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Full text: Berliner Leben Issue 16.1913

Aus Richard Wagners 
Jugendtagen. 
Zum 100jährigen Geburtstage des Meisters (22. Mai 1813) von W. Kabel, 
Wenn man die Grösse eines Künstlers nach der Reich 
haltigkeit der über ihn bestehenden Literatur beurteilen wollte 
— und diese Art der Wertmessung dürfte ziemlich zutreffend 
sein —, so wäre Richard Wagner das gigantischste künstle 
rische Genie aller Zeiten. Schon 1895 wies der Oesterleinsche 
Katalog der Wagnerliteratur nicht weniger als 10181 Nummern 
auf. Heute ist das fünfzehnte Tausend überschritten und so 
selbst Goethe in dieser Beziehung in den Schatten gedrängt 
worden. Die bedeutendsten Musiktheoretiker haben die Fähig 
keiten Wagners, dieses eigenartigen Talentes, das in sich eben 
soviel dramatische wie musikalische Gestaltungskraft vereinigte, 
nach allen Seiten hin kritisch unter die Lupe genommen. 
Nicht einen gibt es unter ihnen, der den Meister des deutschen 
Musikdramas nicht mit dem Ehrentitel eines wahren, ursprüng 
lichen Genies auszeichnet. Wie bei den meisten hervorragenden 
Künstlern haben sich auch bei Wagner die sprudelnde Phan 
tasie, seine Liebe zur Ausgestaltung dramatischer Szenen und 
seine Fähigkeiten als Komponist bereits in frühesten Jahren in 
auffälliger Weise offenbart. Schon sein Eintritt in diese Welt, 
die ihm spater eine Reihe unserer erhebendsten musikalischen 
Schöpfungen verdankte, erfolgte unter besonderen Vorzeichen. 
Das Jahr 1813! Ein Sturmwind durchfegte Mitteleuropa. 
Die Völker, müde der tyrannischen Willkür des korsischen 
Eroberers, reckten sich empor zum Befreiungskampf. Im Osten 
der preussischen Monarchie sprang die Flutwelle der opfer 
freudigen Begeisterung hoch, pflanzte sich fort über die 
deutschen Lande. Noch stand der Franzmann mitten im 
Herzen Deutschlands, noch leisteten ihm viele deutsche Bruder 
stämme — notgedrungen! — Gefolgschaft. So wars auch in 
Leipzig. Ein französisches Korps stand dort, wartete auf den Be 
fehl des allmächtigen Kaisers, um den Marsch gegen die preussi 
schen Volksheere zu beginnen. Truppen- und Munitionstransporte, 
Artillerie mit schweren, dröhnenden Geschützen durchzogen 
unaufhaltsam die Strassen der alten Pleissestadt gen Osten hin. 
ln dieser unruhigen Zeit, als die Luft bereits mit Pulverdampf 
durchsetzt schien, als sich Ereignisse von grösster weltgeschicht 
licher Bedeutung vorbereiteten, wurde dem Leipziger Polizei 
aktuar Friedrich Wagner am 22. Mai ein Sohn geboren, der 
in der wegen der Kriegsunruhen hinausgeschobenen Taufe den 
Namen Wilhelm Richard erhielt. Richard Wagner war das 
neunte Kind seiner Eltern. Schwächlich. Mit zartem Gesicht, 
in dem nur ein paar selten grosse Augen brannten. 
Der Lärm der Schlachten ballte sich immer dichter um 
die Vaterstadt des Kindes zusammen. Im Oktober fand dann 
in und um Leipzig jenes gewaltige Völkerringen statt, die 
unendliches Elend unter die armen, ausgesogenen Bürger und 
doch für Deutschland die Stunde der Befreiung brachte. 
Als die französischen Truppen in wilder Flucht dem Rhein 
zufluteten, gab es in Leipzig kaum noch genügend Lebens 
mittel, um die Erwachsenen notdürftig zu ernähren. Der 
jüngste Sohn des nur mässig besoldeten Polizeiaktuars hätte 
diese Zeit wohl nie überlebt, wenn die Mutter nicht in auf 
opferndster Weise für ihren Jüngsten die notwendige Milch 
meilenweit herbeigeschafft hätte. Die Kindersterblichkeit war 
in Leipzig in jenem Herbst 1813 geradezu grauenerregend. 
Nach Abzug der Truppenmengen blieb als furchtbarstes 
Schreckgespenst die Cholera zurück. Ihrem Wüten vermochte 
nichts Einhalt zu tun. Ärzte gab es nicht. Sie waren den 
nach Frankreich vorrückenden Heeren gefolgt. Und die 
Cholera raffte genau ein halbes Jahr nach Richard Wagners 
Geburt auch dessen Vater hin, am 22. November. Zum 
Glück für die verwaisten Kinder fand Frau Wagner in dem 
Dresdener Hofschauspieler Ludwig Geyer, einem langjährigen 
Freund des Wagner’schen Hauses, einen Beschützer. Am 
28. August 1814 reichte sie ihm die Hand zum neuen Ehe 
bund. Daher siedelte die ganze Familie auch alsbald nach 
Dresden über. 
