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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

Handarbeit beschäftigt eine junge anmutige Frau, ihr gegen 
über lesend ein Offizier, auf den Kieswegen haschten sich 
zwei blühende Jungen. Diese sahen ihn. 
„Papa, da ist ein fremder Herr!“ 
Der Offizier und auch seine Frau sahen auf und nun trat 
Gustav den Hut ziehend, rasch näher und fragte: „Verzeihen 
die Herrschaften, wenn ich störe, vor Jahren wohnte hier eine 
Frau von Hohendahl?“ 
Der Hauptmann hatte sich erhoben und erwiderte zuvor 
kommend: Ich bedaure Ihnen keine Auskunft geben zu können. 
Seit zwei Jahren ist diese Villa in unserem Besitz, nachdem 
der frühere Besitzer gestorben war. Aber auch die Mieter 
vor uns hatten, wenn ich mich recht erinnere, nicht den von 
Ihnen genannten Namen.“ 
Gustav dankte und empfahl sich, nicht ohne noch einen langen 
beneidenden Blick auf das Bild reinen Glückes zu werfen. 
Auf der Strasse blieb er für Sekunden stehen, fast ratlos, 
zu stark hatte ihn die Enttäuschung getroffen. Mit der Hoffnung 
frohe Botschaft zu bringen, besonders seiner Frau, die Gold 
über alles liebte, war er gekommen und hatte nie mit der 
Möglichkeit gerechnet, sie nicht zu treffen. Wo musste er nun 
Bianka und Elsa suchen? Er ging den Weg zurück, den er 
gekommen war und, als er in der inneren Stadt wieder an 
langte um sich bei der Polizei zu erkundigen, da blieb er 
plötzlich stehen und sah scharf nach einer alten Frau, die 
gerade vor ihm aus einer Kirche getreten war. Kein Zweifel, 
es war Anna, die alte Dienerin, die mit Bianka und Elsa In 
die Stadt gezogen war und die schon vorher ein Menschenalter 
hindurch auf Rostow treu gedient hatte. 
Von diesem Zufall angenehm überrascht rief er: „Anna!‘, 
Die Frau fuhr beim Klange dieser Stimme erschreckt zu 
sammen und sah auf, bald aber flog ein Schimmer heller 
Freude über das blasse, verhärmte Gesicht. 
„Der gnädige Herr“ stammelte sie und kam eilig näher. 
Mit Tränen in den Augen griff sie nach der Hand Gustav von 
Hohendahls und küsste sie. 
„Also Anna ihr seid doch noch in der Stadt, in eine 
andere Wohnung gezogen? Ich suchte Euch in der Villa 
draussen aber vergebens. Doch nun schnell, führe mich, was 
macht mein Elschen?“ 
Bekümmert nickte die Alte und sprach leise: „Ich bin nicht 
mehr in Diensten der gnädigen Frau.“ 
„Nicht mehr? Warum? Erzähle. Wo ist Bianka und Elsa?“ 
Nach einigem Zögern erwiderte die alte Magd: „Ich be 
wohne nicht weit von hier ein Stübchen bei braven Handwerker 
leuten, wenn der gnädige Herr mir folgen will, es spricht sich 
besser als auf der Strasse und mit zwei Worten ist es nicht gesagt.“ 
Steckenpferd- 
Lilienmilch-Seife 
Für zarte weisse Haut 
und blendend schönen Teint. 
„Gut, gehen wir.“ Voll unruhiger Hast, sodass die 
Greisin kaum zu folgen vermochte, und von schlimmen Ahnungen 
erfüllt, eilte Gustav dahin. Endlich sass er in der ärmlichen, 
aber sauberen Stube Anna gegenüber, lehnte ungeduldig eine 
Erfrischung ab und dann begann die letztere ohne weitere 
Einleitung: „Der gnädige Herr waren einige Monate fort, da 
wurde der Gnädigen das stille Leben zu langweilig. Ich 
merkte es an ihrer Unruhe, an der schlechten Stimmung, die 
Elschen und ich entgelten mussten. Dann kam plötzlich der 
Umschwung. Sie wurden mit einigen Gutsbesizern der 
Nachbarschaft bekannt, Einladungen kamen und wurden dann 
auch von uns gegeben und bald darauf verkehrten auch 
Offiziere und andere Lebemänner in Frau Biankas Salon. Es 
währte nicht lange, da tauchten alte Bekannte von ehemals 
auf, unter andern auch Herr von Knoll, der reiche Knoll, wie 
er kurz genannt wurde, und den der gnädige Herr ja kannte. 
