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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

„Also es war gerade solche Sturmregennacht wie jetzt, — 
nur noch toller brauste das Wetter! Wartet nur erst einige 
Wochen — da werdet Ihr’s schon noch sehen, wie’s dann 
hier rast! Ich hatte mit Erkko gerade meinen Reviergang be 
endet, mir mein Essen schmecken lassen und wollte mir noch 
eine Pfeife anziinden, da pocht’s draussen. 
„Hallo, denke ich, wer mag das sein? Ich öffne, da steht 
im strömendem Regen ein hochgewachsener schöner Mann mit 
dunklem Schnurrbart, den triefenden Mantel in die Höhe 
geschlagen und dicht an ihn geschmiegt, vor Frost sich 
schüttelnd — — — 
„Wie ein Engel sah sie aus, Herr! Das liebliche Kinder- 
gesicht mit den blonden Locken, die dicht unter der Kapuze des 
Reisemantels hervorquollen, die tiefblauen Augen —• — 
„„Dürfen wir eintreten“ fragte der Herr, „wir haben uns 
im Walde verirrt!“ 
„„Tretet ein, Herr, und Ihr, schöne Dame!“ sagte ich. 
Die mussten zu den Gästen der Herrschaft gehören; wie 
mochten sie nur bei dem Wetter in den Wald geraten sein, — 
drei Stunden vom Schloss!? 
„„Der Dame ist nicht wohl!“ meinte der Herr, dessen 
hochmütiges Gesicht mir garnicht gefallen wollte, „habt Ihr 
nicht einen Raum, in dem sie sich umziehen könnte, damit wir 
hier Ihre Kleider trocknen?“ 
„„Mein Bett hierneben ist reinlich“, sagte ich, — „wenn 
die Dame vorlieb nehmen will — — —“ 
„Sie zuckte zusammen, nickte aber und ging in meine 
Schlafkammer. Nacheinander warf sie die nassen Fähnchen 
und all das zierliche Zeug, das sie am Leibe hatte, durch die 
Türspalte hier hinein, dass ich es aufhängen konnte. Sie 
musste vom Schloss gekommen sein, — solche Kleider tragen 
auch die feinen Herrschaften nicht auf der Reise.“ 
„„Ich werde Euch Tee machen“, meinte ich zu dem 
Herrn, — „die Dame muss etwas Warmes bekommen.“ 
„Er nickte stumm. Dann fragte er: „Wie weit sind wir 
denn vom Dorf?“ 
„„Drei Stunden Herr. Ich dachte, Ihr kämt vom Schloss!“ 
„„Nein, vom Dorf!“ 
„Dann verfiel er in ein starres Schweigen.“ 
„Während die Kleider der Dame trockneten, kochte ich 
den Tee. Er brachte ihn zu ihr hinein. Ich hörte sie flüstern. 
„Lauschen ist nicht gerade meine Art, Herr. Aber ein 
alter Waldläufer hat scharfe Sinne; er sieht, hört und riecht 
tausend Dinge, an denen die Stadtleute achtlos vorübergehen. 
Wenn ich das Getuschel der beiden durch die geschlossene 
Tür verstand, konnte ich nichts dafür. Und dass ich eine 
Schwedische Mutter hatte und von ihr die Sprache lernte, war 
auch nicht meine Schuld. 
„„Was tun, Ragnit?“ fragte er. 
„„Ich will nicht weiter, ich will zurück; der Himmel will’s 
nicht, Olaf!“ 
„„Aber Ragnit! Liebste, — unser Lebensgluck, — be 
denke! Hast Du kein Vertrauen mehr? 
„„Olaf, ich fürchte Gottes Zorn — wir haben uns schwer 
vergangen, Liebster. Noch ist das schlimmste nicht geschehen, — 
noch ist’s Zeit, — lass mich zurück!“ 
„„Ich werde sehen, ob mit Geld etwas zu erreichen ist. 
Zurück können wir nicht! 
„Damit drehte er sich kurz um und kam auf die Tür zu. 
Ich döste ins Feuer, als ob ich nichts gehört hätte.“ 
„„Würdet Ihr bei dem Unwetter für 100 Reichsmark eine 
Botschaft ins Dorf bringen? Wir haben uns verirrt und 
müssen weiter — —““ 
„Euer Geld spart nur, Herr, Eure Botschaft soll besorgt 
werden.“ 
„Er nahm ein Notizbuch aus der Tasche, riss einen Zettel 
heraus und fing an zu schreiben: ,.Im Walde verlaufen. Sind 
bei“ — „ja bei wem sind wir eigentlich, Freund?“ unterbrach 
er sich, mich ansehend. 
„Belm Forsthüter Yrijö.“ 
„„Also „beim Forsthüter Yrijö. Sendet Wagen dorthin, 
Bergson.“ 
„Wohin soll das?“ fragte ich. 
„„In’s Dorf, in den Krug.““ 
„Da stimmt was nicht, dachte ich. Die vornehmen 
Herrschaften in dem elenden Krug? Du schickst den Hund 
auf’s Schloss! Erkko kann sich schlimmstenfalls ja geirrt 
haben — sonst, — — die Herrschaft leiht anständigen 
Leuten gern einen Wagen! Ich pfiff Erkko und ging vor die 
Hütte. Als ich nach zwei Minuten wiederkam, sah ich gerade 
noch, wie der Fremde von der Tür des Schlafzimmers, die 
von der andern Seite verriegelt sein musste, zurückprallte. 
