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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

Wenn der gebildete Mitteleuropäer einen hohen Grad von 
Schnelligkeit ausdrücken will, so spricht er von einem geölten 
Blitz auf Filzschuhen. Im Tempo dieser interessanten Natur 
erscheinung bewegte sich der Doktor, wenn er in der ersten 
Zeit seiner Praxis den seltenen Fall erlebte, zu einem Patienten 
gerufen zu werden. Meist handelte es sich darum, einer 
Küchenfee den Finger zu verbinden, in den sie sich geschnitten 
hatte, und zwar liess die Herrschaft in solchen Fällen den 
Arzt holen, um den neuen Doktor bei dieser Gelegenheit 
sofort beobachten zu können. Manche Kniffe, die von Kollegen 
angewandt wurden, verschmähte Dr. Würzmann. Er wusste 
ja, dass es in kleineren Städten Kollegen gab, die oft ins 
Theater gingen und möglichst in der Mitte des Parketts Platz 
nahmen. Jedesmal wurde dann plötzlich während der Vor 
stellung der Herr Doktor vom Theaterdiener herausgerufen, 
und alles flüsterte sich zu; Der neue Doktor muss zu einem 
Kranken! Der scheint schon eine gute Praxis zu haben!“ 
Nein, diesen Tric verschmähte Dr. Würzmann, und zwar 
rührte dieser hochherzige Verzicht auf wohlfeilen Ruhm daher, 
dass er sich sagte, in der Grossstadt kenne ihn doch niemand, 
wenn er im Theater hinausgerufen würde, und der Eintritts 
preis würde nur zum Fenster hinausgeworfen sein. 
Lieber verbrachte er seine Abende in Gesellschaften, denn 
dort gab es für einen tüchtigen jungen Arzt immer viel zu tun. 
Da waren so viele wohlwollende Menschen, die ihn protegierten, 
die ihm versprachen, ihre Bekannten und ihre Leute auf ihn 
aufmerksam machen zu wollen. Von keiner dieser Menschen 
rassen erschien übrigens —- nebenbei gesagt — jemals eine 
arme Seele in der Sprechstunde. 
Dann waren die Mitmenschen — Damen wie Herren — 
die schilderten dem teilnahmsvoll lauschenden Arzt ihre 
Krankheit ausführlich — natürlich nur bei Tische, bei einem 
Ausflug oder in der Theaterpause, beileibe nie in den 
Sprechstunden und schlossen regelmässig mit einem Lobes 
hymnus auf ihren Hausarzt, der auch ein sehr tüchtiger Mann 
sei. Besonders zartfühlende Leute drückten die Befürchtung 
aus, es müsse doch wohl sehr schwer sein, sich eine Praxis 
zu schaffen, die jungen Damen schilderten dem an sein immer 
leeres Wartezimmer Denkenden die „herrlichen,“ die „reizenden“ 
Eigenschaften des ärztlichen Berufs. Je mehr der neue Doktor 
aufhörte, neu zu sein, nahm diese nervenerschütternde Tätigkeit 
mehr und mehr ab, sanfte milde Ruhe breitete sich über die 
Seele des Wartezimmers des heilungsbeflissenen Mannes. 
Dr. Würzmann sass indessen, ungleich manchem seiner jungen 
Kollegen, noch nicht auf dem Trockenen, und daher erschien 
eines Tages in allen Zeitungen der Gressstadt ein ins Auge 
fallendes Inserat: „Auf vierzehn Tage verreist. Meine 
Vertretung übernehmen die Herren Dr. Dr. Braustübel und 
Wurzelpfennig. Dr. med. Wützmann.“ 
„Teufel, muss der eine Praxis haben, dass ihn gleich zwei 
vertreten! sagten sich die Leser. Selbstverständlich wurde 
auch jeder der beiden anderen Aerzte, wenn er sich für vier 
zehn Tage bei „Muttem“ aufhielt, von den zwei anderen 
Verschworenen „vertreten“. 
Dr Würzmann, der noch nicht auf dem letzten pekuniären Loche 
pfiff, ging ins Seebad. Hier knüpfte er natürlich — das Bade 
leben ist ja so ungezwungen — bald Bekanntschaften an. 
Zu den Gegenständen, von denen „die jungen Mädchen 
träumen,“ gehören nicht zum mindesten auch jüngere Aerzte, 
denn erstens hat es einen gar zu holden Klang, das Wort 
„Frau Doktor“, und dann winken den jungen Köpfen gesell 
schaftliche Stellung, grosses Einkommen und schöne Ratstitel 
in der Ferne der Zukunft. 
Der junge Arzt, dessen Frisur und Habitus vor Modernität 
geradezu schrie, spielte den angenehmen Schwerenöter. Tennis 
spielte er zwar nicht, darin halte er keine Uebung, aber er 
flirtete herum, dass es eine wahre Lust war, es mitanzusehen. 
Mit Else Keller unternahm er, wenn sie ihr Morgenbad 
genommen hatte, einsame Spaziergänge auf den Dünen, mit 
Frieda Winkerbart simpelte er Familie, indem er sie und ihre 
obligate Mutter unterhielt, und mit ihr Journale ansah, und mit 
Rosa Ehrenberg konversierte er, er hörte in stummen Staunen 
ihre Vorträge über die Rechte des Weibes an, und infolge 
seines geduldigen Zuhörens erwarb er sich bei ihr den Ruf 
eines geistvollen Mannes. 
