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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

„Bedauernswerter Buddhistenbonze! 
Erst jetzt bin ich imstande, das grässliche Missgeschick, 
das Dich betroffen hat, zu lichten. Ich als Mann bemitleide 
Dich verständnisvoll, meine Heddie allerdings . . . 
Schuld daran trägt niemand. Es ist die Fügung höherer 
Mächte. Darin wirst Du, so behauptet meine Frau, einen 
versöhnenden Trost finden. Als ich von Leipzig abreiste, war 
die Zeit so knapp bemessen, dass ich die Absendung der 
Büchse unserer talentierten Küchendame Minna überlassen 
musste. Hierbei passierte nun ein Versehen. Du erhieltest 
nicht Recrinin, das wunderbare Haarerzeugungsmittel, sondern 
das von meinem lieben Frauchen ohne mein Wissen von der 
selben Pariser Firma bezogene und, wie mir der Augenschein 
und ihre Küsse bestätigen, auch die Wurzeln wirklich dauernd 
ausrottende Resorbin, ein von Heddie gegen ihr Schnurr 
bärtchen gebrauchtes Enthaarungsmittel. 
Hoffnungslos 
Dein Ohlbrecht.“ 
Schlepperchen. 
Berliner Moment-Aufnahme von Eugen Stangen. 
(Nachdruck verboten). 
. . . Und nun sassen sie im Konzertgarten und atmeten 
tief auf . . . Am tiefsten die Mama . . . Kopfschüttelnd und 
mit leiser Bekümmernis blickte Mama ihre Töchter an. Würden 
sie heute Anschluss finden? Liesbeth, die jüngere war nun 
auch schon fünfundzwanzig geworden! Sie hatte sich so weiss, 
so „oberlichtlich“, so backfischelig wie möglich angezogen, — 
aber hübsch, nein hübsch war sie wirklich nicht. Hängebacken! 
Einen aufgeworfenen Mund! Stupsnase! Dora, die Einund- 
dreissigjährige, sah freilich noch weniger hübsch aus und war 
mager, lang und spitz wie die Nadel der Kleopatra. Mama 
hatte wirklich Grund zu seufzen, den Kopf zu schütteln und 
sorgenvoll zu sein .... Zwei Herren . . . der eine mit 
mauvefarben umbändertem Panama, schief und verwegen, augen 
scheinlich ein Künstler, der andere kokett im Cutaway und 
korrekt steifen Hut . , . Sie gehen achtlos am Tisch der drei 
Damen vorbei und setzen sich links an einen Tisch, der durch 
zwei leere vom Platz der drei Damen getrennt ist . . . Liesbeth 
versucht ihre Augen funkeln zu lassen. Mama seufzt leise in 
sich hinein. Dora bleibt stumm und spitz ... ln der Mittel 
richtung gradehin am übernächsten Tisch sitzt ein Herr mit 
einer Dogge. Der Herr ist fesch, jung und fröhlich. Die 
Dogge deutsch, sehr gross, tiefschwarz und elegant . . . Eine 
Dame allein schlendert zwischen den Tischen hin. Ihr 
Trotteurkleid ist so spanneng, dass sich bei jedem Schritt die 
Formen ihrer Beine prall auspressen! Das schiefe, schicke 
Hütchen mit dem bunten Bauernblumenband sitzt über einem 
pikanten Gesichtchen mit brennendrotem Mund. Stark um 
dunkelte Augen . . . die spähen rechts und spähen links und 
funkeln gradeaus . . . die Dame nimmt an dem Tisch Platz 
zwischen dem Dreidamenplatz und dem Herrn mit der Dogge. 
Liesbeth macht einen offenen Hängemund. 
Dora bekommt von Bitterkeit herabgezogene Mundwinkel. 
Mama schaut starr gradeaus wie eine Niobe . . . 
Ach — — die schicke Dame im spannengen Trotteur hat 
sich zu essen bestellt —- etwas mit Knochen . . . Und den 
Knochen nimmt sie jetzt und präsentiert ihn der schönen 
deutschen Dogge. Gerührt und beflissen nimmt der Herr der 
Dogge den Maulkorb ab. Die Dame lächelt und liebkost den 
edelschönen atlasglänzenden Hundekopf — dann gibt sie dem 
Rassetier den Knochen. Der Herr muss doch für so viel 
Nettigkeit danken — aber natürlich! Und die Dame schlägt 
ganz wundervoll ihre Dunkelaugen zu ihm auf, lächelt — sagt 
was — gibt der Dogge noch ein Knöchel — streichelt das 
Tier ■— der Herr spricht wieder — mit schon erhitztem 
jungensroten Gesicht — die Dame antwortet — sichtlich 
freundlicher — das Gespräch ist im Gange. Der Mund der 
Dame leuchtet wie eine Feuerblume . . . 
„Wozu ein Hund doch gut ist“ sagt mit blechharter 
Stimme spitz die spitze Dora „muss sozusagen als Schlepper 
dienen“ . . . Ein zerbrochenes Lachen klingt nach . . . Mama 
schickt wie anklagend ihre Blicke zum Himmel empor. 
