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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

Durchs Auto. 
Von Burchard Friedrich. 
(Nachdruck verboten.) 
Das klare, trockene Frostwetter hatte eines Vormittages, wie 
es zur Zeit des Wintersportes in seinen mannigfachen Gestalten 
zu geschehen pflegt, eine jugendliche Schar auf die Eisbahn 
hinausgelockt. Dort trafen sich auf Verabredung alle, die gut 
bekannt und befreundet waren. 
Auch Lotte Lindengardt, Gisela von Rhombenburg und Grete 
Finkenherd hatten sich wieder eingefunden und zuerst noch auf 
ihre Freundin Anneliese, die einzige Tochter des Kommerzien 
rates Miihlenstein, gewartet. Als diese aber sogar das 
akademische Viertel verpasste, begannen die drei jungen 
Mädchen ihrem Vergnügen nachzugehen und sausten bald darauf 
über die glatte Fläche dahin. 
„Wo mag Anneliese heut nur bleiben? Sie wird doch nicht 
krank sein?“ wandte sich Gisela, als die Freundin immer noch 
nicht erschien, besorgt an ihre Begleiterinnen. 
„Das glaube ich nicht!“ erwiderten Lotte und Grete wie 
aus einem Munde und kicherten so eigentümlich dabei, dass 
es der dritten im Bunde auffallen musste. 
„Warum denn nicht?“ fragte diese neugierig. 
„Anneliese war ja gestern Abend noch mit uns im Rosen 
kavalier. Das heisst, wir haben sie nur gesehen, aber nicht 
gesprochen.“ 
„War sie denn während der Pause nicht im Foyer“ 
„Nein.“ 
„Das finde ich aber sonderbar!“ meinte Gisela. 
„Es wird wohl seinen guten Grund gehabt haben!“ warf 
Lotte wieder recht mystisch ein und schüttelte langsam den Kopf. 
„Seinen Grund? Welchen denn? Kinder, ihr tut so ge 
heimnisvoll, als ob, wer weiss etwas, geschehen wäre, was mir 
verschwiegen bleiben soll, als ob ich eine Plappertasche wäre!“ 
schmollte Fräulein von Rhombenburg etwas geziert. 
Sie erreichte dadurch ihren Zweck vollkommen nach 
Wunsch. 
„Na, Lotte! Wir wollen es Gisela doch erzählen!“ er 
munterte Grete, welcher es schwer zu werden schien, ihrem 
Herzen nicht Luft machen zu dürfen. 
„Meinetwegen!“ sagte Fräulein Lindengardt. „Ein Geheimnis 
wird es ja nicht bleiben und kann es auch nicht bleiben, wenn 
alles schon so öffentlich geschieht.“ 
„So erzählt doch nun endlich einmal!“ drängte die neugierige 
Freundin. 
„Na also! Höre und staune! Anneliese ist wohl verlobt. 
Mit ihr und ihrer Mutter kam in ihrem Auto ein junger Herr 
vors Opernhaus gefahren. Alle drei gingen dann spornstreichs 
hinein und keiner ward mehr gesehen. Das ist doch auffällig!“ 
„Ganz sicher.“ 
„Es soll gewiss noch keiner erfahren. Aber wir haben's 
zufällig nun doch gesehen!“ lachte Grete. 
„Darum blieben sie auch in ihrer Loge!“ suchte Gisela 
beweiskräftig anzuführen. 
„Natürlich! Darum kommt Anneliese heut auch nicht aufs 
Eis!“ ergänzte Grete. 
„Dass sie aber gestern Vormittag keine Sterbenssilbe gesagt 
hat! Wir waren doch gestern sogar recht lange zusammen.“ 
„Nicht wahr, Gisela, Du findest das auch nicht hübsch? 
