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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

morgen bin ich fortgelaufen und habe geweint, wie nie in 
meinem Leben. Er kam mir nach, aber als er mich so sah, 
da flüsterte er nur mit erstickter Stimme: „Arme, kleine Nurse, 
könnte ich Sie doch trösten“, und ging wieder fort. Anna. 
• 9 9 
Villa Casabella. 
Liebste Gertle! 
Morgen reist er. Wenn er nicht heimkehrt — wie soll 
ich das ertragen? Und wenn er wiederkommt? Auch dann 
gibt es kein Glück. Es ist immer das Gleiche! — Die Frau 
soll sich in England verheiratet haben mit einem Amerikaner. 
Sie lässt sich das Leben nicht durch Gewissensskrupel ver 
derben. — Ich will hinunter, will bei ihm sein, so lange 
es geht. Anna. 
9 9.9. 
Villa Casabella, nachts 12 Uhr. 
Meine liebste Gertie! 
Sag’ mir, ob ich falsch gehandelt. Er bat mich so dringend: 
„Wollen Sie nicht heute Ihre Tracht ablegen? Es ist mein 
letzter Abend. Ich möchte Sie so gerne ein einziges Mal ohne 
die Haube sehen — eine Erinnerung mit mir nehmen, wie 
Lady Anna eigentlich aussieht.“ Und da tat ich es. Als ich 
in dem weissen, dekolletierten Kleide in den Salon trat, war 
mir doch befangen zu Mute. Die Marchesa brachte mich 
rasch mit ihrer Liebenswürdigkeit darüber hinweg. Im Billard 
zimmer wollte ich etwas holen. Dort traf 'mich Migliori. Er 
küsste mir die Hand. Ich danke Ihnen, Lady Anna, dass 
Sie meine Bitte erfüllt haben. Aber — jetzt — wird es mir 
nur noch schwerer — —er verstummte und mir stiegen 
wieder die Tränen auf. Er gab mir ein kleines Etui. 
„Wollen Sie das von mir annehmen — als Dank der Kinder 
für Ihre Güte?“ fragte er ganz leise und stockend. Es war 
eine kleine Nadel, zwei Rubinherzchen von kleinen Brillanten 
eingefasst und durch ein winziges Platinkettchen verbunden. 
Ich verstand. Ich wollte ihm so gern etwas Liebes sagen, 
etwas, das ihn trösten konnte und ihm zeigen, dass ich ihn 
verstehe. Aber Träne aut Träne tropfte leise herunter auf 
seine Hand und meine, die er wieder ergriffen. „Cara, cara 
mia.“ Seine Stimme schnitt mir ins Herz. Wir standen ganz 
nahe. Da beugte ich mich vor. Und wir küssten uns. — 
Jetzt bin ich ganz ruhig. Ich habe ein trauriges Leben vor 
mir, aber jemand wird mit mir trauern, unsere Gedanken sind 
vereint. Sage mir, ob ich Unrecht getan. — Ich konnte 
nicht anders. Anna. 
• 9 9 
Villa Casabella. 
Liebste Gertie! 
Er ist fort. Wir waren alle auf der Terrasse, als das 
Auto vorfuhr. Ich hatte den Jungen auf dem Arm, er spielte 
mit meiner Nadel. „Gib acht, Bubi, dass das Kettchen nicht 
zerreisst“, rief die Grossmutter. „Ich habe keine Angst — 
die Kette wird nie zerreissen“, erwiderte ich bestimmt und 
sah dem Baron fest in die Augen. Er kam zu mir; „Nie, so 
lange eines der Herzen noch schlägt.“ Er küsste meine Hand — 
dann fuhr er davon. Anna. 
9 9 9 
Villa Casabella. 
Liebste Gertie! 
Ist es lange, dass ich nicht geschrieben? Ich weiss es 
nicht. Mir ist es bang. 
Ein Telegramm kam, dass er sich eingeschifft — ein anderes, 
dass er drüben angekommen. Und immer Grüsse für die 
Kinder und die Nurse. Seine Eltern sprechen viel — fast nur 
von ihm. Ich höre zu — möchte so gern alles wissen. Seine 
Briefe lesen. Die Kinder beschäftigen meine Hände, aber nicht 
meine Gedanken. Die sind bei ihm. Kommen nicht von ihm 
los. Ist es denn möglich, dass ich ihn nie, nie werde haben 
dürfen? Manchmal denke ich, ob ich alles hätte von mir 
werfen sollen und mit ihm gehen, wohin es auch sei. Aber 
ich könnte das nicht, werde es nie können. Und er hätte es 
auch nie von mir verlangt, das weiss ich. Ich bin todtraurig. 
Deine Anna. 
9 9 9 
Villa Casabella. 
Liebste Gertie! 
Dein letzter Brief ist erfüllt von dem schrecklichen Unglück, 
das so vielen Menschen das Leben gekostet. Unser schönstes, 
grösstes Schiff vernichtet! Es ist kaum glaublich! Aber 
Gertie — noch unglaublicher als diese Katastrophe ist der 
Einfluss, den sie auf das Glück zweier Menschen haben wird. 
