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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

Weisse Fäden. 
Novelletle von Paul Bliss. 
(Nachdruck verboten). 
Baron Hubert von Feldberg war wieder einmal verliebt. 
Das war ja soweit nichts Neues, denn der Baron war leicht 
entflammt, aber seine Neigung verschwand meist so schnell, 
wie sie gekommen war. Diesmal indessen war es anders: er 
war wirklich verliebt. Fräulein Lotte Beckmann hatte es ihm 
angetan. 
Papa Beckmann, ein ebenso reicher wie gemütlicher Herr, 
wohnte mit seiner Gattin und der einzigen Tochter im 
Mediterrane, dem vornehmsten Hotel in Pegli, und Baron Hubert 
wohnte ebenfalls dort. 
An einem wunderschönen Morgen hatte Baron Hubert das 
Fräulein zum erstenmal gesehen. Er kam von einer Ruder 
partie zurück und sie sass gerade am Strand und schaute auf 
das blaue Meer hinaus, auf dem in fütternden Stäubchen das 
Sonnenlicht tanzte und sprühte. Sie nahm nicht die geringste 
Notiz von seiner Anwesenheit; er aber stand wie bezaubert 
und sah mit festgebannten Augen nach dem schönen Mädchen 
hinüber. 
Von da hess er es sich angelegen sein, der Familie so 
bald als möglich näher zu treten. Und das hielt nicht allzu 
schwer. 
_ Man wurde schnell bekannt. In einem so grossen Hotel, 
zwischen Fremden aus aller Herren Länder, finden sich Lands 
leute gar bald zusammen. Man nahm die Mahlzeiten gemeinsam 
ein, man machte zusammen Wasserpartien und Ausflüge in die 
Umgebung, und allemal war der Baron der liebenswürdige und 
unermüdliche Führer. Dabei kam ihm vortrefflich zu statten, 
dass er den italienischen Teil der Riviera genau kannte, weil 
er alljährlich einige Wochen dort verbrachte. 
So führte er die Familie durch Schloss und Park Pallavicini, 
wo es viel zu sehen gab; sie besichtigten die Paläste in Sestri- 
Ponente, fuhren nach Voltri, Savona, hinunter bis nach Bordighera, 
und immer gab es neue Sehenswürdigkeiten, bald die Pracht 
der Vegetation von tropenähnlicher Ueppigkeit, bald ehrwürdige 
Bauwerke, Zeugen vergangener Pracht, am schönsten aber 
immer das Meer, das alle Minuten die Farbe änderte und in 
immer neuen Ueberraschungen das Auge entzückte. 
Einen halben Tag allein brauchte man für den Camposanto 
in Genua, diesen weltberühmten Friedhof, einen andern Tag 
für die Galerien und Paläste der Via Balbi und Via Garibaldi, 
dann für die Kirchen und Denkmäler, das Teatro Carlo Felice 
den Hafen und das charakteristische Volksleben in den engen 
Gässchen, die bergauf, bergab, durch die ganze Stadt sich 
hinziehen; — o, es gefiel ihnen prächtig, und Baron Hubert 
von Feldberg hatte seinen Zweck erreicht. Nicht nur bekannt 
geworden war er mit der Familie Beckmann, nein, fast schon 
unentbehrlich war er ihnen. So schien es ihm wenigstens. 
Am meisten von ihm entzückt war die Mama. Die gute 
Dame konnte sich gar nicht genug tun, dem Baron ihre über- 
phot. J Staudt, Berlin. 
Schimpansin Grete 
z. Zt. im Apollo-Theater. 
strömende Dankbarkeit zu zeigen. Der Papa dagegen, wenn 
schon ebenso anerkennend, verhielt sich bedeutend reservierter. 
Ganz zurückhaltend aber war Schön-Lottchen selbst, um derent 
willen doch eigentlich alles das geschah. 
Der Baron jedoch liess sich durch diese Wahrnehmung 
nicht einschüchtern, — grade diese Hindernisse trieben ihn 
erst recht an, seinem Ziele entgegenzustreben. Der Mama 
war er sicher, und das war schliesslich doch wohl die Haupt 
sache, Vater und Tochter würde er schon noch gewinnen. 
