
Jahre mit fast männlichen Gesichtszügen, die ihren höchst 
unmodernen buntblumigen Hut zurecht rückte. 
„Frau Doktor, wo kommen Sie her?“ stiess der Rechts 
anwalt sich umwendend überrascht hervor. 
„Wir. . .“ 
„Wir?“ 
„Ihr Frauchen ist auch noch da.“ 
Hinter dem Vorhang trat glutübergossen Ilse hervor. 
„Das ist aber reizend! Ilsie, welch’ ein amüsanter Zufall!“ 
Frau Olga Thydürr hatte sich gefasst. Wir sind durch 
die Stadt gebummelt, bekamen Appetit auf ein Glas Wein 
und gerieten so in die Nische.“ 
„Dann nehmen Sie schleunigst Platz. Darf ich die 
Herrschaften bekannt machen? Frau Stabsarzt Thydürr, mein 
Frauchen Ilse, meine lieben Freunde von dem humoristischen 
Klub .Wurstkessel’ in Heidelberg, Fräulein Emilie und ihr 
Bruder Dr. Paul Diedicke.“ 
„Wie?“ fragte Frau Olga, als würden ihr alle Welträtsel 
gelöst.
        
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