Aegerlich fragte er: Ich denke, Ihr besorgt die Nachricht?“ 
„Der Hund besorgt sie. Kein Mensch käme durch das 
Unwetter durch. Der Hund läuft den Weg in s / 4 Stunden.“ 
„Der Hund fragte er erstaunt. Ja weiss denn der Hund 
was er soll?“ 
„Auf den Erkko kann ich mich verlassen. Ein kluger, 
tapferer Hund, Herr! Hat schon manches Reh den Wölfen 
entrissen! “ 
„Ich weiss nicht wie ich dazu kam, das zu sagen, dachte 
mir auch nichts dabei. Doch sah ich, wie der Fremde die 
Stirn runzelte, und mich zornig ansah. Irgend eine hochmütige 
Antwort hatte er bereit, und wer weiss, wozu es noch 
gekommen wär. Da rlef’s aus dem Schlafzimmer; 
„„Olaf, — sind meine Sachen trocken?““ 
„Er sprang zum Feuer. Drinnen wurde ein Riegel 
zurückgeschoben. “ 
„„Nein, noch nicht ganz — willst Du noch Tee?““ 
„„Bitte!““ 
„Das hatte abgelenkt. Er brachte ihr wiederum den Tee. 
Als er die Tür schliessen wollte, sprach die Dame: 
„„Nein, Olaf, lass’ die Türe nur auf, — — ich sehe 
gerne das Feuer!““ 
„Ich fühlte, — Sie wollte nicht allein sein. Ich warf einen 
verstohlenen Blick in’s Zimmer. Sie lag ganz im Bett vergraben, 
nur der blonde Lockenkopf war zu sehen. 
„Wir brüteten alle drei vor uns hin. Nach einer halben 
Stunde untersuchte ich die feine Spitzenwäsche, die Kleider — 
„Die Frau Baronin kann sich jetzt anziehen“, sagte ich. 
„Alles ist trocken!“ 
„„Wie kommen Sie dazu, Frau Baronin zu sagen?““ fuhr 
er auf. 
„O, ich meinte nur so.“ 
„Er trug alles hinüber, kam wieder zu mir, — schloss die 
Türe und hockte am Feuer nieder. 
„„Wenn der Hund nur den Weg findet!“ 
„Ohne Sorge, Herr, er muss ohnehin bald zurück sein!“ 
„Und richtig, nach einer weiteren Viertelstunde bellte es 
an der Türe. Ich liess Erkko hinein. Er trug ein Briefchen 
am Halse mit Aufschrift: „Frau Baronin v. Gyldenbrand!“ 
Und das Gyldenbrand’sche Wappen war auf dem Umschlag. 
„In diesem Augenblick trat auch die schöne junge Frau 
hinzu. Sie sah zwar ein wenig zerzaust, aber doch wohl und 
frisch aus. Als sie den Brief erhielt, erbleichte sie ein wenig. 
„Der Fremde biss die Zähne aufeinander. Die Zornader 
schwoll ihm auf der Stirn, die Hände ballten sich zu Fäusten. 
So wollte er auf mich zu treten. Sie trat dazwischen. Den 
Brief, den sie inzwischen gelesen hatte, hielt sie ihm hin. 
„„Gott sei Dank, Olaf,““ sprach sie, „„jetzt ist alles gut!““ 
„Er warf einen Blick darauf, —- einen zweiten, bitterbösen 
auf mich, — und liess das Schreiben zur Erde fallen.“ 
„„In einer halben Stunde ist der Wagen hier!““ meinte sie 
aufseufzend. 
„Ich hatte das Briefchen unbemerkt aufgehoben. Es stand 
nur darin: „Gott sei Dank, dass Du in gutem Schutz bist, — 
ich sende gleich Wagen. Hatte grosse Angst, Erik!“ 
„Erik — das war der Vorname meines Herrn — — 
Lange nachzudenken hatte ich keine Zeit. Ein Wagen 
rollte vor, in’s Zimmer trat Graf Gyldenbrand. 
„Jubelnd warf die junge Frau sich ihm an die Brust. 
„„Du Böse,““ rief er, „„so unvorsichtig in den Wald zu 
laufen! Du kennst unser Klima noch nicht, — um die Jahres 
zeit setzt der Regen oft plötzlich ein — Ich danke Ihnen, 
Kapitän Bergson, dass Sie meine Frau so ritterlich beschützt 
haben, — und Dir, mein alter Yrijö für Deine Gastfreundschaft! 
Ein Glück, dass die beiden Stadtpflänzchen sich zu Dir gefunden 
hatten! Nun aber nach Hause!““ 
„Damit stiegen alle drei in den Wagen, der schnell davon 
fuhr, und Hessen mich wieder allein mit meinen Gedanken. 
Der Sturm hatte draussen nachgelassen, aber die Regenfluten 
strömten noch immer. — — — — 
„Zu Weihnacht kam mit der Geschenkkiste für mich, ein 
silbernes Halsband für Erkko. Ihr seht, Herr, er trägt es noch
        
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