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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

melden. Und die Redaktionen würden sich um meine Berichte 
drängen. Und nachher ein Buch schreiben! Ja, das war eine 
glänzende Kapitalanlage! Das brachte bessere Zinsen, als wenn 
ich mir Aktien kaufen würde. 
Richtig, da war ja meine Frau! Die konnte selbstverständlich 
nicht mit. Sie sollte ein ganzes Jahr irgendwohin fahren. Sagen 
musste ich ihr ja schliesslich doch, dass ich dass grosse Los 
gewonnen hatte. Aber auch sehr schonend und nicht den 
wahren Betrag nennen. Höchstens die Hälfte. Ja, und den 
Brillantring für tausend Mark, den ich neulich gesehen hatte, 
wollte ich ihr schenken. 
So dachte ich und grübelte noch, als ich auf dem 
Korridor Schritte hörte. Meine Frau! Um Gotteswillen, das 
Geld! Sie durfte es nicht sehen. Ich griff in die braunen 
und blauen Scheine und in das Goldgeld und steckte zwei 
Hände voll eiligst in die Tasche. Und griff und raffte noch 
einmal. Da bekam ich einen derben Stoss in die Seite und 
ich hörte meine Frau sagen; 
„Was machst Du denn?“ 
Und erhielt noch einen Stoss in die Seite. Da wandte 
ich mich um. Meine Frau aber sprach unwillig: 
„Möchte nur wissen wovon Du geträumt hast. Die ganze 
Bettdecke hast Du zerrissen!“. 
Gräfin Gitta. 
Nach dem Norwegischen von Hans Günther. 
(Nachdruck verboten.) 
Für alle, die ein wenig Interesse für Malerei hatten, war 
ein neues Bild von Neri stets ein Ereignis. Seine Werke 
standen so hoch im Preis, dass sie nur für Museen oder 
Milliardäre erschwinglich waren. 
Sein letztes Werk war soeben fertig geworden, und er 
hatte sein Atelier einem Kreise von auserlesenen Freunden 
zur Besichtigung eröffnet. 
„Herrlich! Prächtig! Wunderbar!“ erklang es ringsum an 
gesichts des neuen Bildes, das im Vordergründe des Ateliers 
auf einer Staffelei stand. Es stellte ein in einem Bach am 
Waldesrand badendes junges Mädchen von idealer Schönheit 
dar. Ihr langes Goldhaar fiel wie ein Sonnenschleier über 
ihre zart gerundeten Schultern, die Umrisse ihrer anmutigen 
Gestalt hoben sich reizvoll von dem grünen Hintergrund ab, 
ihre saphirblauen Augen leuchteten vor Güte und Klugheit. 
Gerührt stand man vor dem Kunstwerk, drückte dem 
Meister bewegt die Hand und beglückwünschte ihn zu seinem 
grossen Wurf. 
„Sie sind wirklich ein Meister,“ sagte Graf Gitta „und 
haben hier ein Wnder geschaffen. Nur schade, dass Frauen 
von so vollendeter Schönheit nur auf der Leinwand grosser 
Maler leben, aber niemals in Wirklichkeit.“ 
„Da irren Sie, Herr Graf“, antwortete der Maler. „Die 
Natur schafft zuweilen weit grössere Meisterwerke, als_unsere 
Palette sie je wiederzugeben vermag. Ist doch auch dieses 
Bild nur ein Porträt, das von dem Original weit übertroffen 
wird.“ 
„Nicht möglich! Wäre es indiskret zu fragen, wer das 
Modell ist?“ 
„Ich bedaure, Ihnen diese Frage nicht beantworten zu 
können, da ich Ihren Namen selbst nicht weiss.“ 
„Merkwürdig! Sie kennen nicht einmal das Mädchen, das 
Ihnen gesessen hat?“ 
Und so drängten sich auch die andern herzu, das Interesse 
für das schöne Modell war allgemein erwacht, man bat den 
Maler zu erzählen, wie er dazu gekommen sei. Und er begann: 
„Es war im vorigen Winter. Ich war mit dem Porträt 
einer Künstlerin beschäftigt, das mir nicht recht gelingen wollte. 
Eines Tages aber war ich besonders in Stimmung und auf 
dem besten Wege, die Schwierigkeiten zu überwinden, als 
plötzlich mein Diener eintrat und mich aus der Stimmung riss. 
Ich bereitete ihm natürlich nicht gerade den freundlichsten 
Empfang. Er meldete mir, dass mich eine junge Dame in 
einer äusserst wichtigen Angelegenheit zu sprechen aber nicht 
ihren Namen zu nennen wünsche. Ich wollte sie erst ohne 
weiteres abweisen, überwand aber dann meine Heftigkeit und 
liess sie eintreten. Eine junge Dame in Trauer stand vor mir, 
das Gesicht von einem langen schwarzen Schleier verhüllt. 