Eines Tages klagte Else Keller über Ohrensausen, es war 
ihr eine Welle über den Kopf gegangen, und das ist nicht 
jeden Kopfes Sache. Der Doktor versicherte, das habe nichts 
auf sich, er riet ihr, die Nase zuzuhalten und durch die Ohren 
zu blasen, und am Nachmittage erkundigte er sich, was das 
Oehrchen mache. Else erwiderte, das Sausen sei kaum mehr 
zu spüren, und als er am nächsten Morgen nochmals fragte, 
rief sie lachend aus, sie sei wieder „kwietschvergnügt“ und 
könne seine „süssen Reden“ sehr gut hören. 
Frieda Winkerbart klagte ein paar mal über Kopfschmerzen 
— ein altes Familienübel — und Dr. Würzmann verordnete 
ihr inmitten der Betrachtung der Familienjournale bald Ruhe, 
bald erhöhte, bald erniedrigte Kopflage im Schlafe, bald auch 
einige moderne Nervenberuhigungsmittel. Rührend war dann 
immer die Anteilnahme, mit der er sich nach ihrem „Köpfchen“ 
erkundigte. 
Den Gipfelpunkt der Moderne in medizinischer Hinsicht 
erklomm der strebsame künftige Sanitätsrat jedoch im Verkehr 
mit Rosa Ehrenberg. Diese Dame, die über ein sehr reichliches 
Taschengeld verfügte, probierte unter Assistenz des Dr. 
Würzmann an ihrem eigenen Leibe alle inneren blutbildenden 
und nervenstärkenden Heilmittel durch, und es war dabei einerlei, 
ob diese in Pillen-, Pastillen-, Pulver- oder flüssiger Form zu 
nehmen waren. Die somit erlangte Nervenkraft gab sich dann 
in langwierigen Vorträgen über die Frauenfrage kund, denen 
der liebenswürdige Doktor mit gläubigen Mienen und zeitweiligen 
von einem Kopfnicken begleiteten „Sehr richtig, gnädiges 
Fräulein!“ lauschte. — Alles Schöne hat ein Ende, und so 
ging es denn auch mit Dr. Würzmanns Badereise. In den 
Blättern der Gressstadt erschien wieder ein mit einem Salto- 
mortale ins Auge springendes Inserat des bedeutsamen Inhaltes: 
„Von der Reise zurück. Dr. Würzmann.“ 
Fama, diese böswillige Dame, behauptet ja, manche Aerzte 
verreisten bisweilen nur deshalb, um Gelegenheit zu haben, 
einmal die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam machen zu können, 
aber wer wird dies glauben? Dr. Würzmann wenigstens ver 
knüpfte mit seiner Reise sicherlich nicht diese Absicht. So 
eigenartig wie seines Kollegen Dr. Katzenbergers Badereise, 
die Jean Paul so köstlich geschildert, war allerdings die seine 
nicht; jener unternahm bekanntlich die Reise ins Bad in Be 
gleitung seiner Tochter, um den Badearzt, der ein von ihm 
verfasstes Buch schlecht gemacht hatte, durchzuprügeln. 
Nein! Dr. Würzmanns Absicht war neben der üblichen, 
vielleicht ein Goldfischchen zu fangen, noch eine andere. 
Als Else Kellers Vater am ersten Oktober die eingelaufenen 
Briefe durchsah, fand er u. a. eine — Rechnung des praktischen 
Arztes Dr. Würzmann. „Für ärztliche Bemühungen“ (3 Kon 
sulationen) 20 Mark,“ war da zu lesen. „Dr. Würzmann? 
Kenne ich nicht,“ resultierte Vater Keller, aber als er sein 
Töchterchen befragte rief diese: „Ach das ist ja der reizende 
Doktor, den ich im Seebade kennen lernte. Was, der schickt 
eine Rechnung?“ Die Kritik, die schön Eislein übte, war 
flicht gerade schmeichelhaft,- aber die Rechnung musste bezahlt 
werden, und ebenso war es mit den Rechnungen, die Frau 
Winkerbart und Herr Ehrenberg erhielten. 
Auch in der Familie Winkerbart wurde über den 
„habgierigen Doktor“ wacker geschimpft, anders aber war die 
Ansicht des Kaufmanns Ehrenberg. „Sag mal, Rosa,“ fragte 
er seine Tochter, „gefiel Dir der Herr Doktor, ich meine seine 
Person?“ 
„Ja allerdings,“ erwiderte Rosa und errötete trotz aller 
Emanzipation züchtig. „Es ist ein liebenswürdiger Gesellschafter 
und ein geistvoller Mann“. 
Letzteres sagte sie von Dank erfüllt für des Doktors 
kopfnickendes Zuhören. 
„Was meinst Du, Rosa“, fragte der Vater weiter, „sollen 
wir ihn einmal zu Tisch einladen?“ 
Rosas Antlitz entsprach auch jetzt wieder ihrem poesievollen 
Namen und sie hauchte: „Wie Du denkst, Papa!“ 
Am nächsten Sonntag erneuerte Dr. Würzmann, der den 
Betrag für seine Rechnung und wenige Tage später einige 
Zeilen von Rosa erhalten hatte, die Badebekanntschaft. 
Die Herzen fanden sich, und Rosa wurde Frau Dr. Würz 
mann; nun hatten ihre Frauenrechtlerpredigten doch gleich ein 
anderes „Relief“. Dr. Würzmann hatte eine schöne Stellung 
mit Pension, und auch der rührige Ehrenberger war zufrieden. 
Bisweilen später, nachdem der „geschätzte Arzt“ allmählich zu 
Patienten gekommen war, schmunzelte er: „Ja, ich erkannte 
das damals gleich: mein Schwiegersohn ist ein tüchtiger 
Geschäftsmann, wirklich ein praktischer Arzt!“ 
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