Donnerwetter, — er war doch nicht der erste Beste! Reich, 
gesund, Kavalier, jung — — zwar hatte er seit acht Tagen 
die ersten weissen Fäden in seinem Haar entdeckt, — aber 
was wollte das sagen! Für einen Mann sind 45 Jahre doch 
kein Alter, — also nur Geduld, bis der rechte Zeitpunkt da 
war, und vor allem die Gunst der Mutter bewahrt, das war 
die Hauptbedingung! 
So kam es denn, dass bei den Ausflügen der Baron meist 
mit der Mama, die Tochter aber mit dem Vater ging. 
„Was will er denn eigentlich?“ fragte Lottchen dann wohl 
heimlich den Vater. „Warum macht er sich unserethalben 
nur so viele Umstände?“ 
Papa Beckmann lächelte, sah seine Tochter an und sagte 
dann ebenso leise: „Ja, wenn Du es nicht weisst, Kind, — ich 
weiss es gewiss nicht.“ 
„Aber er wird sich doch nicht etwa einbilden, dass 
ich ... !“ — fast entsetzt sah sie ihren Vater an. 
Na, na, Kindchen, nur keine Angst,“ beruhigte sie der alte 
Herr, „zwingen wird Dich doch kein Mensch.“ Damit zog 
er ihren Arm unter den seinen und drückte zärtlich ihre kleine 
Hand. 
Am Abend desselben Tages sass die Familie Beckmann 
am Strande. Im Mondschein lag das Meer und ein leiser 
Lufthauch trug würzigen Blütenduft heran. Ringsum friedvolle 
Stille. Nur von fern her Gesang und Mandolinenspiel. 
„Woran denkst Du Lotte?“ brach Mama Beckmann endlich 
das Schweigen. 
„An zu Hause,“ sagte die Tochter etwas zögernd. 
Wieder trat Schweigen ein. Dann nahm die Mutter von 
neuem das Wort: „Lotte, — der Baron hat mir heute gesagt, 
dass er sich ernsthaft für Dich interessiert.“ 
„Ach, Mamachen, — lass uns doch von etwas anderem 
sprechen,“ bat Lotte. 
„Von etwas anderem?“ kam es erstaunt zurück. 
„Ich bitte dich darum, — ja?“ 
„Aber, Lotte, — der Baron ist eine selten gute Partie. . . . “ 
„Mamachen, ich bitte Dich!“ 
„Das begreife ich nicht!“ 
Aber nun mischte sich auch der Papa ein: „Liebe Marta, 
auch ich begreife Dich nicht! Du hörst doch, dass das Mädel 
nichts von ihm wissen will.“ 
„Natürlich! Du sagst ja zu allem, was das Mädel will, Ja 
und Amen, — aber diesmal lasse ich mich nicht überstimmen, 
das sage ich Euch!“ 
„Wr sind hier im Freien, Marta, — bitte, sprich etwas 
weniger laut.“ 
„Aber Mann,“ sprach sie nun leiser auf ihn ein, „ein 
Baron — von uraltem Adel, — reich, elegant, ein Edelmann, — 
so etwas kommt nie wieder!“ 
„Er ist fünfundvierzig und Lotte kaum zwanzig,“ lehnte 
der Vater ab.“ 
„Was schadet das? Ein desto besserer Ehemann wird 
er sein“. 
„Aber ich will nicht!“ erklärte Lotte nun energisch. 
„So?“ entgegnete die Mama, „Du willst ihn nicht? O, ich 
weiss schon warum! Oder denkst Du, ich hätte nicht gemerkt, 
dass Du Dich schon seit einem halben Jahr von unserm Herrn 
Wilken anschmachten lässt?“ 
Jetzt schwieg Lotte verlegen. 
„Von Wilken, — unserm Gutsverwalter?“ fragte Papa 
erstaunt. „Davon ahnte ich ja gar nichts.“ 
„Aber ich desto mehr! Und deshalb gerade hab’ ich zu 
dieser Reise gedrängt. Natürlich kann aus dem Unsinn nichts 
werden. Unser einziges Kind kann doch wohl andere An 
sprüche machen, sollt’ ich meinen!“ 
Der alte Herr schwieg. Diese Neuigkeit interessierte ihn 
wirklich sehr und nun dachte er darüber nach. — — —
        
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