Path:

Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

Kurt Warthich verstand seinen Liebling und erkannte in 
diesem Hundeworte, das er vernommen hatte, die Bereitwilligkeit 
Schnuppels, ihm helfen zu wollen, soviel er es vermöchte. 
Lächelnd strich er den hübschen Kopf desselben und legte 
sich dann zum Schlafen nieder. Dieser war aber recht 
unruhig. Träume störten ihn, wenn es auch immer nur 
angenehme waren. 
Am anderen Morgen überlegte Kurt von neuem, wohin er 
sich wenden sollte, um seiner Sehnsucht Ziel erhoffen zu 
können. Er frühstückte aut seinem Zimmer und spazierte dann 
mit Schnuppel davon. 
Der Offizier gehörte einem Garde-lnfanterie-Regiment an. 
Sollte er versuchen, ihn in der Nähe der Kaserne desselben 
anzutreffen, in irgend einer Weise seine Bekanntschaft zu 
machen? Sein Bemühen war vergeblich. 
Langsam ging er dann Unter den Linden auf und ab 
und musterte alle jungen Damen, die ihm begegneten. Kein 
Erfolg. 
Da hörte er wohlklingende Militärmusik. Die Wache zog 
auf. Was aber sah er denn da? Zog da nicht als Wach- 
oifizier der Begleiter der jungen Dame, die so plötzlich alle 
seine Sinne gefangen genommen hatte, gleich hinter der Musik 
an ihm vorüber? Etwas lebhafter schritt er nun aus, als er 
sich aus dem Menschengewimmel, welches die Wache be 
gleitete, mit seinem Dackel glücklich befreit sah, und folgte 
derselben bis an das Schloss. Dort wartete er noch auf das 
Abrücken der abgelösten Wache und wandte sich dann dem 
Portal an den Rossebändigern zu. 
„Hunde dürfen ins Schloss nicht mitgebracht werden!“ 
rief ihm der Grenadier, welcher die Portalflügel zu öffnen 
hatte, entgegen. 
„Ich will auch garnicht ins Schloss hinein, mein Bester!“ 
erwiderte Kurt Warthich. „Sagen Sie mir nur eins. Wie 
heisst heut der wachehabende Offizier? Leutnant von 
Massow ?“ 
„Nein! Herr Oberleutnant von Bernissen.“ 
„Danke!“ 
Das war ein Anhaltspunkt. Eilig ging er von dannen, dass 
kaum Schnuppel mit ihm Schritt halten konnte. Jetzt galt es, 
in einem Lokale das Adressbuch zu Rate zu ziehen. Bald 
fand er, was er suchte: Oberleutnant von Bernissen. Frau 
von Bernissen, Exzellenz, Generalswilwe. Beide wohnten in 
einem Hause, also sicherlich zusammen. Dann war die ältere 
Dame nicht die Tante beider gewesen, sondern die Mutter. 
Hastig ass Kurt etwas und auch sein vierbeiniger Begleiter 
bekam seinen Teil, dann bestieg jener mit diesem eine 
Droschke und fuhr nach der Strasse, welche ihm das 
Adressbuch verraten hatte. Wenige Häuser vor der er 
mittelten Nummer Hess er halten und stieg aus. Vorfahren 
mochte er dort nicht, das konnte auffallen. 
Das Haus war verschlossen. Der Pförtner musste ihm 
Rede und Antwort stehen. Auf Umwegen steuerte der 
Suchende seinem Ziele zu. Aber wieder wurde er enttäuscht. 
Es gab nur Mutter und Sohn, eine Tochter war nicht vorhanden. 
Während der letzten Tage wäre einige Male eine junge Dame 
zum Besuche bei Ihrer Exzellenz gewesen, erklärte der Mann; 
wenn er recht gehört hatte, hörte diese auf den Namen Molly. 
Kurt musste über diese Ausdrucksweise lachen und sah 
unwillkürlich dabei Schnuppel an, der recht teilnahmslos dabei 
stand. Offenbar war er müde. Was fiel seinem Herrn auch 
heute ein, fortwährend mit ihm auf dem alten, harten Pflaster 
umherzulaufen? Das bischen Droschkenfahrt war für die Katz’. 
Kurt Warthich konnte nichts weiter erfahren und hielt es 
auch nicht für angebracht, den Portier zu irgendwelchem Nach 
forschen nach jener Molly zu veranlassen. Das musste er 
selbst in die Hand nehmen, mit Hilfe des Oberleutnants, den 
er unter irgendeinem Vorwände auf der Wache aufsuchen wollte. 
„Da darfst Du nicht mit, Schnuppel!“ sprach er zu seinem 
Hunde, der mürrisch nur ganz wenig mit dem Schwänze 
wedelte. „Du bist müde, armer Dachs. Ich werde Dich 
nach Hause bringen, da kannst Du ausruhen.“ Er winkte eine 
Droschke heran und fuhr nach der Kurfürstenstrasse. 
