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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

„es mag Mädchen geben, die tüchtige Hausfrauen werden. 
Sie sind zu zählen! Die andern erscheinen, wenn der Freiers 
mann die Familie besucht, mit rotgekochtem Kopfe, kokettieren 
mit selbstgekochten Speisen, an denen natürlich die Mutter 
oder die Köchin den Bärenanteil hat, und markieren das Haus 
mütterchen in einer oft ganz verblüffenden Weise. Eins der 
wirksamsten Mittel beim Männerfänge!“ 
Der Misogyn bemerkte in seinem Eifer nicht, dass Eber 
hardt den Tisch ein Stückchen zu sich heranzog und dann 
unauffällig mit seinem Stuhle etwas zurückrückte. 
„Ist wohl, Herr Ambros, das Durchschnittsweib fähig, 
logisch zu denken?“ fragte der Kandidat dann mit aufmerk 
samer Miene. 
„Logisch zu denken?“ spottete der Gefragte. „Warum sind 
so viele Frauen so kleinlich, so ewig unzufrieden, warum nör 
geln sie an allem herum? Weil ihnen das folgerichtige Denken 
absolut abgeht!“ 
Als er diesen Trumpf ausspielte, rückte er unwillkürlich 
mit seinem Stuhle dem Tische näher, dem der Kandidat wieder 
einen Ruck gegeben hatte. 
„Halten Sie, Herr Ambros, auf Grund Ihrer Erfahrungen 
die Frau für höflich?“ fragte der Kandidat bescheiden und zog 
mit seinen verborgen gehaltenen Händen wieder am Tische, 
als der Rentier zornig ausrief: „Ist das höflich, wenn man 
immer das letzte Wort behalten muss? Wo ist die Frau, die 
jemand anderen ausreden lässt? Dass die Frauen unpünktlich 
sind, dass sie am falschen Ende sparen, das wird Ihnen ja 
wohl bekannt sein, Herr Kandidat?“ 
Eberhardt bejahte zunickend und rückte erneut am Tische, 
schob auch seinen Stuhl unmerklich zurück. 
Ambros in seinem Eifer rückte dann seinen Stuhl näher 
zum Tische. 
Ein unauffälliger Blick, den Eberhardt zur Seite warf, 
zeigte ihm, dass die anwesenden Gäste, die einander auf das 
Schauspiel aufmerksam gemacht, sich in leisem Lachen bogen. 
„Wie fassen Sie wohl das Verhältnis der Frauen zu ihrem 
eigenen Geschlechte auf?“ forschte der unermüdliche Tisch 
rücker weiter. 
„Zwischen Weibern“, donnerte Ambros, „herrscht von 
Natur Feindschaft, sie sind auf ihr ganzes Geschlecht eifer 
süchtig, weil nicht nur ihr eigener Mann oder Geliebter, nein 
weil alle andern Männer einer andern nachlaufen könnten.“ 
So ging das Gespräch, währenddessen der Rentier sein 
Mittagsmahl einnahm, noch eine Weile weiter. 
Als schliesslich Eberhardt auf das häusliche Leben kam, 
wütete Ambros, seinen Stuhl tüchtig verschiebend: „Die Frau 
lebt heute mehr ausserhalb des Hauses, wie dort, wo sie 
hingehört. Eine neue Spielart des uralten weiblichen Egoismus. 
Daher die vielen unglücklichen Ehen. —“ 
„Es sind aber wohl noch andere Gründe hierfür?“ fragte 
der „anziehende“ junge Mann weiter. 