Der junge Richard durfte seine Kinderjahre in einem Hause 
verleben, in dem ein selten herzlicher, inniger Ton herrschte 
und ein wahrhaft künstlerischer Geist wehte. Sein Stiefvater 
war eine ungemein vielseitige Künstlernatur. Nicht nur ein 
bedeutender Schauspieler, sondern auch ein gewandter Dichter 
und geschickter Porträtmaler. Zwischen Richard Wagner und 
Geyer webte zärtliche Zuneigung die engsten Bande. Das 
heranwachsende Kind hat seinen rechten Vater nie vermisst 
Geyer liebte seinen Stiefsohn abgöttisch, verzog ihn vielleicht 
sogar zu sehr. Möglich, dass diese Erfüllung all seiner 
Wünsche, wie der kleine Richard sie bei seinem zweiten 
Vater fand, in dem Kinde jenen Hang zum Luxus, zum behag 
lichen Leben weckte, wie man ihn dem Künstler Richard 
Wagner später oft zum Vorwurf gemacht hat. Allzu früh 
starb Ludwig Geyer, der es stets so feinsinnig verstanden 
hatte, die in dem Kinde schlummernden künstlerischen Keime 
anzuregen und' zu wecken. Bereits am 30. September 1821 
wurde dem kleinen Richard auch der zweite Vater durch den 
Tod entrissen. Trotzdem hatte der künstlerische Sinn, der 
das Geyersche Haus erfüllte, bereits seine guten Früchte ge 
tragen. Es gab für den Knaben keine grössere Freude als 
die, eine Probe im Dresdener Hofthealer anhören zu dürfen. 
Damals war Karl Maria von Weber, der Komponist des 
„Freischütz“, erster Kapellmeister der deutschen Oper in 
Dresden. Ein einziges Mal wohnte der kleine Wagner einer 
Orchesterprobe des „Freischütz“ bei, setzte sich dann daheim 
ans Klavier und studierte sich selbst die Ouvertüre lediglich 
aus dem Gedächtnis ein, freilich mit einem Fingersatz, der 
Richards Lehrer veranlasste, ihm solche selbständigen Versuche 
für immer zu verbieten. 
„Trotzdem fehlte in der Ouvertüre nicht eine Note“, 
äusserte der Lehrer nebenbei zu Bekannten. 
Neben dieser sich früh Bahn, brechenden musikalischen 
Begabung zeigte sich aber mindestens ebenso stark das 
dichterische Talent des Kindes. „Einmal starb einer unserer 
Mitschüler“, erzählt Wagner selbst in seiner Lebensbeschreibung, 
„und von den Lehrern wurde uns die Aufgabe gestellt, auf 
seinen Tod ein Gedicht zu machen; das beste sollte gedruckt 
werden. — Das meine wurde gedruckt, jedoch erst nachdem 
ich vielen Schwulst daraus entfernt hatte. Ich war damals 
11 Jahre alt. Nun wollte ich Dichter werden.“ 
Als Tertianer, angeregt durch die Shakespeare’schen Dramen 
und Homers Odyssee, schrieb Richard Wagner dann ein grosses 
Trauerspiel, das den Titel „Leubald“ führte. Diese merk- 
f RUDOLPH HERTZOG BERLIN C ! 
Seidene Jacken aus Moire oder 
Eolienne von M. 29,25 bis 89,75 
Seidene Mäntel aus Damast, 
Eolienne, Moire, Duchesse von M. 34,75 bis 250, 
Staub-Mäntel aus Alpaka, Popeline 
oder Covertcout von m. 14,25 bis 44,— 
Staub-Mäntel aus Gloria, Bast, 
Charmeuse, Bengaline usw. von M. 20,25 bis 360, 
Imprägnierte Mäntel • . von m. 30,— bis 49,— 
Gummi-Mäntel von m. 26,50 bis 71,— 
Kostüme aus baumwol!. Stoffen, Frotte, Rips etc. . von 
Kostüme aus Stoffen englischer Art . . . von 
Kostüme aus marineblauem Kammgarn od. Cotele . von 
Kleider für Strasse aus Musselin, Popeline, Voile . . von 
Kleider für Nachmittag aus Foulard, Marquisette . . . von 
Kleider für Abend aus Seide, Spitzenstoff od. Perlen von 
m. 17,— bis 125,— 
m. 22,75 bis 150,— 
m. 27,50 bis 550,— 
m. 14,25 bis 175,— 
m. 38,50 bis 357,— 
m. 41,75 bis 850,— 
Blusen aus weissem Batiste .... von m. 2,25 bis 64,— 
Blusen aus weissem, indischem Mull von m. 2,50 bis 20,— 
Blusen aus weissem Waschvoile . von m. 3,30 bis 64,— 
Blusen aus weissem Waschkrepp . von M. Ö,75 bis 31,— 
Blusen aus weissem Stickereistoff . von m. 8,— bis 65,— 
BlUSen aus weissem Pongee , . . von m. 13,50 bis 28,50
        
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