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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

„Mir bist Du allemal recht, Hansi, aber es kommt sogar 
noch besser, denn hier gilt es Deine Zukunft. Du bist ein 
kluges, prächtiges Mädel, aber wir Männer brauchen noch 
mehr.“ 
„Sage ruhig: Fred braucht es, Felix.“ 
„Du bist zu ernst, Kind, um einen häßlichen Ausdruck, 
der trotzdem schlagend ist, zu wählen, zu solide. Wir ge 
brauchen Anreiz, Wechsel, Hingabe. Sieh mich nicht so 
entsetzt an, es braucht ja nicht alles gleich in's Aeusserste 
übersetzt zu werden. Du bist sicher viel schöner, aber ich 
wette, es ist irgend einer beliebigen Schmeichelkatze, die das 
alles ins Feld führt, ein leichtes Fred zu umgarnen.“ 
Sie weinte leise dicht an seiner Schulter. 
„Hansi, Kind, Liebes, es ist noch nicht das Schlimmste 
eine reiche, elegante Frau zu werden, gibt noch andere, ekligere 
Chosen. Kopf hoch also — noch kannst Du ihn halten.“ 
Die dunklen Augen sahen ihn hilflos an. 
„Und mein Herz — —“ flüsterte sie leise — „und Du 
weisst doch wie strenge Mutter denkt. Wie würde sie und 
Edith schelten, wenn ich so — so — —“ 
„Hansi,“ er fasste wieder ihre Hand — „denk’ Heinz 
sässe hier an meiner Stelle. Nun aber ist genug geweint, jetzt 
wird gehandelt und zwar schnell. Von 1 bis 3 Uhr hat Fred 
Tischzeit, er fährt regelmässig vom Zoo.“ 
„Felix, Du weist Bestimmtes — o, sage mir.“ 
„Kann Dir keinen Deut helfen. Nimm nur mal all’ Deinen 
Mut zusammen, es geht um Dein Glück und schliesslich noch 
mehr um seines, denn solch’ ein schillernder leichter 
Schmetterling kann manchmal eklig zähe sein.“ 
Er zog die Uniform herunter, nickte ihr zu und war hinaus. 
* * 
Natürlich! Lolo musste ihn wieder warten lassen. Das 
war der einzige Fehler, den das sonst so süsse Mädel hatte. 
Aber jetzt fuhr er. Die beste Kur war, wenn sie mal nichts 
Gutes zu essen bekam. Wie entzückend sie war, wenn sie 
so selig und genäschig nach all’ den leckeren Sachen Verlangen 
trug und ihm das teure Konfekt, das er immer für sie bereit 
hielt, aus den Taschen stibitzte. Bescheiden war Lolo nicht, 
im Gegenteil, aber dem süssen Ding stand eben alles. Immer 
lachend und lächelnd —- so wollte er sie. Heute jedoch 
musste er Strenge walten lassen, wo blieb sonst seine 
Uebergewalt. 
Dann kam es masslos erstaunt über seine Lippen: 
„Hansi, Du?!“ 
Ja es war seine Braut, die so unerwartet auf dem Bahn 
steig vor ihm stand. 
Merkwürdig, er sah heute eigentlich zum ersten Mal, welch’ 
ein hübsches Mädchen sie war. Es lag entwas in ihrem Auf 
treten, ihrem Anzug, was ihn überraschte — erfreute. 
Sie hing sich an seinen Arm. 
„Wie froh bin ich Dich zu treffen. Wohin fährst Du?“ 
„Ich will zu Mittag essen.“ 
„Du Armer, Lieber in dem ungemütlichen Lokal! Später 
sollst Du es dafür besser haben.“ 
Ihr dunkles Köpfchen war für einen Augenblick seiner 
Schulter ganz nahe, ein feiner Veilchenduft stieg zu ihm auf, 
seidenweiches Haar streifte seine Wange. 
Fred stand vor einem Rätsel. 
Er konnte doch die ganzen zwei Jahre seiner Verlobung 
nicht geschlafen haben. Er kannte doch Hansi ganz genau, 
ihren Gang, ihren sanften Ernst, ihr ganzes Sein, das nie etwas 
zu raten aufgab. Aber diese Hansi — diese halb ver 
träumte — halb pikante Mädchenblüte sah er heute zum 
ersten Mal. 
„Fred,“ klang es da leise — »gibt es hier in der Nähe 
keine stille Konditorei? Ich möchte so schrecklich gern mal 
ein Weilchen mit Dir ganz allein sein.“ 
Er drückte leidenschaftlich ihren Arm. 
