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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

zu sein. Na warte, jetzt erst recht nicht, Otto Bergmann wird 
mein Schwiegersohn, Ober- und Unter-Konitz müssen Zu 
sammenkommen.“ 
Hierauf ging er zu Frau und Tochter und hielt ihnen eine 
Standpauke, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig Hess. 
Das Geflirte mit dem Aetherhusar und dem Sausewind habe 
aufzuhören, sonst verbiete er diesem sein Haus. Punktum. 
Reuig und zerknirscht versprach Martha alles, was Papa 
verlangte und dieser war schnell wieder besänftigt, denn er 
bemerkte das schelmische und spitzbübische Lächeln seiner 
reuigen Tochter nicht. Er konnte daher nicht im entferntesten 
ahnen, dass gegen Abend in einem einsamen Teile des weiten 
Parkes sich Martha und der Oberleutnant trafen, und eifrigst 
Wichtiges miteinander zu flüstern und zu beraten hatten. 
Wenn er gar noch gesehen hätte, wie der Offizier sein Mädel 
umfasste und herzlich küsste und wie Martha den Kuss geübt 
und tapfer erwiderte, er hätte grosse Augen gemacht . . . 
Es war am nächsten Abend, Baron Rellen sass eben ge 
mütlich in seinem Arbeitszimmer und war in eine Fachzeitung 
über Rübenbau vertieft, als seine Frau mit allen Zeichen 
höchsten Schreckens hereinstürzte und weinend rief: „Komme 
schnell, Martha hat soeben einen Ohnmachtsanfall erlitten. 
Das arme Kind, es hat sich gewiss so gekränkt und gehärmt 
über deine heftigen Worte von gestern und nun wird es uns 
krank.“ Ihre Stimme bebte und war voll Vorwurf. 
Der Baron war wie vom Donner gerührt. Martha krank, 
seine Einzige, für die er zu jeder Stunde sein Leben gab. 
Rasch folgte er seiner schluchzenden Gattin. Als er dann 
die regungslose Gestalt und das blasse Gesicht seines Lieblings 
sah, da wollte auch ihm ein wildes Schluchzen in die Kehle 
steigen. Schon eilte er aus dem Zimmer. 
„Johann“ donnerte er durchs Haus, „schnell, spring ins 
Dorf hinüber, Dr. Müller soll sofort kommen.“ 
„Aber Oskar, Dr. Müller ist doch zu einer Waffenübung 
eingerückt.“ 
„Johann!“ brüllte der Baron, „Karl soll satteln, in die 
Kreisstadt zum Sanitätsrat, das Pferd nicht schonen.“ 
„Es ist umsonst“ jammerte die Baronin, „Der Arzt kann 
frühestens in zwei Stunden hier sein, bis dahin stirbt unser 
Kind. Doch halt einen Ausweg.“ 
„Welchen? Sprich, rede.“ 
„Wenn Herr von Reichels die grosse Güte hätte mit seiner 
Rumpler-Taube aufzusteigen, er konnte den Weg hin und zurück 
in einer halben Stunde machen und Dr. Hansen in der Kreis 
stadt ist sein Freund und schon mehrmals als Passagier mit 
ihm geflogen.“ 
Der Baron war schon draussen, riss den Hut vom Nagel 
und eilte durch den Park auf die Heide hinaus den nicht 
weitentfernten Gebäuden der Luftschifferabteilung zu. 
Er hatte unerwartetes Glück. Ernst von Reichels stand in 
seinem Pilotenkostüm vor dem Hangar, aus dem seine Leute 
soeben die Flugmaschine zogen. 
Mit hastigen, aufgeregten Worten trug der Baron seine Bitte 
vor und bereitwilligst sprach der junge Offizier: „Hoffentlich 
nichts Ernstes, Herr Baron. Das trifft sich gut, ich wollte 
gerade bei dem hellen Mondschein zu einer Nachtfahrt auf 
steigen. Ich bringe Ihnen Dr. Hansen in kürzester Zeit.“ 
Der Motor wurde angekurbelt, die Propeller begannen zu 
sausen, dann glitt der grosse Vogel eine Strecke auf der Erde 
dahin und erhob sich plötzlich in die sternenklare Vollmond 
nacht, in der er rasch gegen die Kreisstadt entschwand. 
