Path:

Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

Grazie die Tasse derart vor den Journalisten hin, dass der 
Henkel links war. 
„Wie Sie gewünscht haben, Herr Plumke!“ sagte er. 
„Na und was für ein Gesicht hat denn der Piccolo draussen 
gemacht, wie er’s bestellte? fragte Plumke. „Sah er nicht 
ernst dabei aus?“ 
„Jawohl, sehr ernst, Herr Plumke!“ 
Nun rief man den Piccolo und lobte ihn, dass er seinen 
Auftrag so gut ausgerichtet hätte. 
„Habt Ihr denn viel Tassen, wo der Henkel links ist?“ 
fragte einer. 
„Ich welss es nicht,“ erwiderte der künftige Hotelier unsicher. 
„Um auf die ehrwürdigen Veteranen der Bühne zurück 
zukommen,“ sagte jetzt der Musiklehrer Handrock, „Ihre 
Klarrissa Mulina“ — 
„Im bürgerlichen Leben Käte Meyer,“ fiel ein freundlicher 
Kollege ein — 
„Ihre Klarissa Mulina leidet auch anscheinend an einer 
hartnäckigen Kehlkopf Verfettung. 
„Sie wird nächstens vom Repertoire entschwinden.“ er 
widerte der gemütliche Bassist Krüppel. „Entweder wird sie 
in den Chor eintreten —“ 
„In den Chor der Rache!“ rief einer — 
„Oder sie wird die Legion der Gesanglehrerinnen um 
eine vermehren.“ 
„Alte Sache,“ rief Plumke. „Wer nicht mehr singen kann, 
wird Gesanglehrerin.“ 
„Weil der Musikunterricht gar so viel Spass macht!“ sagte 
jetzt der Klavierlehrer. „Was man da erlebt! Zumal mit den 
Schülerinnen! Die häufigste Erscheinung ist das sogenannte 
Gesicht! Da kommt die Schülerin zum Unterricht mit einer 
bestimmten Miene, einer besonderen Stimmung. Sie will nämlich 
gefragt sein: Warum so traurig? Warum so lustig? Warum 
so böse? Der Neuling fällt auf diese Versuche, sich interessant 
zu machen, herein, er fragt. Es ist hier eben umgekehrt wie 
beim Parsival: hier fragt der reine Tor! Der Erfahrene, vulgo 
Abgebrühte, tut, als sähe er nicht das Mindeste. Das Schlimmste 
aber sind die — Mütter!“ 
„Die Mütter! Mütter! ’s klingt so wunderlich!“ zitierte 
Plumke aus „Faust.“ 
3&U 
*fur qactc WjdMefjaut 
atick. 504 
„Natürlich hat jede Tochter Talent, grosses Talent!“ fuhr 
der Klavierlehrer fort. „Anders tut’s die Mutter nicht! Ihnen 
diesen Zahn zu ziehen, das ist oft nicht so leicht! Entschuldigen 
Sie, meine Herren,“ sagte er dann, „dass ich von meinem 
Berufe rede, aber ich weiss augenblicklich keinen langweiligeren 
Gegenstand!“ 
„Sie Wohltäter der Menschheit!“ rief Plumke lachend. 
„Der Berufsgenossen gibts ja Verschiedene. Da gleich einmal 
Wilkens! Kennen Sie ihn! Nicht? Nun es ist einer der in 
weitesten Kreisen unbekannten Schriftsteller, das heisst Schrift 
steller unter Annahme mildernder Umstände. Er dichtet 
Feuilletons, alle unter dem Eindrücke von Stimmungen. Nun 
verdirbt er sich aber die Stimmung ganz systematisch. Er 
kneipt immer abends lange, dann hat er am andern Tage einen 
wüsten Kopf, oder er raucht fünfzig Zigaretten, faulenzt aber 
in dieser Ekstase. Und dann wundert er sich hinterher, dass 
in seinen von wüster Depression zermorschten Gedankentopf 
nichts auf blühen will!“ 
„Schön gesagt!“ rief der Maler Dill. 
„Dass Sie doch die Witzeleien nicht lassen können!“ be 
merkte dagegen der Sänger und Gesanglehrer Kreutei in bos 
haftem Tone. 
Kreutei war ein Mensch, den seine Bekannten in Musse- 
stunden unter sich das „pestgeschwollene Ungeheuer“ nannten. 
Heute hielt er jedoch mit seinem Gift zurück, da er in den 
nächsten Tagen ein Konzert geben und sich nicht vorher mit 
den Bekannten verfeinden wollte; er argwöhnte in seinem steten 
Misstrauen, von sich auf andere schliessend, dass ihm einer 
sonst einen Streich spielen könnte. 
