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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

Eine afrikanische Novelle. 
Von einem früheren Schutztruppenoffizier. 
(Nachdruck verboten). 
„ln der Tat — Ihre Feldzugserinnerungen aus China und 
Afrika sind unterhaltend, einige Hessen mich beinahe Tränen 
vergiessen.“ 
Die Baronin schlürfte gefühlvoll grünen Mandarinentee aus 
chinesischer Schale —■ beides meine devote Widmung. Ich 
verbeugte mich dankend und legte die Hand auf mein Herz. 
„O, nein — lieber Major. Mit dem Herzen haben Ihre 
Geschichten wenig zu tun; warum? Beobachteten Sie draussen 
keine Herzensaffären?“ „Allerdings, Gnädigste — gelbe, 
schwarze und braune. Ich bedauerte am Ufer des Fischflusses 
eine schlanke Hottentottenmaid, die unglückliche Liebe wahn 
sinnig gemacht; ich wohnte in Peking der öffentlichen Hinrich 
tung eines eifersüchtigen Chinesen bei, er ertränkte seine 
geliebte „Lotusblume“, eine mir freundliche Nachbarin, im 
Brunnen seines Yamen; ich lachte in der Kalahariwüste Tränen 
über meines schwarzen Bambusen Liebessonette an ein 
gefangenes ungewaschenes Buschfräulein.“ 
„O — shoking, Major. Sie sollen keine wilden Instinkte 
schildern, sondern wirkliche weisse Liebe im Ausland.“ Die 
entzückendste kleine Hand drohte mir. „Pardon, gnädige Frau. 
Das angedeutete schöne und beängstigende Gefühl erschien 
mir unter allen Breitengraden und Völkern gleich: vielleicht, 
weil alle Herzen rot sind.“ 
Die Dame hob abwehrend ihre schmalen Alabasterschultern 
und fixierte mich misstrauisch durch ihren Elfenbeinfächer. 
„Ah — ich verstehe. Sie wollen Ihre pikanten Erlebnisse 
verschweigen?“ 
„Madame, unsere pikanten Erlebnisse sind meist trübe 
Episoden im Leben der lieben Mitmenschen; mehr Interesse 
verdienen oft die sogenannten alltäglichen Ereignisse. Darf ich 
Ihnen heute eine „weisse Liebesgeschichte“ aus Südwest 
erzählen, deren Schlusskapitel ich miterlebte?“ 
Man winkte mir gnädigst Erlaubnis. 
Anfang 1905 kehrte ich vom Norden nach Windhuk 
zurück. Meine Verwundung hatte mich längere Zeit an einer 
öden Wasserstelle aufgehalten. Der Hererokrieg war beendet, 
der grösste Teil der Truppen nach dem gefährdeten Süden 
abgerückt. 
Wie sehnte ich mich nach Kulturgenüssen, nach einem 
kühlen Trunk, einem Bett, viel Wasser und einem Tischtuch. 
Ach, diese herrlichen Träume unter den Dornenbüschen! Doch 
schon nach wenigen Tagen hatte ich den Lärm und das Treiben 
in einem provisorischen Kasino der Hauptstadt satt. Das 
lästige Fragen der europäischen Neulinge, das Renommieren der 
echten „Afrikakenner“, das wichtige Besserwissen der klugen 
Nichtkombattanten und vor allem die herablassenden Belehrungen 
der Amateurstrategen bei den höheren Stäben — nein, solchen 
Attacken waren meine angegriffenen Nerven nicht gewachsen. 
Ich bat um schleunigste Entsendung zur Feldtruppe in den 
Hottentottenorlog. Zwei Tage später schloss ich mich einer 
südwärtsfahrenden Proviantkolonne an. 
phot. Kunstatelier Kaufhaus des Westens. 
Gertrud Arnold-Schönau 
gastiert z. Zt. mit grossem Erfolge im Zirkus Busch 
in dem neuen Manege-Schauspiel „Die Hexe“ von Paula Busch. 
