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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

Re. 
Von Otto Hammer. 
(Nachdruck verboten.) 
„Es ist allerdings erstaunlich“, sagte der Baumeister Ohlbrecht 
und fuhr sich mit den Fingern durch das volle, wellige Kopf 
haar, „fast unglaublich, aber gleichwohl, wie Du siehst, lieber 
Arnstedt, unbezweifelbare Tatsache.“ 
„Ich hätte Dich auf den ersten Blick kaum wieder erkannt. 
Wie lange hast Du das Zeug gebraucht?“ 
„Knapp sieben Wochen. Es wurde in einer Zeitung 
empfohlen. Natürlich stand ich der Sache anfänglich misstrauisch 
gegenüber. Um so mehr, als es in der Anweisung hieß, zuerst 
würde ein Verlust eintreten. Das war auch der Fall. Ich kam 
mir wie ein Piepmatz in der Mauser vor. Alles Kränkliche 
mußte eben weg. Aber nach ungefähr vier Wochen zeigte 
sich der Umschwung. Es sproßte und schoß wie die Winter 
saat im Frühling. Im Handumdrehn hatte ich statt der früheren 
pyramidalen Glatze den üppigsten Haarschopf.“ 
„Und die liebe Eitelkeit war befriedigt“, versetzte Assessor 
Benno v. Arnstedt sarkastisch und strich sich wohlgefällig den 
strohgelben Spitzbart. 
„Eitelkeit? Nein. Ich tat es eigentlich meinem Frauchen 
zuliebe. Ich sah neben ihr zu alt aus. Man hielt mich öfters 
für ihren Vater. Mich selbst genierte mein sehenswerter Voll 
mond durchaus nicht.“ 
„Na, na!“ Assessor Arnstedt rückte sich die hochelegante 
Krawatte zurecht. „Schlau zusammengeflunkert. Hattest Justizrat 
werden sollen.“ 
„Wir sind nicht alle gleichartig veranlagt. Auch im Punkt 
der Eitelkeit nicht. Du warst allerdings von jeher der schöne 
Benno.“ 
Der Assessor schmunzelte vergnügt. „Wie nennt sich die 
fabelhafte Wunderessenz?“ 
„Recrinin.“ 
„Könnte es auch 'mal versuchen.“ 
„Du?“ fragte der Baumeister erstaunt. „Du hast doch 
einen ganz leidlichen Naturpelz.“ 
„Na ja, kann nicht klagen, aber hier oben“ — Arnstedt 
tippte mit dem Jangnagligen Zeigefinger auf den aschblonden 
Haarwirbel -— „beginnt sich eine leichte Lichtung auszubreiten. 
Könnte sehr wohl durch eine junge Schonung aufgeforstet 
werden. “ 
„Natürlich nicht der Eitelkeit wegen, schöner Benno.“ 
Ohlbrecht lachte behaglich. 
„Alle Dinge der Welt sind eitel. Ohlbrechtchen, stecken 
wir uns doch keine Masken vor! Ein Mann, der wie ich im Galopp 
Karriere machen will, muß seine äußere Erscheinung pflegen. 
Ob mit oder ohne Eitelkeit, das ist praktisch schnuppe. Indes 
uneiteler Freund Eugen, ich könnte ja auch nur einem Weibchen 
zuliebe Parade hissen wollen.“ 
Ohlbrecht zündete sich eine Zigarre an und stieß eine 
wirbelnde Rauchwolke aus. „Sie hat Geld, was?" 
„Ich bin ihrer totsicher“, sagte der Assessor lässig, schlürfte 
von seinem Wein und tupfte sich mit dem seidenen, lilageränderten 
Taschentuch sorgfältig die schmalen Lippen ab. „Geld hat 
Elfriede massig. Ist selbstverständlich. Doppelwaise ohne jedes 
belastende Familienanhängsel. Tochter eines verstorbenen 
Importeurs in Mannheim. Planschte in Petroleum. Ein harm 
loses Schäfchen, hat aber, wie sie wiederholt äußerte, eine un 
überwindliche Abscheu vor Glatzen. Man sollte daher Vor 
beugen. Witterst Du jetzt Fährte, ideal versteifter Baubeflissener?“ 
„Kräftig sogar. Aber Du liebst das harmlose Schäfchen?“ 
„Lieben? Ausser mir liebe ich aufrichtig den Mammon. 
