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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

würdige Arbeit, von der erst neuerdings Näheres bekannt 
geworden ist, ist ein höchst charakteristisches Dokument der 
frühen Hinneigung Wagners zum Drama. Überall finden sich 
darin allerdings knabenhafte, unfreiwillig komische Über 
treibungen. So schildert der Tertianer seinen Helden „Leubald“ 
mit folgenden Versen: 
Ein Mann, der geliebt und gehasst 
Im Morde gerast, 
Doch machte ihn Reue verrückt, 
Qual hat ihm Wahnsinn geschickt. 
Weiter findet sich in dem Trauerspiel z. B. das Kraftwort 
„Schurke“ nicht weniger als 104 mal. Nicht weniger als 
42 Menschen sterben in den ersten vier Akten, so dass der 
jugendliche Dichter seine Toten im letzten Akt als Geister 
auftreten lassen musste, sonst wären ihm die Personen aus 
gegangen. Zwei volle Jahre nahm diese Arbeit die Phantasie 
des Knaben völlig gefangen. Er vernachlässigte darüber die 
Schule, feilte nur immer an den Versen seiner Tragödie herum, 
die er allen Ernstes der Dresdener Bühne einreichen wollte. 
Gewiss — „Leubald“ war ein richtiges kindliches Machwerk. 
Und doch zeigt sich darin schon in vielen Punkten die geniale 
Art des späteren Dramendichters. Es finden sich Verse von 
wirklicher Schönheit, ünd geradezu verblüffend ist der ziel 
sichere Aufbau der einzelnen Szenen und ihr Ineinandergreifen. 
Darin verrät sich bereits die spätere Meisterhand. 
Auf diese Dichter-Periode folgte bei dem Knaben wieder 
eine Zeit, in der ihn die Musik völlig gefangennahm. In 
Leipzig, wo Richard später die Schule besuchte, lernte er in 
den Gewandhauskonzerten die Beethovenschen Werke kennen. 
Ihr Eindruck auf ihn war, wie er selbst sagt, allgewaltig. „Ich 
entsinne mich, dass ich eines Abends eine Beethovensche 
Symphonie aufführen hörte, dass ich darauf krank wurde, Fieber 
bekam und, als ich wieder genesen, Musiker geworden war.“ 
— Nach diesem Ereignis nahm der Knabe seine musikalischen 
Studien mit grösstem Eifer auf. Bald kam ihm sogar der 
Gedanke, für seine Tragödie „Leubald“ selbst die Musik zu 
schreiben. Der Plan ist freilich nie ausgeführt worden. Und 
doch — wie bezeichnend ist es für Richard Wagner, dass er 
den Weg zur Musik auf dem Umwege über das Drama ge 
funden hat. Wenig später schrieb der Knabe dann frei nach 
Goethes „Laune des Verliebten“ ein Schäferspiel, zu dem er 
die Verse und die Musik selbst erfand. Die erste Komposition 
Wagners, die öffentlich aufgeführt wurde, war eine Ouvertüre 
in B-Dur. Wagner war damals dreizehn Jahre alt. Die Musik 
wurde zwar nicht ausgepfiffen, aber das Publikum befand sich 
in ständiger Heiterkeit, besonders da die Pauke allzukräftig 
und recht häufig in Aktion trat. 
1830 bezog Wagner die Universität Leipzig, wo er sich 
zunächst eifrig der Ungebundenheit des studentischen Lebens 
und Treibens hingab. Sehr bald davon angewidert, studierte 
er nun mit rastlosem Fleisse Musikgeschichte und Kompositions 
lehre. Ein Jahr später komponierte er dann zwei weitere 
Quvertüren, die mit einigem Erfolg aufgeführt wurden. Es 
folgte eine Reihe anderer Kompositionen, die jedoch ebenfalls 
nur als mittelmässige Durchschnittsmusik anzusprechen sind. 
Bereits im Februar 1833 finden wir den jungen Wagner 
als Chordirigenten mit einem Monatsgehalt von 10 Gülden am 
Würzburger Theater wieder. Dort entstand seine erste voll 
endete Oper „Die Feen“, zu der er selbst den Text schrieb, 
wie er dies auch später bei all seinen weiteren Werken getan 
hat. „Die Feen“ an irgend einem Theater anzubringen, wollte 
dem jungen Musiker jedoch nicht gelingen, obwohl sich in der 
Durchführung dieses Werkes bereits das deutliche Streben nach 
jener grosszügigen Gestaltung bemerkbar machte, die den 
späteren Arbeiten des ausgereiften Meisters zum Siege ver 
halten. Von besonderem Interesse ist es aber, in den „Feen“ 
bereits einigen Fällen des Leitmotivs zu begegnen, jener 
Wiederholung einer besonderen Art von Melodie, die den 
einzelnen Szenen derselben Stimmung ihr charakteristisches 
Gepräge gibt. Diese Art, ein bezw. mehrere Leitmotive zu 
Verwenden, finden wir bei allen Wagnerschen Opern wieder, 
so auch in seiner zweiten Jugendoper, dem „Liebesverbot“, 
die 1836 vollendet wurde. Dieses Werk hat Wagner später 
geradezu als künstlerische Verirrung bezeichnet. Sie entstand 
während seiner Kapellmeistertätigkeit in Magdeburg. Aufgeführt 
ist das „Liebesverbot“ niemals, während die „Feen“ 1888 in 
München sich nur für wenige Vorstellungen hielten. 