Liesbeth sagt nur: „Eben!“ — — Musik! Von vibrierenden 
Violinsaiten schwirrt sie herüber, italienisch, süss, aufreizend . . . 
Der Herr und die Dogge erheben sich. Die schicke Dame 
mit dem Buntbänderhütchen auch. Zu dritt gehen sie davon. 
Die Dogge stolz und feierlich zwischen beiden . . . Wozu ein 
Hund doch gut ist . . . Drei Damen schiessen böse Blicke 
den drei davongehenden nach .... 
Der Herr im mauvefarbenumbänderten Panama, mit flatternder 
Künstlerschleife tuschelt amüsiert ins Ohr seines Freundes. 
Der nickt mit dem steifbehuteten Haupt . . . Der Konzert 
garten beginnt sich schon zu leeren . . . die Musik spielt 
„Lieselotteken —• achjotteken — du vielgeliebtet Häseken, fall 
bloss nich auf dein Näseken“ . . . 
Da — 1 ein Herr . . . Und ein Herr mit einem Hund . . . 
Noch ein verspäteter Gast . . . Der Hund ist ein Schottenhund, 
so jung, dass er noch kein langes Haar hat, sondern Wolle. 
Und wie ein Triesel so lebhaft. Er springt. Er bellt . . . 
Da — o Himmel — am Nachbartisch der drei Damen nimmt 
der Herr Platz . . . 
„Nein so ein reizendes Hundele — so ein drolliges, 
süsses, liebes“ jubelt Liesbeth — ganz Feuer und Flamme . . . 
Und Mama lächelt wie eitel Lenz und Sonne . . . Der Herr 
zieht die Leine merklich kürzer und somit das Hundevieh näher 
an sich. Aber Liesbeth übersieht das. Sie zeigt einen kleinen 
Papierfächer dem „Hundele“ ■— und das Hundele schnappt 
danach — so drollig, dass Liesbeth hell und kindlich auflacht... 
Der Hund dreht sich wie ein Bajazzo —■ urkomisch, will aus 
Leine und Maulkorb heraus — und Liesbeth reicht jetzt ihr 
Taschentuch hin . . . Mit vollem Ruck springt der Hund dagegen, 
so vehement, dass zum Teil die Leine aus der Hand des 
Herrn gleitet und der Hund das Taschentuch erschnappen kann. 
Husch — da ist er damit unter die Beine seines Herren 
gekrochen. Liesbeth riskiert einen allerliebst klingen sollenden 
Aufschrei. Als der Herr eifrig bemüht ist, tiefherabgebeugt 
das Taschentuch aus dem Hundemaul zu lösen, ruft Liesbeth 
betulich: „Lassen Sie doch — ach lassen Sie doch — was 
kommt es denn auf ein Taschentuch an — ach — lassen Sie 
doch“ — und springt auf — läuft zwei Schritt und kniet sich 
nieder — zu dem Hund natürlich . . . Aber dabei kniet sie 
auch vor dem Herrn . . . „Welch ein rührendes Bild“ denkt 
Mama —■ und lächelt noch immer wie geschmolzene Butter. 
„Wozu eine Hundetöle doch gut ist“ amüsiert sich drüben 
der Herr im Panama“ muss die Rolle eines Schlepperchens 
mimen!“ — — Was wird werden? 
Mama nickt vor Erregung und Erwartung unaufhörlich mit 
dem Kopf . . . Dora lächelt in Schwesterliebe von einem Ohr 
bis zum andern . . . Liesbeth kniet noch immer — scherzt 
mit dem Hunde, der sich wie toll gebärdet und lacht und 
spricht zwischendurch zu dem Herrn empor ... Ueber das 
vornehme markante Gesicht des Herrn läuft ein feines Rot 
und der Mund wölbt sich wie in Unmut und Hochmut . . . 
Er — zahlt plötzlich dem Kellner und — o Himmel —- steht 
auf ... Er lüftet den Hut — sehr förmlich — sein markant 
geschnittenes Gesicht sieht kalt und fremd aus, und er 
entschuldigt sich — wegen des ungezogenen jungen Hundes 
und des demolierten Taschentuches, sehr förmlich — und — 
geht . . . Die Knieende muss da emporspringen . . . O, 
das Spitzenkräuschen, das um’s Taschentuch gesetzt ist, ist 
zerrissen ... Und eine Hoffnung — ist auch zerrissen . . . 
Ueber das Künstlergesicht des Panamahutherrn drüben läuft 
ein Zug wie Mitleid, — und der Herr im Cutaway zuckt 
die Achseln, — wie in halbem Bedauern . . . Dora ist wieder 
ganz Nadel der Kleopatra . . . Mama sieht aus wie auf den 
Fuss getreten . . . Liesbeth weiss nicht — weiss nicht, wohin 
sie blicken soll ... Arme Liesbeth .... 
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