Er ist die Sprungfeder zum Hochkommen. Ihn brauche ich 
bei meinen eigenen bescheidenen Mitteln. Da Elfriede davon 
einen ganzen Möbelwagen voll besitzt, liebe ich das zwar platte, 
aber massiv goldene Gänschen unsagbar.“ 
„Hübsch ist sie demnach nicht?“ 
„Hübsch? Baumeister, reiner Tor, sie ist unbeschreiblich 
reizend! Wegen ihrer Goldstangen nämlich. Für mich wenigstens. 
Andere Leute mögen sie meinetwegen eine gut geschnürte 
Marionette nennen.“ 
Arnstedt zog die grauseidene Weste glatt. 
„Immerhin hoffst Du mit ihr glücklich zu werden?“ 
„Glücklich? Auf meiner Seite unsagbar. Und 
Elfriede wird aus meinem Glück ihre hausfrauliche 
Beseligung zu schöpfen haben.“ 
„Hm“, machte Ohlbrecht und trommelte auf dem 
Tisch, „Du warst und bist ein Gemütsmensch. Für 
mich die Spiegeleier, für die anderen die Schalen“. 
„Einfache Lebensklugheit, lieber Junge. Sie ge 
bietet mir auch, mit der Erhaltung meines Schädel 
schmuckes vorsichtig zu sein.“ 
„Also ist die Gewinnauszahlung bei Deiner Be 
werbelotterie immer noch fraglich! Du behauptetest 
doch der jungen Dame totsicher zu sein.“ 
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,,'s ist noch so ein Malerfritze da. Halber Kalktüncher. Aber 
eine schwarze Haarwulst hat der Farbenkleckser wie der Apollo 
von Belvedere. Heisst Meyer, glattweg Meyer. Gottvoll was 
sich der Kerl einbildet.“ 
„Fräulein Elfriede scheint indessen trotzdem . . . . “ „In 
der Tat spasshaft“, unterbrach der Assessor den Einwurf des 
Baumeisters. „Sie hat ein Faible für vermeintlich schönes 
Haar.“ Benno v. Arnstedt strich sich seinen flachen, 
pomadisierten Scheitel glatt. „Ihr einziger persönlicher Vorzug 
ist nämlich ein rabenschwarzer Krauskopf. Mein Geschmack 
keineswegs. Ich möchte daher mit Deiner Mixtur wirklich 
einen Versuch wagen.“ 
„Nichts leichter als_ das. Ich habe sie aus Paris bezogen, 
und zwar der Sicherheit halber gleich zwei Büchsen. Ich habe 
nur eine gebraucht, die andere kannst Du sofort haben, 
Bcnnochen.“ 
„Ja, aber Du reist heute nacht um zwölf Uhr ab?“ 
„Unsere Küchenfee bleibt während unserer Abwesenheit 
in unserem Palazzo. Ich habe nachher nur noch meinen Koffer 
zu packen, mache Dir dann die Büchse noch versandfertig 
und gebe der biederen Minna den Auftrag, das Paket morgen 
auf die Post zu liefern.“ 
„Dankbar, Eugenchen! Und die Anwendung?“ 
„Man hat täglich die ganze Kopfhaut früh und abends mit 
der Tinktur kräftig einzureiben. Es brennt ein bischen arg, 
aber es ist erträglich.“ 
„Wie lange bleibt ihr fort?“ 
„Sechs bis sieben Wochen.“ 
Eugen Ohlbrecht hatte sich mit seinem Jugendfreunde 
Benno v. Arnstedt nach Jahren in Leipzig wieder getroffen, 
wo der Baumeister ansässig war. Arnstedt hatte Dresden 
und die Sächsische Schweiz besucht und war auf der Rück 
reise nach Mannheim begriffen. Durch eine Karte hatte er 
Ohlbrecht zu einem Glas Wein für den Abend in sein Hotel 
eingeladen, da er seine Reise in aller Frühe des nächsten 
Tages fortsetzen wollte. Im Austausch der beiderseitigen 
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