„Habe ich die Ehre, mit Herrn Neri zu sprechen?“ fragte 
sie mit zitternder Stimme. 
„Ja, doch bitte ich Sie, sich ein wenig kurz zu fassen, 
denn ich bin sehr beschäftigt.“ 
„Nunwohl, ich komme mit einer Bitte. Vor acht Tagen 
starb meine Mutter, ihr armseliger Nachlass soll mit Beschlag 
belegt werden, um einige Schulden zu decken. Ich brauche 
zweitausend Mark, um das Andenken meiner armen Mutter 
zu retten, und deshalb komme ich zu Ihnen.“ 
Ich sagte ihr, dass es eine verhältnismässig grosse Summe 
sei, die sie fordere. 
„Sie verstehen mich nicht recht,“ sagte sie. „Ich bin nicht 
gekommen, um Sie um ein Almosen zu bitten, sondern um 
Ihnen einen Vorschlag zu machen. Ich würde Ihnen Modell 
stehen, um diese zweitausend Mark zu verdienen.“ Und damit 
schlug sie den Schleier zurück, und ich stand versunken in ihre 
göttliche Schönheit. Der Maler wies auf sein Bild. „Aber 
wir Maler pflegen nicht nur das Gesicht zu malen, ich weiss 
nicht, wie Sie sich dazu stellen.“ Da schoss ihr das Blut in 
die Wangen, und sie schien zu schwanken. Dann nickte sie 
schweigend. 
„Gut, bestimmen Sie die Zeit, zu der Ich morgen kommen 
soll.“ 
Und sie kam. Ihre Augen waren rot vom Weinen, ich 
hätte ihr am liebsten das Geld in die Hand gesteckt und sie 
fortgeschickt. Aber sie entwaffnete mich sofort, indem sie 
wiederholte, dass sie kein Almosen annähme und sich dieses 
Geld verdienen wolle. Da haben Sie die Geschichte meines 
neuesten Bildes, meine Herren, schloss Neri. 
„Und Sie haben nie den Namen der Dame erfahren“, fragte 
der Graf. 
„Ich weiss, dass sie Alice heisst, ihren Familiennamen wollte 
sie mir nicht sagen, und ich musste ihr versprechen, nicht danach 
zu forschen“. 
„Ein Versprechen, das Sie wohl nicht gehalten haben?“ 
„Doch, Herr Graf, ich habe es als meine Pflicht angesehen, 
ihren Wunsch zu erfüllen.“ 
Es wurde dunkel, die Gäste entfernten sich allmählich. 
Der Graf war der letzte von ihnen. 
„Sie geben mir Ihr Ehrenwort darauf, dass alles, was Sie 
von Ihrem Modell erzählt haben, auf Wahrheit beruht?“ fragte er. 
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Er drückte ihm herzlich die Hand und ging. 
Am nächsten Tage erhielt der Maler ein Billet folgenden 
Inhalts: 
Mein lieber Neri. 
Sie würden mich zu ewiger Dankbarkeit verpflichten, wenn 
Sie dem Ueberbringer dieses Billets die Photographie von dem 
Kopf des „badenden Mädchens“ geben wollten. 
Ihr Sie herzlich grüssender 
Graf Gitta. 
Der Maler erfüllte den Wunsch seines Freundes. 
Eine Woche verging, ohne dass Neri etwas von ihm hörte. 
Eines Morgens aber begegnete er ihm auf seinem Spazierritt 
im Park. 
„Lieber Neri“, rief er ihm zu, „ich hab’s nun heraus, wer 
Ihr Modell ist. Es hat mich zwar ein kleines Vermögen gekostet, 
aber ich habe es erreicht. Ich begab mich mit der Photo 
graphie in ein Detektivbureau und bot jede Summe, wenn man 
mir diese junge Dame, die Alice heisst und hier in der Haupt 
stadt wohnt, ausfindig mache. Vier Tage später wusste ich, 
dass sie Alice Lange heisst und eine sehr achtbare kleine 
Modistin ist.“ 
„Und nun?“ 
„Nun werde ich sie aufsuchen und sie mir erobern.“ 
Und nach wenigen Wochen brachten die Zeitungen eine 
sensationelle Nachricht: Der in der Gesellschaft so wohl- 
bekannte Graf Gitta hat seinem bewegten Leben ein Ziel 
gesetzt, indem er mit einer Modistin von ungewöhnlicher 
Schönheit die Ehe eingegangen ist. Als interessantes Detail 
mag hinzugefügt werden, dass Alice Lange, nun Gräfin Gitta, 
Modell gestanden hat zu dem berühmten neuesten Bilde des 
Malers Neri „Badendes Mädchen“, das von dem Grafen für 
einen schwindelnden Preis gekauft worden ist. 
G. Sch wechten 
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