Ich möchte laut jubeln und schäme mich doch, es zu tun bei 
dem Schmerz so vieler. 
Liebste Gertie! Du wirst mich verstehen: Die einstige 
Baronin Rossi, jetzt Mrs. Allen, war mit ihrem Manne auf 
dem Schiff und wurde tot nach New York gebracht. Man 
hat die Nachricht sofort an Migliori telegraphiert. Aber es 
kann einige Tage dauern, bis er sie erhält, denn er ist nach 
einem Fort weiter im Innern kommandiert. 
Ich glaube, nun weiss die Marchesa, wie es um mich 
steht. Als sie mir sehr erregt die Todesnachricht mitteilte, 
wurde ich feuerrot und brach in Tränen aus. Sie küsste mich 
ohne ein Wort so herzlich. Ich vergehe vor Sehnsucht nach 
einem Lebenszeichen von ihm. Ich weiss, er wird mir sofort 
schreiben und dann — vielleicht werde ich doch noch glücklich. 
Deine Anna. 
9 9 9 
Villa Casabella. 
Liebste Gertie! 
Heute kam ein Telegramm aus dem Ministerium. Migliori 
liegt schwer verwundet im Fort. Seine Eltern sind vollständig 
niedergeworfen — und ich Ich kann nicht weiter 
schreiben. Was denn auch? Verzeih’. Deine Anna. 
Villa Casabella. 
Liebste Gertie! 
Mein Telegramm hast Du erhalten. Und dann tagelanges 
Schweigen von mir. Hab’ tausend Dank für Deine vielen, 
lieben Briefe. Was soll ich Dir noch sagen? Ich kann kaum 
denken. Nur immer das Eine: Migliori ist tot ■— fort — ich 
werde ihn nie mehr sehen, nie, nie mehr. Vor ein paar 
Wochen war ich hoffnungslos. Aber was ist das gegen 
heute? Wo alles wirklich aus ist — für immer! Seinen 
Eltern habe ich alles gesagt. Sie sind selbst so verzweifelt, 
dass es ihnen ein Trost ist, wie ich mit ihnen fühle. Sie 
pflegen mich wie eine Tochter. Ich habe versprochen, bei 
ihnen zu bleiben. Und wo sollte ich auch hin? Die zwei 
Menschen, die ihn am meisten liebten, seine Mutter und ich — 
die gehören zusammen. — Wir sprechen nur von ihm — 
stundenlang. Und weinen. — Ich kann nicht mehr schreiben, 
meine Hand zittert so. Anna. 
Villa Casabella. 
Liebste Gertie! 
Noch einmal eine grosse Freude — oder war’s ein grosser 
Schmerz? Ich weiss nicht. Ein Brief von ihm. Unvollendet. 
Als er schon verwundet war. Dass seine Frau tot, hat er 
nie erfahren. An seine Eltern hat er auch geschrieben. Sie 
sind so gut zu mir. Sie wollen mir Vater und Mutter sein. 
So nenne ich sie jetzt. Die Tracht habe ich abgelegt. Aber 
für seine Kinder will ich sorgen, bis ich tot bin. Endlich 
weiss ich, wo ich hingehöre. Wenn Du kannst, komm’ zu 
mir. Ich sehne mich nach Dir — mehr als ich sagen kann. 
Gertie! Ich bin so verzweifelt. Ich weiss nicht, wie ich 
weiterleben soll. Die Eltern muss ich trösten, den Kindern 
helfen. Und ich — habe niemand. Anna. 
Fort Tripo lis. 
Carissima mia! 
Der Arzt hat mir gesagt, die Wunde sei tödlich. Da darf 
ich Dir schreiben. Es kann kein Unrecht sein. Du weisst, 
dass ich Dich liebe, Du mein Liebstes auf der Welt, Du 
weisst, dass Du meine einzige Sehnsucht bist. Meine Augen 
haben es Dir gesagt — mein Kuss. Aber Worte noch nicht. 
Und ich finde keine es auszudrücken. Könnte ich Dich doch 
in meinen Arm nehmen — nur ein einziges Mal — Du 
solltest es fühlen, wissen, dass ich Dich liebe. — Du bist so 
gut gewesen — gegen die Kinder, die Eltern, gegen den 
unglücklichen — verlassenen Mann. Ich hätte Dir in Anbetung 
die Hände küssen mögen — immerfort. Aber ich wollte 
Dich nicht erschrecken, beunruhigen. Bis ich sah, dass Du 
mich verstehst. Das war so gut, so lieb von Dir, es mir zu 
zeigen. Mir zu erlauben, Dir nah’ zu kommen. Dafür danke 
ich Dir. O, Anna, wenn wir uns hätten gehören dürfen! 
Zusammen sein —• immer. Ich bin in den Krieg, weil ich 
das Leben nicht mehr ertrug — weil ich eine Kugel erhoffte. 
Ich bin sehr schwach, aber ohne Schmerzen. Wie wären wir 
glücklich geworden, wenn die Kirche, die Gesetze, es erlaubt! 
Die haben Dein Glück vernichtet und mein Leben . 
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