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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

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wollte nicht recht zu der Erscheinung meiner 
Angebeteten passen. Ich war aber zu aufgeregt, 
um darüber nachzudenken. Mein Herz schlug 
hörbar, meine Hände zitterten, glaubte ich mich 
doch endlich nahe dem Gegenstände meiner acht 
tägigen Sehnsucht, in der ich am Tage wie ein 
Träumender umherging, fortgesetzt ihr Bild vor 
Augen, diese königliche Erscheinung in dem 
blütenweissen Gewände, und nachts die wahn 
sinnigen Gebilde einer durch keine Ordnung ge 
hemmten Phantasie durchlebte. Durch eine der 
Türen würde sie eintreten. Es dauerte indessen 
geraume Zeit, ehe sich eine der Türen öffnete. 
Ich hatte inzwischen Zeit genug, Umschau zu 
halten. Ein altmodisch grossgeblümtes Sofa, nicht 
etwa im Biedermeierstil, nein so aus der Provinz, 
ein blinder Pfeilerspiegel ist mir im Gedächtnis. 
Endlich, endlich knarrte die eine Tür und herein 
trat eine ältliche Dame, so zwischen vierzig und 
fünfzig, ein wenig verhutzelt mit welken aber hoch 
geröteten Gesichtszügen. Ich machte eine gemessene 
Verbeugung, stellte mich vor, und fragte sehr be 
scheiden nach dem Fräulein Tochter, die ich vor 
acht Tagen kennen gelernt hatte. Sie sah mich ver 
ständnislos an. „Mein Herr, ich bin eine an 
ständige Dame, und habe keine Tochter,“ sagte 
sie sehr indigniert. Jetzt war das Erstaunen bei 
mir. Ich glaube, ich habe ein kreuzdummes Ge 
sicht gemacht, doch fasste ich mich schnell und 
bat, Fräulein Zichlinska sprechen zu dürfen. 
Ich heisse Marga Zichlinska, sagte sie sehr 
deutlich, sehr scharf und schneidend zu mir, als 
ob ich ein Verbrecher wäre, der in ihr Heiligstes 
gedrungen wäre und trat einen Schritt zurück. 
Mir war dabei ungefähr zu Mule, als ob ich eine 
kalte Dusche über den Kopf bekommen hätte. Eine 
ziemliche Verlegenheitspause, in der ich überdachte, wie un 
überlegt meine Angebetete gehandelt hatte, mir ihren vollen 
Namen nicht zu nennen. Ich begann also stockend, in der Ver 
legenheit stotternd, meine Bekanntschaft zu erzählen, um endlich 
die richtige Marga sprechen zu können, deren Zunamen ich 
wahrscheinlich schlecht gehört hatte. Da die Wohnungsbe 
zeichnung stimmen musste, hat meine Angebetete wahr 
scheinlich hier ein Zimmer inne, sagte ich. 
„Herr, ich bin eine anständige Dame, bei mir wohnen 
solche Damen nicht!“ 
Jetzt war kein Zweifel mehr möglich, Ich war getäuscht, 
gefoppt, genarrt. In weniger als einer Minute stand ich 
auf der Strasse, vollständig unfähig einen Ge 
danken zu fassen, steif vorgestreckt hielt ich meine 
Orchideen in der Hand. Endlich, endlich kam 
mir ein Gedanke. Ich hatte Strasse und Haus 
nummer verwechselt. Ich pfiff, ich schrie ein 
Auto an, warf mich hinein und fuhr nachhause. 
Ich hatte ihre Wohnungsbezeichnung aufgeschrieben 
auf einen kleinen Zettel, den ich am Nach 
mittag nicht gefunden hatte. Mir war der Zettel 
vollkommen gleichgültig geworden, da ich mir 
hundertmal den Namen und die Nummer der 
Strasse wiederholt hatte. Zuhause suchte ich 
krampfhaft, warf alle Kästen durcheinander und ver 
zweifelte. Wenn ich den Zettel fand, war es ge 
wiss zu spät, um zu ihr zu gehen. Endlich, nach 
länger als einer Stunde fand ich den Wisch, den 
sie selbst geprüft hatte. Es stimmte alles. Jetzt 
lache Du!“ 
Er sah mich ingrimmig an, und ich wagte mit 
Rücksicht auf unsere alte Freundschaft nicht, los 
zulachen, obwohl ich übermenschliche Anstren 
gungen machen musste, mein Zwerchfell zu be 
ruhigen. Es war gewiss frevelhaft von der 
Schönen, meinen armen Freund so zu narren. 
Aber so sind die Weiber! 
Was sollte ich tun? Ihn trösten mit der 
Schlechtigkeit des weiblichen Geschlechts. Ich 
fand keine Worte und suchte verlegen eine möglichst 
teilnahmsvolle Miene anzunehmen. Ich wagte nicht 
mein armes Paulchen anzusehen und liess den 
Blick durch das Lokal schweifen. Da betrat so 
eben ein mir bekannter Rechtsanwalt mit seiner 
jungen Frau das Restaurant. Ich frohlockte. Die 
Erlösung naht. Schon wollte das Paar sich 
unserm Tische nahen, da sah ich deutlich, wie 
die junge Frau ihren Gatten am Aermel zupfte 
und ein hastiges Wort sprach. Das Paar grüsste und ging 
vorüber. Da fühlte ich schmerzhaft mit einem Male auf 
meinem Arm eine schwere Hand, die sich zusammenkrampfte. 
Ich wand mich um. Mein Freund sah mich entgeistert an: 
„Wer war das?“ sagte er heiser. 
„Rechtsanwalt Regling und Frau“, antwortete ich ahnungslos. 
„Das — war — sie!“, sagte er tonlos und sank in sich 
zusammen. — 
Der Kellner brachte neues Bier. Das Paar hatte sich in 
Gesichtslinie von unserem Tisch gesetzt. Paulchen starrte hin 
über und endlich traf ihn ein unendlich langer, um Verzeihung 
bittender Blick ihrer schönen Augen. 
pbot. Graph. Inst. Urania. Berlin. 
Blick in den grünen Salon des „Prinzess-Cafe“, Kurfürstendamm 16. 
Im vornehmsten und intimsten Cafe des Westens, dem Prinzess-Cafe, Kurfürstendamm 16, dessen 
wunderbare Innenarchitektur sowohl, als auch die gesamte Einrichtung nach den Planen Lucian Bernhardt’s 
ausgeführt wurde, konzertiert in den beiden täglich von 5—7 V2 u °d 9— 2 Uhr staltfindenden Konzerten 
Russlands grösster Geiger Sergius Robileff. Ueber Sergius Robiloff, der die Ehre hatte, vor dem Zaren 
von Russland, den Königen von Belgien und England, der Grossherzogin von Luxemburg, dem Grossfürsten 
Wladimir von Russland und vielen anderen Fürstlichkeiten zu spielen, schrieb der Pariser „Figaro“: „Solche 
herrlichen Töne, wie sie der junge Violinvirtuose Sergius Robileff seinem Instrumente entlockt, habe ich 
noch nie gehört, das war schon mehr ein Gesang, wie ein Geigenspiel; viele seiner Kollegen können ihn 
darum beneiden. Herr Robileff giebt noch ein Konzert und wir können dem Publikum nur empfehlen, sich 
diesen hohen Genuss nicht entgehen zu lassen. 
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