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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

Schlittenrecht. 
Von Adolf Kolb. 
(Nachdruck verboten.) 
Leutnant Iwan Czernitscheff war wieder einmal verliebt, 
sterblich verliebt. Eigentlich war der junge, schlanke Offizier 
mit dem goldblonden Schnurrbart stets verliebt, nur wechselte 
der Gegenstand seiner Anbetung öfters. Aber diesmal hatte 
ihn Amors Pfeil tiefer getroffen; die junge, brünette Fürstin 
Repnin hielt seine Gedanken seit kurzem ständig im Bann. 
So auch heute Abend wieder, als Iwan im Kreise seiner 
Kameraden im Spielzimmer des Offizierkasinos verweilte. Die 
wohlhabenden Offiziere spielten mit hohen Einsätzen Pharao, 
während die weniger mit Glücksgütern gesegneten Herren dem 
Spiel zuschauten. Iwan ging zum Fenster und starrte in die 
dunkle Winternacht. Lange Zeit hatte er schon dort hinaus 
gestarrt, da legte sich eine Hand schwer auf seine Schulter. 
„Na, Iwan, wieder einmal in Gedanken, welchem Kammer 
kätzchen bist Du denn auf der Spur?“ Iwan drehte sich um. 
„Diesmal ist’s etwas Besseres.“ „Darf man erfahren, wer die 
Glückliche ist, die Du deiner Liebe würdigst?“ „Warum nicht, 
Du kennst sie auch, Fürstin Olga Repnin.“ Erstaunt trat 
Leutnant Soltikoff einen Schritt zurück. „Bei allen Heiligen, 
Iwan, Du strebst hoch hinaus. Wenn ich Dir einen Rat geben 
darf, Iwan, dann schlage Dir diese Liebe aus dem Kopf, von 
der schönen Fürstin Repnin bekommst Du nicht einmal einen 
armseligen Kuss, geschweige denn eine andere Vergünstigung.“ 
„Es käme immerhin auf einen Versuch an,“ meinte Iwan gereizt. 
„So leid es mir tut, lieber Iwan, Dich aus allen deinen 
Himmeln reissen zu müssen, und so gern ich Dich habe als 
Kamerad und lieben Freund, aber Fürstin Olga Repnin ist 
nicht für Dich gewachsen, da müssen schon Kameraden 
kommen, die sechszehn Ahnen aufzuweisen haben.“ „Ach 
ja, ich vergass, dass mein Vater nur ein einfacher Grenadier 
im Leibregiment war. Ich danke Dir, Soltikoff, dass Du mich 
daran erinnerst. Aber das schwöre ich Dir zu, küssen werde 
ich diese hochmütige Fürstin, und wenn ich deswegen in die 
Verbannung wandern sollte.“ 
„Nicht so, lieber Iwan, ist denn dieses schöne, aber hoch 
mütige Weib wirklich wert, dass ein Prachtmensch wie Du sich 
ihretwegen in’s Unglück stürzt?“ „Du hast recht, Soltikoff, es 
gibt ja so viele reizende junge Damen hier, die von einem 
Liebhaber nicht gleich sechszehn Ahnen verlangen. Aber, 
weisst Du, küssen möchte ich sie doch einmal und zwar vor 
allen Menschen, und ich werde mein Ziel auch erreichen.“ 
„Unmöglich, guter Iwan.“ „Und ich gehe jede Wette ein.“ 
„Ach so, wenn Du ihr einen Kuss gegen ihren Willen rauben 
willst, ja, dann allerdings würdest Du die Wette gewinnen.“ 
„So meine ich es nicht,“ widersprach Iwan, setzte sich in 
einen der bequemen Ledersessel und forderte seinen Kameraden 
auf, ebenfalls Platz zu nehmen. „Ja, ich will die Fürstin sogar 
bitten um einen Kuss, und sie wird mir denselben nicht ab- 
schlagen dürfen.“ „Dürfen, sagst Du, lieber Iwan, dann denkst 
Du gewiss an dass Schlittenrecht?“ „Allerdings,“ pflichtete 
Iwan bei. „Das Schlittenrecht gedenke ich bei der Fürstin 
auszuüben.“ „Wenn Du Dich nur nicht täuschst, Brüderlein, 
die Fürstin ist so schlau, nur Herren mit den berühmten sechs 
zehn Ahnen zu wählen.“ „Also, lieber Soltikoff, ich halte 
jede Wette.“ „Gut,“ antwortete Soltikoff, winkte einige jüngere 
Offiziere herbei und klärte dieselben über die bevorstehende 
Wette auf. Grosse Freude herrschte darob bei den jungen 
Marssöhnen. „Wie hoch steht die Welte,“ sprudelte der 
dicke Adjutant heraus, „ich halte zehntausend Rubel dagegen.“ 
Die Zahl der Zuhörer halte sich schnell vergrössert, als im 
Zimmer bekannt wurde, dass von einer Wette die Rede war, 
und zehn Kameraden einigten sich dahin, zusammen gegen 
Iwan mit einer Einlage von je zehntausend Rubeln die Wette 
zu halten. Soltikoff erhob seine Stimme: „Ich bitte, meine 
Herren, die Wette hat folgendermassen ihre Gültigkeit inner 
halb der nächsten vierzehn Tage. Bringt es unser Iwan in 
diesem Zeitraum fertig, das Schlittenrecht — bekanntlich das 
Recht, nach-beendeter Schlittenfahrt einen Kuss von der Dame 
zu erbitten, den die Dame nicht verweigern darf — bei der 
Fürstin Olga Repnin auszuüben, so stehen ihm unsere Einsätze 
von Summa Hunderttausend Rubel zur Verfügung, andernfalls 
begnügen wir uns mit seinem Einsatz von zehntausend Rubel.“ 
„Einverstanden“, sagte der Adjutant, der als ein entfernter 
Verwandter der Fürstin, diese so schnell als möglich von 
der Wette zu unterrichten gedachte, „jeder Vorteil gilt.“ Unter 
grossem Jubel wurden die Chancen Czernitscheffs erwogen. 
