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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

Erinnerungen und Erlebnisse waren den beiden Freunden die 
Stunden wie im Fluge verstrichen. 
„Langfristige Siesta“, sagte Arnstedt gedehnt. „Der Bau 
kram muß ein Bombengeld abwerfen. Dein Frauchen weilt 
schon vierzehn Tage in Gossensass, wie Du bemerktest? 
Bedaure, dass ich sie nicht kennen gelernt habe.“ 
„Ja, meine Heddie, hat im voraus Quartier belegt. Nun 
kann es aber ihr Flerzchen vor Sehnsucht nicht mehr aushalten. 
Und ich auch nicht. Wir sommern noch einige Wochen zu 
sammen in Gossensass aus, durchwandern dann kreuz und quer 
Tirol und gehen später an die See nach Heringsdorf.“ 
„Famos. Wer es auch so fürstlich haben könnte! Blüht 
aber auch mir, wenn ich über Eifriedens Feuersichern verfüge.“ 
Man sprach von den Plänen, die ein jeder für die Zukunft 
hegte. Es ging schon auf elf Uhr, als sich die Freunde trennten. 
Ohlbrecht eilte nach seiner in der Nähe gelegenen Wohnung. 
„Herr Baumeister,“ empfing ihn die vollbusige Minna, „nun 
heisst’s aber dalli! Ich warte auf Sie, wie’s Kind auf die Not 
taufe.“ 
„Werde noch fertig.“ 
„Er hatte eben die Anzüge und Wäsche im Koffer ver 
packt und ihn geschlossen, als das bestellte Auto auf der 
Strasse tutete. 
„Was, schon ein halb zwölf durch?“ rief er überrascht. 
„Nun, dann müssen Sie das Paket besorgen, Minna.“ Er 
setzte sich an den Schreibtisch. Sein schöner gelbgefleckter 
Collie sah bittend zu ihm auf und drückte sich an ihn. „Ruhig, 
Lord! Du kannst nicht mit, Du bleibst hier bei Minna! Eilig 
flog die Feder über das Papier. „So,“ sagte er hastig und 
sprang auf, „hier ist die Paketadresse, der Zettel zum Drauf 
kleben und fünfzig Pfennig Porto, Minna. Morgen holen Sie 
die Porzellanbüchse, die auf dem Waschtisch im Schlafzimmer 
steht, gehen nebenan zum Kaufmann, lassen sich von ihm ein 
Paket machen und tragen es zur Post. Werden Sie es 
ordentlich besorgen?“ 
„Besser als Sie selber.“ 
Er zog hastig seinen Ueberrock an. „Denken Sie an die 
Palme, achten Sie gut auf Lord und führen Sie alles gewissen 
haft aus, was Ihnen meine Frau schon anbefohlen hat.“ 
„Und Sie, Herr Baumeister, vergessen Sie nur nicht, mich 
ein anständiges Reisegeschenk mitzubringen, wo ich mich hier 
so schändlich abrackern muss.“ 
Wenige Minuten später fuhr Ohlbrecht mit dem Auto nach 
dem Bahnhof. 
Fünf Wochen waren verflossen, als Ohlbrecht und Heddie 
nach der Sommerfrische in Gossensass und der Wanderung 
durch Tirol in Heringsdorf eintrafen. Aber schon nach wenigen 
Tagen musste Heddie den Aufenthalt in dem Seebade unter 
brechen. Ihre sehr vermögende Tante in Kiel war erkrankt. 
Heddie hielt es für zweckdienlich, zu ihr hinzureisen und sie 
zu pflegen. 
Am Tage nach ihrer Abreise empfing Ohlbrecht einen 
Brief Bennos v. Arnstedt. Zu seinem Erstaunen las er: 
„Morscher Architrav! 
Endlich bin ich durch Deine Ansichtskarte aus Heringsdorf 
Deiner stabilen Adresse habhaft geworden. Ich habe Dir 
Erschütterndes zu melden.“— 
Je weiter der Baumeister die Zeilen überflog, desto 
deutlicher malten sich in seinem Gesicht Verwunderung, 
Bestürzung und zwischendurch verstohlene Heiterkeit. 
„Das hat die brave Minna verbrochen“, murmelte er, 
während er das Schreiben zu sich steckte. 
Er begab sich in das Schreibzimmer des Hotels und 
setzte sich zu einer Epistel an seinen dienenden Hausgeist 
nieder, die sich schliesslich über alle vier Seiten ausdehnte. 
Schon nach fünf Tagen kehrte Frau Heddie aus Kiel 
zurück. Die Erkrankung der Erbtante hatte sich als eine 
harmlose Erkältung herausgestellt, die keiner weiteren Pflege 
bedurfte. 
Heddie war erst spät abends in Heringsdorf angelangt. 
Während sie noch mit der Morgentoilette beschäftigt war, 
suchte der Baumeister die Veranda des Inselhotels auf und 
Hess sich den Kaffee servieren. Die geräumige Veranda war 
dicht mit Badegästen besetzt, die gleich ihm den ersten Imbiss 
einnahmen. 
Die See flimmerte im Morgensonnenschein. Wie Riesen 
schlangen ringelten sich die Wellenbogen heran und schoben 
leckend ihre blinkenden Zungen auf den gelben Strand. 
