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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

Zwei Tage später reiste die Familie Beckmann in die 
Heimat. Diesmal hatte doch der Papa seinen Willen durch 
gesetzt, trotzdem die Mama wütend war. 
Als man Abschied nahm, bekam der Baron eine Einladung 
auf das Beckmannsche Gut; — man musste sich doch 
revanchieren für all die Gefälligkeiten, die er ihnen erzeigt 
hatte. Und natürlich sagte Baron Hubert zu: er würde kommen, 
um mit Papa Beckmann zusammen Hühner zu schiessen — — 
* * 
* 
Vier Tage später waren Beckmanns in der Heimat und 
der Erste, der sie willkommen hiess, war Bruno Wilken, der 
junge Verwalter. Er war ein flotter, hochgewachsener Mann, 
wettergebräunt und von sehnigem Bau. Aus den blauen Augen 
sprach ein warmes Gemüt und heitere Lebensfreude. 
Beckmann begrüsste ihn herzlich jovial, Frau Beckmann 
noch kühler als gewöhnlich und Lotte war befangen und errötete 
leicht. 
Aber die nächsten Wochen vergingen, ohne dass sich etwas 
besonderes in der Familie ereignet hätte. Alles nahm seinen 
regelrechten Verlauf. Jeder ging seinen Geschäften nach. 
Und langsam ging man dem Herbst entgegen. 
Nach vier Wochen war Lotte zum erstenmal wieder mit 
dem jungen Verwalter allein zusammen. Sie machte einen Ritt 
in das nahe Gehölz und dort traf sie den jungen Mann, der 
eben vom Felde heimwärts reiten wollte. Sie begrüssten sich 
und ritten dann nebeneinander her. 
„Warum sehe ich Sie denn jetzt so selten, Fräulein Lotte?“ 
fragte er und sah sie mit seinen guten Augen vorwurfsvoll an. 
Lotte schwieg und blickte zur Seite. 
Da beugte er sich hinüber, legte seine Hand auf ihre und 
sagte innig bittend: „Lotte, haben Sie mich denn wirklich ganz 
vergessen auf Ihren Reisen?“ 
Auch jetzt noch schwieg sie, aber er fühlte, wie ihre Hand 
unter der seinen zitterte und sah, wie ein leichtes Rot in das 
sonnige Gesichtchen stieg. 
„Ich bin noch derselbe, Fräulein Lotte,“ sagte er beteuernd, 
„ganz gewiss, ich habe Sie nicht vergessen, obschon Sie nahezu 
drei Monate fort waren.“ 
Jetzt lächelte sie und sah ihn an. 
Und wenn ich Ihnen nun heute wiederhole, was Ich Ihnen 
damals schon gesagt habe,“ fuhr er leise werbend fort, „dass 
ich Sie lieb habe, sehr sehr lieb, — was sagen Sie mir dann 
heute?“ 
Noch immer schwiegen ihre Lippen. Aber von ihren Augen 
las er die Antwort. Und als er nun ihre Hand nahm und 
sie küsste, ohne dass sie es ihm wehrte, da wusste er, dass 
auch sie ihn lieb hatte und in überströmendem Jubel neigte er 
sich zu ihr hinüber und küsste sie auf den Mund. 
Als sie in den Gutshof zurückritten, begegnete ihnen zuerst 
der Papa. Die Mienen der Liebenden verrieten ihm sofort 
alles, und er war ja eigentlich auch darauf schon vorbereitet. 
Aber gleichwohl nahm er sich die Tochter vor und liess sie 
beichten. 
Dann liess er den Verwalter hereinrufen. 
„Lieber Wilken, ich weiss, was sich ereignet hat, Sie 
brauchen mir gar nichts zu sagen, die Lotte hat schon ge 
beichtet.“ Damit reichte er dem jungen Mann beide Hände 
hin, in die dieser überglücklich einschlug. 
„Herr Beckmann,“ sagte er mit schwer bekämpfter Er 
regung, „ich habe zwar nichts als meine gesunden Arme und 
ein Herz auf dem rechten Fleck, aber glücklich werden wir, 
denn ich kann arbeiten, wenn es sein muss für Zwei! 
