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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

Nervenstärkung gewähren. Bei Tage reitet man willkürlich vor, 
neben oder hinter den Wagen, schiesst auf Wild, Perlhühner 
oder Aasgeier, raucht, ruht aus oder speist im Schatten eines 
hochstämmigen Dornholzbaumes und redet von der letzten oder 
nächsten Wasserstelle. Sorgen giebt’s nicht. 
An zerstörten Farmen und manchem ausgeraubten und ver 
brannten Wagen zogen wir vorüber, ohne Berührung mit dem 
Feinde. Morgen sollte unser Ziel — Maltahöhe — erreicht 
werden. 
Die Sonne rüstete sich hinter dem wild romantischen Zaris- 
gebirge zu verschwinden, ihre schrägen Strahlen gossen flüssiges 
Gold über Pad und Steppe, die im Norden und Westen tief 
blauer Schatten der Bergabhänge umrahmte. Ein Trupp Spring 
böcke schreckte am Flussrevier auf und eilte in hohen Sätzen 
nach den deckenden Büschen. Duftige Abendkühlung erfrischte 
Körper und Geist. Mein Begleiter lüftete tief aufatmend seinen 
Tropenhut und schaute sinnend in die Ferne. 
„Fferrliches Land, Kap’tän“ — seine Lieblingsumschreibung 
meines damaligen Titels. „Viel Einsamkeit, prachtvolle Weide, 
gesundes Klima, hinreichend Anregung durch Eingeborne und 
beim Anblick der endlosen Grasflächen hohes Freiheitsgefühl — 
wie auf dem Meere. Hier möchte ich Hütten bauen.“ 
„Dass Sie alter Weltumsegler hier guten Ackergrund finden 
würden, bezweifle ich fast. Für passionierte Junggesellen ist 
das Farmerleben nichts, sie verkaffern. Oder sollte irgendwo 
ein alter, noch brauchbarer Schatz auf Sie warten?“ Er wehrte 
wortlos ab und qualmte dicke Wolken. Ich aber hing den an 
geregten Gedanken nach, die allerlei Erinnerungen lebendig 
werden Hessen. 
„Doktor, ich will Ihnen ein kleines Stimmungsbild aus der 
Ansiedlerwelt skizzieren. Sie müssen ja Land und Leute erst 
kennen lernen. — 
Als ich bei Beginn des Aufstandes zum ersten Male 
Windhuk erreichte, quartierte man mich im letzten Gehöft der 
Stadt ein. Truppen und Zivilbevölkerung wimmelten damals 
überall durcheinander. Auf einem Hofe standen Fahrzeuge 
aller Art, sie gehörten Farmern, die aus dem kriegerischen 
Norden hierher geflüchtet oder aus dem friedlichen Süden in 
Geschäften gekommen waren. 
ln einem der schwerfälligen Ochsenwagen hauste dicht 
neben mir eine kleine Farmerfamilie. Der Mann sollte nach 
Okakahandja geritten sein, er hatte Weib, zwei Kinder 
und einige Bambusen zurückgelassen. Wie diese stattliche 
Frau ihr kleines Reich sicher und fest beherrschte, wie sie 
für Ochsen und Pferde sorgte, ihren Klippkaffern kurze Befehle 
erteilte, das Bereiten der' Mahlzeiten am offenen Feuer über 
wachte und dabei stets gutlaunig ihre reizenden Kleinen behütete 
und belehrte — das Herz wurde mir warm dabei.“ 
„Na, na, fangt es noch immer so leicht Feuer?** „Unsinn, 
Doktor!“ Natürlich verneinte ich entrüstet, gnädige Frau, denn 
ich hatte wirklich nur ehrliche Bewunderung empfunden. Ja, 
in der Tal. — 
„Hören Sie mich zu Ende, Freund,“ fuhr ich fort, „Also — 
die Frau war eine grosse, energische Person von etwa dreissig 
Jahren mit tiefblauen Augen und aschblonden, schweren Haar 
flechten. Nur wenn sie sinnend in die Ferne schaute, zeigten 
sich Furchen um Augen und Mund, die Leid und Entsagung 
gezogen. Ihre Sprache gefiel mir besonders, denn ich ward 
fotwährend gerade an Sie erinnert, mein lieber Stabsarzt — 
echter Obotritendialekl. 
Die Kinder wurden bald zutraulich. Der Junge, ein sieben 
jähriger Krauskopf, hantierte oft mit meinem Karabiner und 
prahlte mit den ersten Reitversuchen. Die jüngere Schwester 
schmiegte sich stille an, wenn ich von der Heimat erzählte, 
und ihre dunklen Augen bemitleideten mich aufrichtig, weil ich 
weder Weib noch Kind daheim hätte. — Ich fühlte damals 
zum ersten Mal diesen Mangel. — Die Mutter gab mir 
freundlichen, kurzen Gruss und Antwort, längere Gespräche 
vermied sie, ihre Hände waren geschäftiger als ihr Mund. 
Lind abends vereinten sich ihre ruhigen, tieftönenden Worte mit 
den hellen Kinderstimmen beim Nachtgebet; dann ging sie mit 
geladenem Gewehr ihre erste Ronde um Wagen und Kral. 
Eines Nachts hörte ich den Gatten zurückkehren, am Morgen 
fehlte sein Ochsenwagen auf dem Hof. Die Familie war 
irgend wohin nach dem Süden getrekkt’.“ 
Ich wartete vergeblich auf eine Bemerkung meines Zuhörers, 
seine Gesichtszüge waren im Dunkeln nicht zu erkennen. Erst 
am Lagerfeuer brach er sein Schweigen. 