Der Baumeister goss sich die zweite Tasse ein, als seine 
Frau im weissen Strandkostüm erschien. „Guten Morgen, 
Schatzemann! Schmeckt’s?“ grüsste sie. Ohlbrecht drückte ihr 
zärtlich das hingereichte mollige Händchen und füllte ihre Tasse. 
Frau Heddie schlürfte behaglich den würzigen Trank. Klein 
und voll, bot sie mit den warm blickenden braunen Augen und 
dem seidigen schwarzen Haar den Anblick herziger Sonnigkeit. 
Der Hotelboy brachte dem Baumeister die für ihn ein 
gelaufenen Briefschaften. Er las zuerst einige Geschäftspapiere, 
dann musterte er die ungelenke Aufschrift eines tintenbespritzten 
Kuverts. „Hm,“ sagte er vor sich hin, während er den Um 
schlag aufschnitt, „das ist die Antwort von unserer vortrefflichen 
Minna.“ 
„Von unserem Kuchenbesen.“ 
„Aber was . . .?“ 
„Ich erzählte Dir doch,“ fiel Ohlbrecht seiner Frau ins 
Wort, „in Gossensass vom Besuch Arnstedts von der Ueber- 
sendung des Recrinins an ihn und von seinen Heiratsabsichten.“ 
„Ja, es ist ein frivoler Mensch, dem ich alles Schlechte 
gönne.“ 
„Dein Segenswunsch hat sich bereits erfüllt.“ 
„Erfüllt? Wieso Eugen?“ 
„Entschuldige, bitte, einen Augenblick!“ 
Ohlbrecht liess den Blick über Minnas Zeilen gleiten, 
„Skandalös! Unerhört!“ knurrte er in Zwischenpausen. „Dich 
kennen wir! Sie muss raus, sie fliegt!“ 
„Eugen, was ist denn?“ fragte Frau Heddie beunruhigt. 
Der Baumeister schleuderte den Brief mit einem Faustschlag auf 
den Tisch. „Und die Hauptsache hat das zweibeinige Kamel 
natürlich vergessen!“ 
„Aber so erkläre mir die Sache doch!“ bat Heddie 
besorgt. 
„Am Tage nach Deiner Abreise zur Tante empfing ich 
von Arnstedt einen Brief, dessen Inhalt mir schleierhaft war. 
Ich fragte deshalb bei der genialen Minna an, ob sie die Büchse 
richtig abgesandt hätte. Zugleich machte ich sie auf die von 
Dir und mir aufgetragenen Obliegenheiten aufmerksam. Darauf 
schickt sie mir diesen Wisch.“ Ohlbrecht ergriff den Brief. 
„Höre das Gewäsch!“ 
„Nicht so laut,“ mahnte seine Frau und warf einen 
ängstlichen Blick auf die Umsitzenden. 
„Lieber Herr Baumeister! 
ln der Wirtschaft is Alles in Schönster Ortnung. Davier 
kennen Sie mich doch. Nur die Palme in ihren Zimmer is 
kaput. Sie sagten doch, ich sollte Sie, nämlich die Palme, 
immer mit warmes Wasser begiessen. Ich habe recht warmes 
genommen und Sie mächtig begosen. Jeden Tag finf Mal. 
Aber desto Meer ich sie begos, desto Meer ging sie ein. 
Jetzt ist sie Gans eingegangen. Lord ist weg. Ich habe Sie 
keine Ahnung nich, wo das Tür hinis. Schon seid acht Tage. 
Ich habe mich Recht gegrähmt. Ich bin nach der Zeitung Ge 
gangen. Die habens bekannt gemacht. Führ zwanzig Mark 
Belohnung. Nähmlich wenn sie ihn wiederbringen. Auf Ihre 
Kosten natierlich. Aber biss jetzt hat se sich noch kein Schaf- 
kopp verdient. Alles is ins Lot. Auch die Betten. Ich habe 
Sie gesonnt. Sie sind jetzt so weich wie das Fett in der 
Pfanne. Ich habe aber wahrhaftig nicht drin geschlafen, ln 
dem Schmirnah Teppich im Sallon is ein Loch. Bios wie 
meine Hand. Ich biegelte Sie nämlich drin- Im Sallon. Ihre 
Wäsche. Da klingelte es an der Flurtür. Ich setzte das Biegel 
eisen auf dem Teppich. Als Ich wiederkam, war das Loch 
drin. Ich habe aber den Fuss von den Tisch drüber geschoben. 
Da sieht’s keiner. Ich sehe das Loch schon lange nicht Meer. 
Alles is noch wie es wahr. Der grosse Spiegel hat’n Sprung. 
Ich habe das Sofa ausgekloppt. Und dichtig mit dem Ausklopper 
ausgeholt. Mit einmal war hinter Mich ein Sprung. Bei dem 
Spiegel. Ich habe das griechische Gipsbiest davor gestellt. 
Ich bin noch nich nich verhungert. Aber der Schinken is alle. 
Ich habe zwei neie bestellt. Aber es is schon wieder einer 
weg. Mein Breitjam hat mich die Ganse Zeit nich besucht. 
Emil ist jetzt Gefreiter geworden mit Knöppe. Er hat in den 
finf Wochen alle Abende Wache gehabt. Deshalb hat er mich 
nur manchmal besucht. Ich schreibe das Alles damit Sie gleich 
wissen, wie Alles in Ordnung is, wenn Sie kommen. 
Mit vielen Griesen 
Adelheid Schnerzer 
genannt Minna.“
        
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