Daran dachte indessen niemand in der Tafelrunde, man 
medisierte wohl ein wenig, warf aber den andern keinen Stein 
in den Weg. 
Und so rief denn auch dieser Ausfall des bissigen Sängers, 
der einmal seine heutigen guten Vorsätze vergass, keine Ent 
gegnung hervor. 
„Haben Sie,“ fragte vielmehr Plumke die Korona, haben 
Sie schon gehört, dass unser Opernstern Lebel nun doch 
seine Flamme heiraten wird?“ 
„Nein, wie ist denn das gekommen?“ rief man. 
„Nun, Sie wissen ja,“ fuhr Plumke fort, „der Lebel 
bemüht sich schon seit längerer Zeit um die Hand eines 
Fabrikantentächterleins. Nun Hess sich kürzlich der Vater der 
Verehrten, kein sonderlicher Theaterschwärmer, einmal breit 
schlagen, die Oper zu besuchen, als Lebel gerade den Don 
Juan verarbeitete. Am Tage nach der Vorstellung bat er den 
Sänger zu sich und sagte ihm, er habe nichts mehr gegen die 
Verlobung einzuwenden. Und als nun der entzückte Sänger 
fragte, wie denn dieser Umschwung gekommen sei, erwiderte 
der Schwiegervater in spe: „Ich habe nicht mehr die Furcht, 
dass Sie mein Kind unglücklich machen werden. Ich habe 
Sie gestern abend spielen sehen — -—“ Lebel verbeugte sich 
geschmeichelt — „Sie sind — kein Don Juan!“ 
„Au! Das durfte nicht kommen!“ rief man. 
Nun erhob man sich, um das Lokal zu verlassen. 
„Sie geben ja übermorgen auch ein Konzert?“ sagte 
Handrock zu Kreutei, und dieser erwiderte stolz: „Allerdings!“ 
Ein Neuling am Stammtische, ein Landschaftsmaler Koch, 
den sein Kollege Dill eingeführt hatte, sagte nun harmlos: 
„Mit Frackbekleidung und Klavierbegleitung!“ 
Kreutei der Giftige vergass bei diesen Worten seine 
Diplomatie, sein Naturell siegte, und zornig rief er: „Was 
wollen Sie? Sie werden mir Genugtuung geben!“ 
Damit riss er eine Brieftasche heraus, um ihr seine Visiten 
karte zu entnehmen. In der Hast des Zornes überreichte er 
die Karte dem vermeintlichen Beleidiger. 
Der Landschafter blieb sehr ruhig, er steckte die Karte 
ein und verliess langsam mit seinem Kunstgenossen das Cafe, 
während der Sänger zornig davonstürmte. 
Das Konzert fand statt und hatte, da der Giftige gut sang, 
auch leidlichen Erfolg. 
Am Tage drauf sass er mit der Korona wieder im Cafe, 
als die beiden Maler eintraten. 
Kreutei sprang auf, stürzte auf Koch zu und rief: „Mein 
Herr, Sie haben mir noch keine Genugtuung gegeben! 
Der Landschafter nahm ruhig Platz, dann sagte er ge 
mütlich; „Doch, Herr Kreutei, in vollem Umfange!“ 
„Wieso? wieso?“ rief der zornige Tenorist. 
„Nun“, fuhr Koch ruhig fort, „Sie haben mir neulich ein 
— Billett zu Ihrem gestrigen Konzert gegeben, ich habe es 
besucht, habe Sie singen hören — was wollen Sie noch mehr?“ 
„Ah, da hat Kreutei im Eifer die Karten verwechselt! 
Sehr gut!“ rief Plumke lachend, und alle ändern stimmten ein 
lautes, schier unerschöpfliches Gelächter an. 
Das war zu viel für den Sänger, mit einem wütenden Blick 
nahm er seinen Hut und stürmte hinaus. 
„Da geht er hin und singt nicht mehr!“ sagte einer und 
unter allgemeiner lachender Zustimmung rief Plumke; Das war 
wirklich eine glänzende Genugtuung! Prosit, Herr Koch, auf 
Ihr Spezielles!“ 
r 
is TJxyOy" 
0bjj2MDJ2J^^nsrmn^läxm 
'haufi raan. DovteJlbiaft bszL 
bBizjcim c. 
<§x2hJjDösplalz. votßjs SjchLossi 
Ste dte letzte. Lagzviiste;.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.