Uns, ihren besten Freundinnen, konnte sie doch ein bischen 
Vertrauen schenken. Wenn wir unter uns waren, haben wir 
doch oft vom Verloben gesprochen und von Herren, die wir 
gern haben. Die ganze Geschichte wird sich doch nicht erst 
gestern Nachmittag wie aus heiterem Himmel entsponnen haben, 
die Bombe nicht gleich im ersten Augenblick geplatzt sein. 
Ich fühle mich durch solche Geheimnistuerei beleidigt.“ 
„Ich auch!“ erklärte Grete. 
„Mit Fug und Recht können wir uns alle drei als beleidigt 
ansehen, Lotte. Wer ist denn der Bräutigam? Wie sieht 
3 (( 
Grete beschrieb der Freundin den jungen Mann, so genau 
es ihr möglich war. 
„Wer und was er ist, weiss ich natürlich nicht!“ fügte 
sie hinzu. 
„Na! Für was kann man ihn denn wohl halten? Was 
meinst Du denn, Lotte?“ 
„Er kann Offizier sein oder Gesandtschaftsattache. Viel 
leicht auch Referendar oder junger Assessor.“ 
„So, so! Aber, Kinder, es wird doch nicht ihr Bruder ge 
wesen sein, der Engländer?“ lachte Gisela. 
Beide Freundinnen, denen diese Frage galt, blickten sich 
etwas verdutzt an. 
„Nein! Ihr Bruder kann es nicht gewesen sein. Wir kennen 
ihn zwar nicht, denn er war ja schon in England im Zweig 
geschäfte seines Vaters, als wir mit Anneliese bekannt wurden 
und Freundschaft schlossen, aber sie hat ihren Bruder immer 
als nur kleinen Menschen mit dunklem Haar geschildert und 
der junge Herr war hellblond und gross und schlank.“ 
„Das müssen wir herauskriegen, Kinder!“ rief Fräulein von 
Rhombenburg. „Wollen wir einfach heut Nachmittag zu 
Anneliese gehen und fragen, wie es ihr geht, weil ihr Fern 
bleiben von der Eisbahn in uns den Glauben erweckt hätte, 
sie wäre krank?“ 
„Ja! Das wollen wir! Um welche Zeit treffen wir uns?“ 
Die drei Mädchen einigten sich bald und beschlossen dann, 
noch einen Spaziergang durch den Tiergarten zu machen. 
In der Siegesallee nahe dem Königsplatze, grösste sie ein 
Kürassieroffizier, welchen ein elegant aussehender, junger Herr 
in Zivil begleitete. Beide gingen an ihnen vorüber. Ehe Lotte 
und Grete noch fragen konnten, wem der Gruss gelten mochte, 
denn sie kannten den Offizier nicht, blieb Gisela plötzlich stehen, 
rief ihnen ein hastiges „Entschuldiget mich einen Augenblick! 
zu und ging zurück. Als die beiden Freundinnen sich um 
schauten, sahen sie, dass auch der Kürassier sich von seinem 
Begleiter beurlaubt hatte und umgekehrt war, um Gisela ent 
gegenzugehen. 
Beide gaben sich die Hand und plauderten wie recht gute 
Bekannte. 
„Du, Lotte!“ stiess Grete diese an. „Sieh Dir doch ein 
mal den Herren an, der da hinten auf den Leutnant wartet!“ 
„Grete! Das ist ja Annelieses Bräutigam!“ rief die Freundin 
fast so laut aus, dass es auffallen musste. 
„Na, mir kam es doch gleich so vor!“ 
„Natürlich! Wer mag nur der Offizier sein?“ 
Jetzt verabschiedete sich Gisela von diesem und beeilte 
sich, wieder zu den Freundinnen zu gelangen. 
„Mein Vetter Alexander von Rhombenburg, der eben von 
der Kriegsakademie kommt!“ erklärte sie. „Verzeiht nur, dass 
ich Euch warten Hess.“ 
„Bitte, bitte! Ein schneidiger Offizier! Hat er dir nicht 
gesagt, wer der Herr in Zivil ist, der mit ihm ging.“ 
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