„Ja natürlich! Zanksucht, Unordnung, Starrköpfigkeit und 
dann — junger Mann, bleiben Sie ledig — dann die Eheirrungen, 
wie man sie beschönigend nennt!“ 
„Verbindlichen Dank für Ihre so instruktiven Mitteilungen!“ 
erwiderte Eberhardt, der mit diesen Worten und einer höf 
lichen Verbeugung das Gespräch endete. Dann erhob er sich 
Elise Waldmann 
eine hervorragende Koloratursängerin, gab kürzlich mit grossem Erfolge ein Konzert 
in der Singakademie und durfte sich des besonderen Beifalles der Prinzessin 
Viktoria Luise, die dem Konzert beiwohnte, erfreuen. Am 14. Februar sang 
Fräulein Waldmann im Königlichen Schlosse vor dem Kaiserpaar gelegentlich der 
Verlobungsfeierlichkeiten das Wiegenlied von Mozart und Variationen von Proch. 
Die Künstlerin ist eine Schülerin der Kammersängerin Mathilde Mallinger. 
und rief seinem Freunde Breitenbach zu; „Ich habe meine 
Wette gewonnen!“ 
„Welche Wette?“ fragte der weiberfeindliche Rentier sehr 
erstaunt. 
„Verzeihen Sie, Herr Ambros“, erwiderte Eberhardt höflich, 
„ich habe gewettet, Sie zu veranlassen, einmal auf einem 
andern, als Ihrem gewohnten Platze zu dinieren!“ 
Der Stammgast sah sich um und merkte mit entsetzter 
Miene, dass er mit seinem Tisch über einen Meter weit von 
seiner sonstigen Stelle entfernt war. „Kellner zahlen!“ rief er 
zornig, warf den Betrag hin und verliess das Restaurant. 
— Eberhardt hatte seine Wette glänzend gewonnen und 
unter dem jubelnden Beifall der andern Gäste nahm er den 
Betrag vom Assessor, der sich selbst sehr amüsierte, in Empfang. 
— Leider folgte ein Nachspiel; der Inhaber des Restaurants 
teilte dem Gewinner der Wette mit, dass Herr Ambros infolge 
des ihm gespielten Streichs nicht mehr zum Essen käme. 
Das betrübte den gutherzigen Kandidaten, und er sann 
hin und her, wie er Abhilfe schaffen könne. Schliesslich 
schrieb er dem verstimmten Stammgast einen sehr höflichen 
Brief, in dem er ihn bat, wieder im Restaurant zu erscheinen, 
falls ihm das beigelegte Büchlein gefalle. In diesem Büchlein 
aber befand sich Schopenhauers Aufsatz: „Über die Weiber.“ 
Am nächsten Tage erschien der Rentier Ambros wieder 
im Restaurant, vom Wirt und dem Kellner aufgenommen wie 
der Fürst von Thurn und Taxis. Eberhardt nickte er freund 
lich zu und bat ihn an seinen Tisch. 
„Grossartig, Herr Kandidat!“ rief er. „Grossartig, dieser 
Schopenhauer! Die Weiber sind zeitlebens grosse Kinder,“ 
zitierte er, „sind kindisch, läppsch, kurzsichtig. Mit den 
Mädchen hat es die Natur auf einen Knalleffekt abgesehen. 
Die Weiber denken, die Bestimmung der Männer sei, Geld 
zu verdienen, die ihrige hingegen, es durchzubringen. Göttlich! 
Der Grundzug des weiblichen Charakters ist Ungerechtigkeit, 
die Natur hat das Weib mit Verstellungskraft ausgerüstet. 
Und so noch Vieles! Ich danke Ihnen für das Heftchen, 
Herr Kandidat. Von dem Mann muss ich noch mehr lesen!“ 
Und als Eberhardt sich dann erhoben hatte, rief ihm 
Ambros noch zu: „Wenn ich nach einer solchen Festgabe 
nicht versöhnt sein sollte, dann wäre ich noch mehr verrückt, 
wie der Tisch, den Sie neulich mit solcher Gewandtheit ver 
rückt haben!“ 
G.Schwechten 
Hof. Pianoforte TabriK 
-3.W. gegründet l85a^ ^ 
l\och5tra53e 61 
Berlin 
nur
        
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