Schnuppel stillte seinen heftigen Durst, sprang in die Sofa 
ecke und erklärte durch seine Art, wie er sich nach mehr 
fachem Rundherumgehen auf der Stelle zusammenkauerte, deutlich, 
dass er für seine vierbeinige Person heut’ nicht weiter mit 
zuspielen Willens wäre. 
Auch Kurt ruhte sich etwas aus. Erst gegen Abend ging 
er fort und wollte seinen wohl durchdachten Plan, wie er mit 
dem Oberleutnant anbändeln könnte, ausführen. Aber es sollte 
anders kommen. Ein Gutsnachbar, welcher zufällig auch in 
Berlin war, erkannte ihn in der Potsdamerstrasse, sprach ihn 
an und belegte ihn für den ganzen Abend mit Beschlag, sodass 
es kein Entrinnen gab. 
In den ersten Vormittagsstunden des folgenden Tages hatte 
er dringende, geschäftliche Besuche zu erledigen, bei denen 
Schnuppel ihn nicht begleiten durfte. Dieser war auch garnicht 
böse darüber, denn Berlin gefiel ihm diesmal garnicht. In 
Hohen-Most konnte er doch trotz der Hundesperre einmal 
heimlich eine Exkursion ohne Maulkorb in den Park unternehmen. 
Hier musste er das ihm verhasste Ding immer tragen und dazu 
kam das unbegreifliche Hin- und Herhasten seines Herrn. Da 
blieb er schon lieber in seiner Sofaecke. 
Als Kurt in den Mittagsstunden das Haus der Pension 
Rotbusch betrat, fand er alles in der grenzenlosesten Aufregung 
vor. Dabei hörte er die wütende Stimme seines Lieblings in 
schärfster Tonart erschallen. Nichts Gutes ahnend, sprang er 
die Treppe empor. 
„Gott sei Dank, dass Sie hier sind, Herr Warthich!“ 
empfing ihn Fräulein von Rotbusch voller Verzweiflung. „Ihr 
Teckel muss tollwütig geworden sein! So viele Hunde sind ja 
jetzt toll. Man kommt aus der Hundesperre garnicht heraus.“ 
„Ach bewahre, gnädiges Fräulein. Da irren Sie. Wo 
ist denn der Dachs?“ 
„In Ihrem Zimmer, Herr Warthich.“ 
„Und macht da solchen Skandal? Dann haben Sie meine 
Warnung nicht berücksichtigt und jemanden in mein Zimmer 
hineingeschickt. Das macht Schnuppel dann immer so. Hinein 
in mein Zimmer lässt er jeden, aber nur ihm Bekannte lässt 
er wieder hinaus, andere hält er so lange fest, bis ich selbst 
erscheine.“ 
„Gott ja, Herr Warthich. So, wie Sie sagen, ist es auch. 
Meine Nichte, die gerade bei mir zum Besuche ist und im 
Hause nicht so genau Bescheid weiss, hatte sich in der Zimmertür 
geirrt, war in Ihr Zimmer geraten, dass sie wohl abzuschliessen 
vergessen, als Sie fortgingen und wurde von Ihrem Hunde 
sogar mit freundlichem Schwanzwedeln empfangen. Als meine 
Nichte ihr Versehen erkannte und sich sofort wieder zurück 
ziehen wollte, vertrat ihr der heimtückische Dackel aber den 
Weg, stellte sich knurrend vor den Eingang und drohte dann, 
als sie trotzdem an ihm vorübergehen wollte, sie zu beissen. 
Er geriet in solche Wut, dass meine Nichte sich nicht mehr 
von der Stelle wagte, Ich rief meinen Hausdiener. Als der 
sie befreien wollte, hat er ihm die Hose total zerrissen.“ 
„Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, gnädiges Fräulein. 
Auf diese Spezialität meines Hundes machte ich Sie nicht 
besonders aufmerksam, weil ich Sie warnte, jemanden in meiner 
Abwesenheit in mein Zimmer zu lassen, wenn Schnuppel es 
innehatte. Ich bekenne meine Schuld insofern, als ich tatsächlich 
vergessen haben muss, den Schlüssel herum zudrehen. Ich eile 
aber jetzt, Ihr Fräulein Nichte zu befreien und Christians Hose 
bezahle ich natürlich. Seien Sie, bitte, auch meinem Dackel 
nicht böse.“ 
Er steuerte mit grossen Schritten seinem Zimmer zu, 
Fräulein von Rotbusch folgte ihn in grosser Angst, aber sie 
iE TJGytcr Gpj2.atKits.T2s 
0bjeßtäcj2,TMsmßn&läöem 
'kaxip. racurx DeHrt&il&aft 5jzL suscd 
BBJ&pirr C, 
Schlossplatz 4^ votec Schlosst 
Sie. die letzte. Lageeäster.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.