„Lieber capitano, mir ist so eigen zu Mute — so erwartungs 
voll. Sie wissen, ich bin kein sentimentaler Schwätzer, aber 
heute drängt es mich, wehmütige Heimatserinnerungen aufzu 
frischen.“ Ich nickte ihm aufmunternd zu. Er begann in ab 
gerissenen Sätzen seine Erzählung. 
„Mein Vater besass ein schönes Gut im Mecklenburgischen. 
Nebenan lag der verschuldete Hof eines Bauern, Witwer mit 
sechs Kindern. Die älteste Tochter, Dora, war mein Spiel 
kamerad — auch noch, als ich nur in den Ferien zu Haus 
weilte. Ich hatte nie eine Schwester. Mein viel älterer Bruder 
lernte auswärts, er sollte einst den Besitz übernehmen. Ich 
wollte Arzt werden, Reisen machen und dann — — ja, ich 
weiss nicht, wann ich es zuerst geplant, aber alle meinen ge 
heimen Träume endeten mit einer Heirat der blonden Dora. 
Als wir heranwuchsen, wurden ihrem strengen Vater meine 
allzuhäufigen Besuche lästig. Auch meine Eltern warnten vor 
unstandesgemässem Verkehr mit Bauernmädchen. Uebrigens — 
lachen Sie nicht — von Liebe habe ich nie mit ihr gesprochen, 
aber ich wusste, sie dachte nur an mich. 
Ich ward Militärarzt. Nicht der langweilige Garnisondienst 
lockte mich, sondern die Hoffnung, bald in die Kolonien zu 
kommen, wohin ich meine Dora nachholen wollte. Bei 
schwarzen oder gelben Honoratioren, dachte ich, wird’s mit 
der Herkunft wohl nicht so genau genommmen. 
Ein ganzes Jahr war ich nicht zu Hause gewesen, und 
Briefe wechselten wir nicht. Als ich heimkehrte, jubelnd über 
mein Kommando nach Ostafrika — ist sie fort. Verheiratet.“ 
Ich drückte schweigend seine heisse Hand. Er räusperte 
sich mehrmals, ehe er fortfuhr: „Die alte Geschichte. Erst 
hatte man ihr einige Studentenliebeleien hinterbracht — das 
unerfahrene Mädchen war entsetzt, gab mich aber nicht auf — 
dann stellte ihr harter Vater sie vor die Wahl, die Familie 
durch eine gute Partie vor dem Zusammenbruch zu retten oder 
seinen Fluch zu erben. So ward die Heirat mit einem wohl 
habenden Vetter erzwungen. Er stammte, glaube ich, aus 
Pommern und soll nachher ausgewandert sein. — 
Das übrige ist bald erzählt. Drei Jahre verbrachte ich im 
Innern von Ostafrika, vier weitere in China während der Wirren. 
Nach dem plötzlichen Verlust von Eltern und Bruder Hess ich 
mein Gut verkaufen — und nun bin ich in Südwest, um hier 
zu leben und zu sterben.“ 
„Und wo ist Ihre Dora?“ „Weiss ich nicht, warum sollte 
ich forschen? Ich vergass sie wahrlich nicht, erwähnte ihren 
Namen aber niemals, auch nicht Ihnen gegenüber. Und jetzt, 
in diesem einsamen Farmerland, wo ich mich gerne nieder- 
Hesse — ich bin ja reich und unabhängig — hier fühle ich 
plötzlich doppelt, welch kostbaren Schatz ich verlor. Ich glaube, 
Kap’tän, Ihre Schilderung der Windhuker Ansiedlerfamilie hat 
mir’s angetan. Gewiss, meine Dora wäre gerade solch braves, 
treues Weib geworden.“ 
Er erhob sich und schürte eifrig im Feuer. 
Allmählich verstummen ringsum die leisen Gespräche. Ein 
müder Reiter nach dem andern hüllt sich in seine warme Decke, 
und auch wir suchen Ruhe und Vergessen. Die tiefe Stille 
des Lagers unterbricht nur das Knirschen und Stampfen der 
fressenden Tiere. Ueber uns flimmern und glitzern die ewigen 
Sterne, und in der Ferne heulen hungrige Schakale. — 
Beim Eintreffen in Maltahöhe, der wichtigen Station am 
Eingang des Huduptals — echt afrikanische Ueberraschung. 
Die Truppe ist fort, zurück nach Gibeon, sie hat eine grössere 
Hottentottenbande zersprengt — mit dem üblichen Erfolg, dass 
nun viele kleine Trupps die Wege unsicher machen. 
Unsere Windhuker Proviantkolonne lud ab und kehrte um. 
Wir aber strebten vorwärts. Man bot uns eine schwache 
Begleitpatrouille an. 
„Ich kann Ihnen allerdings nur drei Reiter stellen,“ bedauerte 
der Stationsoffizier. „Ebensoviele erhielt eine Farmersfrau, die 
gestern mit ihrer Ochsenkarre nach Gibeon trekkte. Eins ihrer 
Kinder war schwer erkrankt, und wir haben hier keinen Arzt. 
Sie holen die Frau in Uibis ein, wo sie einen halben Tag in 
ihrer zerstörten Farm rasten wollte; ihr Mann fiel damals auf 
der Flucht hierher. — Dann haben Sie auf der letzten ge 
fährlichen Strecke acht bis zehn Gewehre zur Verfügung.“ 
Der Stabsarzt nickte lebhaft Zustimmung. „Abgemacht!“ 
rief ich und bei Tagesanbruch waren wir wieder im Sattel. 
Allmählich rücken die Berge näher an die Pad. Von dem 
südlichen Schwarzrandplateau trennt uns eine tief eingeschnittene, 
unregelmässige Schlucht, das Bett des rauschenden Hudupflusses.
        
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