Mit dem „Liebesverbot“ kann man Wagners Jugendarbeiten 
als abgeschlossen betrachten. Bereits sein „Rienzi“, der in 
Riga drei Jahre später entstand, zeigt die fast vollendete Ent 
wicklung zur Reife. Trotzdem ist auch dieses Werk insofern 
noch als Uebergangsarbeit zu betrachten, als Wagner sich noch 
nicht sein ureigenes Gebiet, das der Vertonung der deutschen 
Heldensagen, erschlossen hatte. Auch den „Fliegenden 
Holländer“, mit dem der Künstler neben dem „Rienzi“ seine 
ersten grossen Erfolge errang, darf man getrost zu dieser 
Kategorie rechnen. In der Figur der Senta, die sich den Tod 
gibt, um den verfehmten Seefahrer zu erlösen, hat Wagner 
eine Idee verherrlicht, die fortan in seinen Werken eine 
wichtige Rolle spielt, „Die erlösende Liebe des Weibes“. 
Wir begegnen dieser Idee, wenn auch in etwas gewandelter 
Form, sowohl im „Tannhäuser“ wie ira „Lohengrin“, nicht 
minder im „Nibelungenring“ und am ausgeprägtesten im 
„Parsival“. In diesen Musikdramen tritt überall neben dem 
Komponisten gleichwertig der Dichter hervor. „Und gerade 
diese Seite von Wagners Vielseitigkeit muss immer wieder 
betont werden. Für uns Deutsche darf er nicht nur der 
Schöpfer seiner jetzt wirklich volkstümlich gewordenen Opern 
bleiben, nicht nur der Komponist unserer schönsten Helden 
sagen, sondern wir müssen es auch lernen ihn als Dramatiker 
anzustaunen, der den früheren unkünstlerischen Operntext zur 
wirklichen Dichtung erhoben hat. Deswegen nur hat Wagner 
diese ungeheure Bedeutung für das Deutschtum gewonnen, weil 
er eben künstlerisch völlig abgerundete nationale Musikdramen 
schuf, wie sie kein anderes Kulturvolk wieder besitzt. Für 
Wagner war die nationale Ausgestaltung des Dramas der 
höchste Ausdruck deutscher Kultur. In seiner genialen Doppel 
begabung als Dichter und Musiker ist er in der Tat in der 
tausendjährigen Entwicklungsgeschichte der Kunst eine einzig 
dastehende Erscheinung, ein Mann, urdeutsch im Denken und 
Empfinden, selbständig wie keiner in der Wahl der Mittel, um 
seine künstlerischen Ideen zu verwirklichen“.*) 
In den Ehehafen auf Umwegen. 
Eine kuriose Geschichte vor! Eduard Mygind. 
(Nachdruck verboten.) 
Fräulein Dora Wagner, eine etwas angegangene Jungfrau 
von mehr als zwanzig Lenzen mit Grundsätzen und einer 
Briefmarkensammlung, sass in ihrem Zimmer am Piano und 
tändelte missmutig mit den Tasten. Die Tür zur Gartenterrasse 
stand auf, sodass die Stimmen der beiden jungen Herren 
hereindrangen, die dort die Lektüre der Morgenblätter mit 
mehr oder minder geistreichen Bemerkungen begleiteten und 
über ihre eigenen Witze kicherten. 
„Dora,“ rief ihr Bruder Artur, „Du hast doch immer für 
Griechenland geschwärmt . . .“ 
„Na — und?“ „Ich lese da eben die Anzeige des Lloyd 
von der Mittelmeerfahrt der „Victoria Luise,“ war die 
neckende Antwort, „Du solltest doch wirklich mal die Gelegen 
heit ergreifen . . .“ 
Ein Fortissimo auf den Tasten schnitt dem Spötter die 
Fortsetzung ab. 
„Dora,“ Hess sich jetzt der Vetter Fritz vernehmen, „da 
habe ich etwas Vernünftigeres hier für Dich gefunden.“ 
„Was das wohl sein wird!“ gab das Mädchen etwas 
misstrauisch zur Antwort, trat aber gleichwohl in die Türöffnung 
und blickte den Vetter prüfend an. 
„Du bist doch eine passionierte Briefmarkensammlerin . .“ 
Dora schob sich interessiert an den Tisch heran. 
„ . . . und möchtest gerne mit möglichst geringen Kosten 
in den Besitz Dir fehlender Marken kommen . . . Hier ist 
eine Gelegenheit für Dich . . . eine Heiratsannonce aus 
Athen . . . bändle mit dem hoffnungsvollen Griechenjüngling 
an und . . .“ 
*) Max Koch, Richard Wagner.
        
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