„Hansi, ist das — das Dein Ernst?“ 
„Was haben wir denn von einander, wenn Du bei mir 
zu Hause bist?“ 
„Mädel, süsses, das fühle ich, ich längst. Wie auf Draht 
gezogen sitzen wir da —“ er hörte ihr leises, silbernes 
Lachen — „Aber komm doch, Lieb, hier ganz in der Nähe 
sind wir grossartig untergebracht.“ 
In dem stillen Hinterzimmer der Konditorei half er ihr aus 
der Jacke. Sie hatte glühende Wangen und zitterte, aber sie 
duldete, dass er sie an sich zog und plötzlich wie im Taumel 
ihre Lippen küsste. 
„Wir lieben uns doch, wir wollen doch selig sein,“ 
stammelte er — „was brauchen wir die Anderen.“ 
„Geliebter.“ 
„Hansi, das sag’ noch mal,“ und wieder glühende Küsse. 
„Und jetzt wo ich so selig bin, um Gotteswillen keine Vor 
würfe. Ich brauche Feuer, Leben, Liebe. Willst Du, Du mir 
das alles geben, Hansi? 
Er bog ihr Köpfchen zurück und schaute tief und lange in 
ihre Augen. 
„Verstellt hast Du dich also, Du herziger Racker! Und 
ich Narr dachte, Du seist von Eis, nahmst mich nur der Ver 
sorgung halber.“ 
„Fred!“ 
„Lieber, lieber, einziger Mann heisst es. Hansi, Lieb, 
Goldenes sag’ so. Und nun komm auf mein Knie — Ich 
will es Dir später vergelten, dass Du so — so — und die 
Schönste, Eleganteste sollst Du sein für mich — für mich. 
Unsere Heirat macht Dich doch mit einem Mal unabhängig in 
der Beziehung. Noch heute komm’ ich zu Euch, damit unser 
Hochzeitstag bestimmt wird. Ich will Dich nicht länger 
entbehren.“ 
Dann leises, glühendes Flüstern, trunkene Küsse. 
„Und ich Narr war nahe daran unsere Verlobung zu lösen. 
Du musst mit mir fühlen, Herzblatt, dass Du, Du allein an 
dem unseligen Irrtum schuld warst. Und versprich mir, dass 
wir Beide allein Deine Morgenkleider usw. aussuchen. Ich 
will das Süsseste und Schickste haben.“ 
$ * 
* 
Die immer Adele und hungrige Lolo wartete vergeblich auf 
Fred und dann — dann suchte sie sich einen Andern, der 
ebenso tadelloses Konfekt mitbrachte. 
Die Weihnacht des kleinen 
Lukas. 
Nach dem Französischen des Rene Grouge von Alfred Mayer-Eckhardt. 
(Nachdruck verboten.) 
Ein Junge, ein kleiner Junge, so unscheinbar und armselig 
wie ein kleiner Spatz, trottete geduckt durch den Schneesturm. 
Bekleidet war er mit einem grau-baumwollenen Fuhrmannskittel, 
unter dem heraus das Hemde über die zerlöcherten Hosen 
hing; mit „Hüh“ und „Hott“ trieb er gleichsam seine schweren 
Holzpantinen, an denen gefrorener Schmutz klebte, durch den 
Schnee. Am linken Arm trug er einen Korb aus Weiden 
geflecht, auf den in grossen Buchstaben sein Name: „Lukas“ 
stand. 
So kam Lukas Abend für Abend aus der Schule. Seine 
Eltern wohnten weit, weit davon, noch weit hinter der Schlucht 
von Guessac, von der in der Dunkelheit nichts zu sehen war, 
als die alten Eichenstämme, die die hohe Böschung umfassten; 
eine gute Stunde Wegs durch die bereits hereingebrochene 
Nacht hatte er zu machen. 
Im Sommer ging’s ja noch an, zur Winterzeit aber war’s 
schrecklich. Sobald er den Marktflecken Saint Hermel, wo 
die freundlich lächelnden Fenster des Bäckers und des Krämers 
noch so etwas wie Licht und Leben spendeten, hinter sich 
hatte, Ang der kleine Lukas jedesmal an zu zittern und zu 
weinen. Es fror ihn, oft blieb er stecken im Schnee; er 
fürchtete sich vor den Wölfen, verlief sich, so dass oft vom 
Kirchturm von Saint Hermel das Angelus längst verklungen 
war, wenn er die kleine Holzfällerhütte, wo Vater und Mutter 
wohnten, glücklich erreicht hatte. 
„Lukas, Du bist immer zerstreut!“ hatte heute der Lehrer, 
Herr Lemuhot, gesagt, „zur Strafe sitzest Du heute eine halbe 
Stunde nach, damit Du endlich D und A unterscheiden lernst “ 
Zuerst hatte er laut aufgeheult in Vorahnung des ganzen 
Registers der väterlichen Schelte, das ihm nun bevorstand; 
dann die Fäuste in die Augen gebohrt und still vor sich hin 
geweint. — — — 
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