Erleichtert und voll neuer Hoffnung eilte der Baron wieder 
zurück. Es mochte kaum eine halbe Stunde vergangen sein, 
da sah er vom Fenster aus eine hochgewachsene Gestalt vom 
Parke her dem Schlosse sich nähern. Es war Dr. Hansen. 
„Auf diesem Wege,“ rief er dem Baron zu, „bin ich noch 
nie zu einem Patienten geholt worden.“ 
Wenig später wurde dem Baron die freudige Nachricht 
mitgeteilt, dass Martha wieder zu sich gekommen sei und er 
atmete auf, als ihm Dr. Hansen versicherte, dass Fräulein 
Martha bald wieder vollständig hergestellt sei und kein Anlass 
zu irgend welcher Besorgnis vorliege. In der Tat, Martha war 
am nächsten Morgen schon wieder frisch und munter, Baron 
Rellen aber betrachtete von diesem Tage an den Aether- 
husaren und Lufthopser mit anderen Augen. Wer weiss, was 
geschehen wäre, wenn dieser den Doctor nicht in so kurzer 
Zeit zur Stelle brachte. Dass die ganze Geschichte zwischen 
Martha, Ernst von Reichels und Dr. Hansen abgekartet war, 
dieser Gedanke lag ihm fern und dankbaren Herzens gab er 
nun die Einwilligung zur Verlobung seiner Tochter mit dem 
Oberleutnant. Bald darauf wurde die Verlobung gefeiert und 
selbst die Rumpler-Taube war an diesem Tage festlich bekränzt. 
Baron Rellen musste sich rein als Liebling der Götter be 
trachten, als ihm wenige Tage später Otto von Bergmann 
Unter-Konitz zum Kaufe anbot, da er sich an einem grossen 
Unternehmen in der Residenz zu beteiligen gedächte. 
Berliner Nächte. 
Nachdruck verboten. 
Berliner Nächte — sind wie rote Bluten, 
voll herz- und sinnberückend schwülem Duft, — 
in weiß und goldnen Sälen, lichtdurchsprühten, 
ebbt Patschuli und Ambra in der Luft 
Berliner Nächte — sind wie Hörselberge, 
musikbeseelt, durchtanzt, durchliebt, durchtost 
Chasseurs in Scharlach sind die Märchen-Zwerge, 
von mancher Hand gestreichelt und gekost. 
Frau Venus winkt; — blaufuchsverbrämt die Schleppe, 
seitwärts das Kleid geschlitzt, — im Qoldlackschuh, 
posiert das schöne Bein auf roter Treppe . . . 
das Venuslächeln lockt: „Komm mit mir, du!“ 
Ein Arm, straff, stark, trainiert mit Reck und Hantel, 
umschlingt so leis die hüftenschlanke Frau , , . 
Und von der Schulter sinkt der Abendmantel, 
der liliendurchstickt, türkisenblau. 
Ein Lächeln: „Liebe •— ist doch süßes Müssen?“ — 
Den sie erwählt aus der Verehrer Troß, 
beginnt ein heißes, taumelwildes Küssen 
vom Nacken abwärts bis zum Qürtelschloß 
Berliner Nächte — sind wie Paradiese, 
voll Eva-Schönheit, weiß und wunderbar; — 
es birgt die Stirn so mancher Simson-Riese 
in langgelöstes, blondes Frauenhaar. 
Berliner Nächte — sind wie goldne Sünden, 
und eine, eine nahm ans Herz ich kühn, 
ich sah ein Glück erblühn — und glühn — und schwinden 
in einer einzigen Ballnacht von Berlin . . . 
Der Mann — natürlich Spitzbart, Ordensbändchen, 
politisierte irgendwo beim Sekt, 
er sprach vielleicht von einem Balkanländchen, 
da hat Versuchung sich emporgereckt. 
Da hat die Sünde unser Herz genommen, — 
in Heimlichkeit, — so jäh — ich dein, du mein . . 
Wie Samum war das über uns gekommen . . . 
Ach — Sünde — dieses Ueberseligsein? — — 
Den Mantel rafftest du dann brüsk und eilig . , , 
Wer lacht da? Satan — du?? du hast gelacht?? — 
Hm . . . geh . . , ich spreche diese Sünde heilig, 
ja heilig, — weil sie selig uns gemacht , . 
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