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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

Die Luft war samtweich. Das Meer schillerte betörend. 
Der Himmel war wie durch einen dünnen Vorhang leicht 
verschleiert. 
„Paradiesisch — —■ —“ murmelte der Alte mit halb 
geschlossenen Augen. 
„Höre Papa, dort kommen Müllers, muss Dich vor 
stellen !“ 
„Meinetwegen! niedliche Krabbe! köstlich hier —!“ 
„Gestatten —- — mein Vater :—“ 
„Müller !“ Hallerstein -— — —!“ 
„Meine Frau meine Tochter!“ 
Fräulein Lotte Müller knixte, die Schleife wippte kokett 
und lenkte die Blicke auf das kleine Ohr und den entblössten 
weissen Hals. Der Rittmeister drückte die Brust heraus und 
dienerte. Man setzte sich. 
„Die Hallersteins sind bayrischer Adel?“ fragte Herr 
Müller im Laufe des Gespräches — „und ein Zweig ist in 
Ostpreussen, wenn ich nicht irre?“ 
„Allerdings“, erwiderte der Rittergutsbesitzer dem be 
scheidenen kleinen Herrn —■ „scheinen Geschlecht zu 
kennen, vielleicht Beziehungen durch Frau Gemahlin ? Meine 
Frau war eine v. d. Goltz aus dem Hause Rabenau “ 
„Meine Frau ist eine Meyer aus dem Hause Meyer- 
Elberfeld !“ 
Verbeugung nach der runden Dame im grauen Alpakkakleid. 
Als die beiden Herren später oben im Zimmer waren, sah 
der Vater fest in das schmale Gesicht, in die klugen braunen 
Augen des Sohnes. „Also is nich!“ er machte einen Strich 
durch die Luft, „pauvre verstehste, Du — --! nich der 
kleinste Titel Hand davon!“ — — 
Geigen sangen — Bläser schmetterten 
Reunion ! 
Im Takte schweben Füsschen in farbigseidenen Stöckel 
schuhen — schlanke Frauen ranken sich an befrackte 
Herren. 
Im Säulengang rings um den Saal Sprachengewirr! Schöner 
Frauen rote Lippen, dunkle Augen locken geheimnisvoll unter 
den sie grotesk verhüllenden grossblumigen Schleiern ! 
kulinarische Genüsse winken. 
Hier höchste Daseinsfreude draussen die erhabene 
Natur! Fort mit allen Sorgen von diesem herrlichen Stück 
Welt! —! Hatte der alte Herr, der mit seinem Sohn an 
einem der Tische sass, es laut gedacht ? 
„Aber so tanze doch Junge!“ 
„Danke!“ Der junge Offizier sieht melancholisch, wie 
Lotte „seine“ Lotte, im kurzen rosa Kleidchen unauf 
hörlich tanzt. 
„Iss und trinke doch!“ 
„Danke!“ 
„Bitte! Wütend tranchierte der Vater ein junges Reb 
huhn dann zerlegte er einige Wachteln, nimmt von 
den Artischocken und anderen Gemüsen — — von Hummer 
und Krabbensalaten er kostet isst geniesst, 
mit tiefer Andacht und seine Stimme wurde so milde 
wie die durch Oel gebändigten Wogen des Meeres . 
„Ist ja ne allerliebste Krabbe“, hub er unvermittelt 
Gnädige Frau! Vergleichen Sie bitte Ihnen bekannte 
Parfümerien mit Leichner; Ihre Wahl wird nicht 
zweifelhaft sein, ßufdem Toilettentisch der eleganten 
Dame sind stets zu finden: Parfüm, Creme, 
Puder und Seife uon Leichner. 
vielleicht durch Ideenassoziation mit dem Salat an „feiner 
Hals, schlanke Fesseln, rassig, jawohl —! Du weisst 
mein Sohn, ich erfülle alle Deine Wünsche auf 
Wort ! indes —“ 
„Tausend Dank, geliebter Papa — —!“ Kurt-Joachim 
stürzte davon. 
„Kellnerrr ■! Kellnerrr !“ 
„Befehlen Herr Baron die Omelette aux confitures ?“ 
„Meinen Sohn, rufen Sie sofort meinen Sohn — —!“ 
wütete der alte Herr, als er sah, wie Kurt-Joachim drüben Frau 
Müller und dem jungen Mädchen die Hände küsste — — 
„Er ist drüben beim Privatier Müller “ 
„Herr Baron meinen den Kommerzienrat Müller —?“ 
„Kommerz “ dem Alten blieb der Mund offen 
„Geheimer Kommerzienrat, Besitzer grosser Bergwerke —!“ 
—• — Der Mund klappte zu. 
Genugtuung. 
Humoreske 
Adolf Thiele. 
(Nachdruck verboten.) 
Am reservierten Tische des Cafes hatten sich wie alltäglich 
wieder mehrere Stammgäste zusammengefunden: ein paar 
Musiker, ein Maler, einige Literaten und Schauspieler. 
lieber Mangel an Lebhaftigkeit konnte man an diesem 
Tische nicht klagen; nur hier und da spielte einer der Stamm 
gäste, wenn gerade der Gedanke seiner künftigen Berühmtheit 
durch irgend einen Zufall eine Renzension oder dergleichen 
Erzmonument genährt worden war, den vornehm Schweigsamen, 
den der Lorbeer drückt, 
Heute machte zufällig einmal niemand den „grossen Mann“, 
es herrschte allgemeine Lebhaftigkeit. 
„Haben Sie schon das neueste Bild von Steffens gesehen 
beim Photographen Lambrecht?“ fragte ein Schauspieler. 
„Ach das von Ihrem Bühnengenossen Steffens?“ erwiderte 
der Journalist Plumke. „Na der beisst einmal den tragischen 
Helden schön heraus, der sieht ja aus, als ob ihn die Stiefel 
drückten!“ 
„Der Schuh drückt Ihn auch“, bemerkte der Schauspieler, 
„er halte wieder mal Krach mit dem Direktor!“ 
„Was war denn los?“ 
„Wieder die alte Geschichte, andere werden bevorzugt, er 
wird nicht seinem Talent entsprechend beschäftigt!“ 
„O je, dieser alte Witz! da ist das Bild von der neuesten 
Szene Ihres Balletts lustiger als dieser Hamlet ohne Geist!“ 
„Unser Ballett! Nun ja; Mancher behauptet zwar, wie es 
die Hausfrauen beim Fleischer tun, — es wäre etwas zuviel 
Knochenbeilage dabei!“ 
„Na ja“, sagte der Tiermaler Dill, „Sie kennen ja das alte 
Wort: dessen können sich selbst die ältesten Ballettmädchen 
nicht entsinnen!“ 
„Das Alte ist aber auch oft das Gute!“ rief Plumke. 
„Passen Sie mal auf, jetzt wollen wir einmal einen uralten Witz 
machen! He, Piccolo!“ rief er dem Kellnerlehrling zu. „Eine 
Tasse Kaffee! Aber bringe mir eine Tasse, wo der Henkel 
links ist! Ich bin linkshändig und kann aus einer andern Tasse 
nicht trinken!“ 
Der Piccolo stutzte. 
„Na ihr werdet doch solche Tassen haben!“ rief Plumke. 
„Also der Henkel muss links sein!“ 
Der Piccolo verschwand mit ernster Miene und bald darauf 
erschien der servierende „Ober“ und stellte mit unnachahmlicher
        
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