Wenn Sie meine Gnädigste, in einigen Jahren auf einer 
Erholungstour unsere südwestliche Kolonie bereisen, steigen Sie 
in Windhuk wohl in einen L-Zug, lehnen sich behaglich in den 
weichen Kissen zurück und lassen Gebirge und Grassteppen 
an sich vorbeifliegen, fahren während des Dinner donnernd 
über trockene und „abgekommene“ Flussriviere und sind erstaunt, 
wenn der mehr oder weniger farbige Schaffner am anderen 
Tage ruft: „Keetmannshoop — oder — Lüderitzbucht, alles 
' aussteigen!“ 
Wir brauchten damals manche Woche für solche Fahrt 
durch Grossnamaland. Aber ich möchte nicht mit Ihnen 
tauschen. Denn unser Ritt auf der steinigen oder sandigen 
Pad war genussreich wie ein Zigeunerleben. Kein Billetknipsen, 
Strafmandat, Trinkgeld, Rauchverbot — nur Herrengefühl in 
der Brust. 
Es war ein schwüler Januarabend, als die Kolonne Windhuk 
verliess — zwanzig sechsspännige Maultierwagen mit ihrer 
Bedeckung. Im Westen türmten sich schwarze Wolken auf, 
Blitze zuckten, Menschen und Tiere lechzten nach Regen. 
Ich ritt schweigend an der Tete neben dem Führer. Da hören 
wir hinter uns Pferdegalopp. Aus der Dunkelheit taucht ein 
Reiter auf. 
„Guten Abend, meine Herren. Ich habe Befehl, mich 
Ihnen anzuschliessen. Mein Boy ist mit dem Packpferd an 
der Queue. Omnia mea mecum porto.“ 
Diese sympathische Stimme musste ich kennen. „Mein 
Gott, Medizinmann, sind Sie’s? Stabsarzt Mors aus Peking 
und Umgegend? Wir ziehen in den blutigen Orlog, Doktor. 
Morituri te salutant.“ 
„Ich bin’s, capitano.“ 
„Madame, ich pflege wahrheitsgetreu zu erzählen, aber auch 
diskret. Grundsätzlich bezeichne ich Ortschaften und Menschen 
mit falschen Namen. Bitte im Voraus um Generalpardon.“ 
Also er war’s — mein lieber Gefährte aus dem China 
feldzug. Eine Zeitlang lebhaftes, zweistimmiges Gerede, dann 
schüttelten wir uns die Hände und glaubten nie getrennt gewesen 
zu sein. Es gab keine Vergangenheit mehr, nur noch eine 
Zukunft. 
„Mein Held ist eingeführt; ich selbst trete bescheiden 
zurück, soweit es irgend möglich. Doch ich sehe, Sie brennen 
auf eine kurze Personalbeschreibung.“ 
Gut. Wie die meisten Helden war er gross, schlank, 
flachsblond und besass dunkle, etwas träumerische Augen von 
unbestimmter Farbe. Aber leider stand in seinem Reisepass: 
Nase und Mund gewöhnlich — Grund genug, einen stattlichen 
Afrikabart zu tragen. Er hatte eine stille, treue Seele, die 
sich selten, aber dann gründlich anschloss. Da seine kurze 
Pfeife selten den Mund verliess, war er ein geduldiger Zuhörer, 
was ich sehr schätze, wie Sie wissen. 
Bei Donner und Regen machten wir unseren ersten Halt; 
ungefähr alle vier Stunden wiederholt sich dies frohe Ereignis. 
Die Wagen schliessen einen Kreis, Feuer werden angezündet, 
Zug- und Reittiere grasen mit gefesselten Vorderbeinen unter 
Aufsicht einer Wache. Und nach kurzem Souper streckt man 
die Glieder, legt den Kopf auf den Sattel, schaut nach den 
Sternen, wenn sie sichtbar — und dann kommt der erquickende, 
traumlose Padschlaf. Kein Sanatorium der Welt kann solche
        
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