Die feuchfröhliche Sitzung dehnte sich bis zum frühen Morgen 
aus, und die Teilnehmer derselben kamen um ihren Schlaf. — 
Dreizehn Tage waren schon verflossen und Leutnant Czernit 
scheff hatte noch nicht das Geringste getan, um seine Wette 
zu gewinnen, er war sogar so sorglos, dass er am Nachmittag 
des dreizehnten Tages eine Reise nach einer benachbarten 
Garnison unternahm, um einen dort lebenden Verwandten zu 
besuchen. Die Mitglieder der Gegenpartei jubelten schon im 
voraus, dass sie die Wette unfehlbar gewinnen müssten. 
Nicht zum mindesten an dieser Siegeszuversicht trug die 
durch den Adjutanten übermittelte Nachricht bei, dass 
Fürstin Olga Repnin der Kaiserin Katharina II. von der 
Wette erzählt und sich die Erlaubnis erbeten hatte, bei den 
Schlittenpartieen, die der kaiserliche Hof unternahm, stets nur 
mit einer Hofdame als Begleiterin fahren zu dürfen. Heute 
war der letzte Tag, und Czernitscheff noch nicht zurück von 
seiner Reise. Am Nachmittag war die geplante Schlittenpartie 
unternommen worden und jetzt um 8 Uhr abends standen die 
jungen Offiziere im Hofe des Kaiserlichen Schlosses und 
erwarteten vor der grossen Freitreppe, vor welcher die 
Schlitten halten mussten, die Kaiserin mit ihrem Gefolge. Die 
Spitzenreiter mit ihren brennenden Fackeln jagten schon heran, 
und mit hellem, lustigem Geklingel folgten ihnen die Schlitten. 
Der Adjutant hatte grade noch Zeit, die siegesgewissen Offi 
ziere zu bitten, den Platz vor der Treppe freizugeben, da hielt 
auch schon der erste prachtvolle Schlitten. Die Kaiserin schlug 
selbst die kostbaren Felle und Decken zurück, sprang gewandt 
herab und schritt, von der Oberhofmeisterin, Frau Tschoglokoff 
begleitet, die Treppe hinauf, die sich ehrerbietigst verneigenden 
Offiziere huldvollst grüssend. Der zweite Schlitten hielt vor 
der Türe und Kammerherr Fürst Trubetzkoy hob die ent 
zückende Gräfin Schuwaloff aus dem Schlitten. Ehe er seine 
Begleiterin zur Erde niederliess, machte der Fürst von dem 
Schlittenrecht Gebrauch und küsste die junge Dame. Die 
folgenden Schlitten fuhren vor, setzten ihren kostbaren Inhalt 
vor der Freitreppe ab, und jeder der aussteigenden Herren 
holte sich einen Kuss bei seiner Schlittengefährtin. Nur ein 
Schlitten war noch übrig, und jetzt fuhr auch dieser letzte vor. 
Fürstin Repnin sprang leichtfüssig zur Erde, die Hofdame 
folgte ihr. Da geschah etwas unerhörtes, noch nie da 
gewesenes. Der schwarzbärtige Kutscher des letzten Schlittens 
verliess gleichzeitig mit der Fürstin den Sitz, trat rasch vor 
dieselbe hin und sprach mit lauter, tiefer Stimme: „Gnädigste 
Fürstin, ich nehme das Schlittenrecht in Anspruch und bitte 
um einen Kuss.“ Entsetzt trat Fürstin Repnin zurück, während 
Winter=Neuheiten in Damen=Kleidung 
Ulster, Abendmäntel, Paletots . 14,50-435,00 
Jackenkostüme 25,00-306,00 
Samtkleider 52,50-162,00 
Servierkleider 14,25- 21,50 
Strassenkieider 25,00-144,00 
Kleiderröcke, farbig und schwarz 5,00- 58,00 
Blusenhemden, Blusen 1,35— 75,00 
Morgenkleider 5,40-210,00 
Unterröcke 2,70-60,00, Volants . 2,20- 15,25 
Backfischröcke 3,15- 14,75 
Qolfjacken, weiss und farbig . . 11,00- 37,00 
RUDOLPH HERTZOG 
BERLIN C.2 
BREITESTR. BRÜDERSTR. SCHARRNSTR. 
Theaterhauben 2,05—12,50 
Ball-Echarpes .... 1,70-96,00 
Wollene Blasenschoner .... 1,55— 6,90 
Sportlätze 0,55— 3,00 
—= Elegante Rodel-Garnituren = 
Jacke und Mütze 17,60—26,75 
^ 
Winter ^Neuheiten 
Pelz-Muffen, verschied. Grössen 5,85-333,00 
Pelz-Kragen und Colliers .... 4,00-364,00 
Pelz-Cravatten und -Schals . . . 3,75-700,00 
Pelz-Paletots und -Mäntel . . 115,00-1650,00 
Kinder-Qarnituren, Muffen und 
Kragen 3,40- 24,75 
Marabu-Schals und -Muffen . . . 9,25- 29,75 
Straussfeder.Rüschen und -Boas 7,00-175,00 
Knaben- und Herren-Mützen und 
Kragen 2.75- 35,75 
Pelz-Fusstaschen und Fußsäcke . 4,20- 59,50
        
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