Schmunzelnd nickte der Alte: „Na ja, mein Sohn, ich gebe 
sie Dir, denn ich kenne Dich und ich vertraue Dir. Und dass 
Du kein reicher Mann bist, das lass Dich nicht kümmern; ich 
hab’ auch mal klein angefangen, — na, und übrigens bin ich 
ja jetzt auch noch da.“ 
Dann legte er ganz feierlich die Hände der beiden Liebenden 
ineinander. 
Die Mama war natürlich starr vor Schreck, als sie dazu 
kam, aber zum guten Ende blieb ihr nichts übrig, als ebenfalls 
Ja zu sagen. 
* 
« * 
Drei Tage später traf Baron Hubert ein. 
Als er durch den Feldweg dem Landgute Zufuhr, sah er 
sinnend in die helle durchsichtige blaue Luft. Tausende von 
weissen Fäden wehten daher und legten sich an Baum und 
Strauch, und zogen sich wie feines Spinngewebe über die 
weiten Stoppelfelder. 
Das war der Herbst. Schwermütig blickte der Baron 
darauf hin und wie ein Gefühl des Unbehagens kam es über 
ihn, — er dachte daran, wie er heute früh bei der Toilette 
wieder so viele weisse Fäden aus seinem Haar hatte entfernen 
müssen. Auch das war der Herbst . . . Dann aber überwand 
er rasch das unbehagliche Gefühl, und als er in den Gutshof 
elnfuhr, war er, wie immer, der elegante, liebenswürdige 
Weltmann. 
Natürlich wurde er mit grosser Herzlichkeit aufgenommen. 
Herr und Frau Beckmann konnten sich garnicht genug tun, in 
Versicherungen ihrer Freude, und sogar Lotte war jetzt von 
bezaubernder Liebenswürdigkeit. 
Zu alledem lächelte der Baron heimlich, — o, er hatte es 
ja gewusst, — nur Geduld haben musste man! Einem Baron 
von Feldberg gibt man so leicht keinen Korb! Und ge 
schmeichelt liess er sich alle Huldigungen gefallen. 
Aber dann trat der Bräutigam ein und wurde —- als neues 
Mitglied der Familie vorgestellt. 
Nur einen Augenblick zuckte Baron Hubert zusammen . . . 
er fühlte etwas wie einen schmerzhaften Stich in der Herz 
gegend und sah ein Flimmern vor den Augen. Aber sofort 
hatte er seine Fassung wiedergefunden und beglückwünschte 
das Paar mit verbindlichen Worten. 
Schon am zweiten Tage erklärte er, dass wichtige Nach 
richten ihn auf sein eigenes Besitztum nach Schlesien riefen, 
und wenige Stunden trug ihn und Herrn Beckmann ein Wagen 
nach der Bahnstation. 
Er kam nie wieder zur Jagd. 
Im Nebel. 
Von Hermann Dressier, Chemnitz. 
(Nachdruck verboten.) 
' Der Abend senkt sich über den Ozean. Die „Morma“ 
durchjagt die glatte See, die wie ein Bogen Stanniolpapier 
glitzert. Nur hinter der Schraube zieht ein breiter weisser 
Streifen her. Hier peitschen die beiden Propeller des Ozean 
riesen das Wasser zu Gischt und Schaum. 
Die Zeit des Kommandowechsels ist gekommen. 
Der junge Offizier steigt zur Kommandobrücke hinauf und 
grüsst den Kapitän, der mit besorgtem Blicke den Himmel 
mustert. 
„Danke, Kamerad Niels! Ich will die Führung bis Sonnen 
aufgang behalten,“ antwortete der Kapitän. 
„Ist Gefahr im Anzug? Droht das Wetter umzuschlagen?“ 
fragt Niels. 
„Hm!“ brummt der Kapitän nachdenklich, „ich fürchte, wir 
bekommen nasse Packung!“ 
„Nach diesem schönen Tage? Ich glaube nicht!“ 
„Doch, doch, Niels, sehen Sie mal nach Osten!“ 
Beide Männer wenden sich nach der angedeuteten Richtung. 
Dort, fast am Horizonte, hat sich das Meer einen trüben 
Schleier vor das Antlitz gezogen, und hier und da flattern kleine, 
zerfliessende Nebelschwaden wie Altweibersommer über die 
See, die sich nach allen Seiten hin endlos ausbreitet. 
„Das schlägt sich nieder, die Nacht wird kühl.“ 
„Wohl kaum. Auf jeden Fall will ich wenigstens bis Mitter 
nacht auf meinem Posten bleiben.“
        
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