Hatte er früher seine begehrlichen Blicke auf die Mutter 
gerichtet, so schien ihm nun die Tochter besser zu gefallen, 
die aufblühende Knospe reizte diesen Genussmenschen. Schon 
nach einem Jahr, so darf ich wohl mit Sicherheit annehmen, 
waren der Gnädigen ihre Mittel zu Ende und nun kam das 
Schreckliche. Knoll warb um Elsa und erhielt trotz der 
heftigsten Gegenwehr des kaum siebzehnjährigen Mädchens, 
das einen grenzenlosen Ekel vor dem Lebemanne empfand, 
von der gnädigen Frau das Jawort. Auf einmal war Elschens 
Widerstand gebrochen, ihre Mutter hatte ihr in beweglichen 
Worten vorgejammert, dass sie nun Bettler seien und, wenn 
sie weiter leben wollten, die gewöhnlichsten Arbeiten verrichten 
müssten. In Elschens Macht stünde es, das alles zu ändern 
und so fort, bis das arme Kind apathisch alles über sich 
ergehen liess. Die Hochzeit wurde mit grossem Pomp gefeiert 
und die reine Blume war in den Besitz des Wüstlings über 
gegangen. Während die Neuvermählten die Hochzeitsreise 
machten, ging in der Villa das flotte Leben weiter. Die 
Gnädige hatte wieder Mittel, unerschöpfliche Mittel und genoss 
das Leben. Ich trat bald darauf aus ihrem Dienste.“ 
Gustav von Hohendahl war aufgesprungen, mit geballten 
Händen wie ein Rasender lief er in dem kleinen Raume hin 
und her. Alles Blut war aus seinem Gesicht gewichen, asch 
fahl schien die gebräunte Haut und machte einen erschreckenden 
Eindruck. Zwischen den Augen, die unheimlich glühten, sass 
eine tiefe Falte und die Adern auf der Stirn schwollen 
mächtig an. 
Es war unschwer zu erkennen, wie es in dem Manne 
arbeitete, welche furchtbare Erregung seine Muskeln und Sehnen 
bis fast zum Zerreissen spannten. 
Mit zitternder Stimme rief er endlich: Das hat sie getan? 
Dem durch sein Schandleben verkommenen Menschen mein 
Kind verkuppelt. Weiter Anna.“ 
Diese kam der rauhen Aufforderung nach, während Träne 
um Träne ihr aus den Augen rann. „Es ist nicht mehr viel 
zu melden. Was das arme Kind an der Seite Knolls gelitten, 
habe ich wenigstens nicht mehr mitansehen müssen und auch 
das Schicksal war Elschen gnädig. Bei der Geburt eines 
Kindes starb sie nach zehnmonatlicher Ehe, auch das Kind 
war nicht lebensfähig. Damals zog die Gnädige von hier fort 
und ich habe nichts mehr von ihr gehört, Sie soll fast stets 
auf Reisen sein.“ 
Gustav drückte der treuen Dienerin die Hand und reichte 
ihr, damit ihr Lebensabend von keinen Sorgen getrübt sei, 
eine grössere Summe. Dann sprach er sich zum Gehen 
wendend: „Nun bleibt mir noch eins zu tun, Bianka zu suchen 
und müsste ich ganz Europa durchreisen, um Rechenschaft von 
ihr zu fordern und dann — — fahr wohl Heimat.“ 
* $ 
* 
Erst nach Wochen gelang es Gustav von Hohendahl eine 
Spur Biankas zu finden. Sie wies nach der Schweiz und an 
einem schönen Augustmorgen erfuhr er vom Portier eines 
Alpenhotels im Berneroberland, dass eine Frau Bianka von 
Hohendahl im Hotel wohne und diesen Morgen mit einer 
Gesellschaft zu einem bekannten Aussichtspunkt aufgestiegen sei. 
Ohne zu zögern und sich Ruhe zu gönnen, obwohl er die 
ganze Nacht durchgefahren war, folgte Gustav auf dem ihm 
bezeichneten Wege. Beim Aussichtspunkte, einem kleinen von 
einem eisernen Geländer umgebenen Plateau, traf er die 
Gesellschaft und erkannte mit einem Blicke seine Frau. Ihr 
Lachen drang bis zu ihm, sie scherzte mit einigen Herren, 
schien bester Stimmung zu sein und sich besten Wohlseins zu 
erfreuen. Gustav biss die Zähne zusammen und die Adern 
auf seiner Stirn schwollen wieder an. Mit einem rauhen, fast 
heiseren Laut hatte er die kleine Ebene betreten, gerade als 
der Blick seiner Frau auf ihn fiel. 
Auch diese hatte ihn sofort erkannt. Mit einem Aufschrei, 
totenbleich wich sie wie vor einem Gespenst zurück und in 
ihren Augen lag starres Entsetzen. 
Schon klang eine unheimliche Stimme. „Weib? Wo ist 
Elsa? Was hast Du mit unserem Kinde getan? Um schnödes 
Gold verkuppelt und verkauft.“ 
Gustavs Hand fuhr blitzschnell in die Höhe, etwas Helles 
blitzte in der Sonne auf, ein kurzer, dumpfer Knall und Bianka 
von Hohendahl stürzte lautlos zusammen. 
In der furchtbaren Verwirrung, die entstand, verschwand 
Gustav, ohne dass es jemanden eingefallen wäre ihn aufzuhalten. 
Aufschreiend wichen die Damen zurück, während die Herren 
sich erst nach geraumer Zeit soweit fassten sich um Frau von 
Hohendahl zu bemühen. Unter ihnen war ein Arzt und der 
erkannte das vergebliche jeder Hilfe. Das Herz war getroffen 
und der Tod sogleich eingetreten. Einige Stunden später wurde 
die blühende, lebenslustige Frau als erkaltende Leiche in den 
Ort hinuntergegangen und die Tragödie war zu Ende. 
Gustav von Hohendahl glückte es Amerika wieder zu er 
reichen, wo er im unendlichen Strom der Millionen, der dort 
aus allen Ländern der Welt zusammenfliesst, für immer 
untertauchte. 
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