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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

geringsten aufklärenden Angaben machen. Gewiss, 
in der letzten Zeit hatte er so mancherlei beobachtet, 
wenn er in dem grossen Vorderzimmer, das der 
Tenor bewohnte, an dem am Fenster stehenden 
Piano sass und ihn zu seinen Liedern begleitete. 
Aber dieses „Mancherlei“ hing in keiner Weise 
mit Bodo Pelters Vergangenheit zusammen, hätte 
vielmehr in der Zukunft mit einer glücklichen Ver 
lobung enden können, wenn das Haus da gegen 
über, nein, die elegante, etwas von der Strasse 
zurückliegende Villa nicht gerade dem Hofrat von 
Hohenlinden gehört haben würde. — 
An einem der letzten Julitage sass der Hofrat 
von Hohenlinden mit seiner Tochter auf der glas 
überdachten Terrasse beim Morgenkaffe. Der alte 
Herr mit dem grauen, wohlgepflegten Vollbart und 
dem etwas hochmütigen, verschlossenen Gesicht 
hatte ein Blatt Papier neben sich liegen, auf das 
er aus einem Kursbuch sorgfältig die Abfahrtzeiten 
verschiedener Züge vermerkte. Scheinbar war er 
von dieser Arbeit vollständig in Anspruch ge 
nommen. Und doch blickte er heimlich nur zu oft 
mit seinen klugen, etwas kühlen grauen Augen zu 
seinem einzigen Kinde hinüber, das in einem be 
quemen Rohrsesselchen lehnte und verträumt in 
die grüne Blätterpracht des hinter dem Hause sich 
hinziehenden Parkes schaute. Jetzt legte er, sich 
leise räuspernd, den Bleistift beiseite und sagte 
dann mit einer Stimme, die wie sanftes, gütiges 
Streicheln war: 
„Käti, komm’ einmal her zu mir, setz’ Dich 
neben mich, — so, ganz dicht, mein Kind, — 
ganz dicht. — Wir, Käti, wir sind nach dem Tode 
Deiner von uns beiden so heiss geliebten Mutter 
nicht wie Vater und Tochter, sondern wie zwei 
gute Kameraden nebeneinander hergegangen, die 
keinerlei Geheimnis vor einander haben sollten. 
Du verbirgst trotzdem etwas vor mir, mein Kind. Vateraugen 
sehen scharf. Anfangs hoffte ich noch, dass Dein lebhaftes 
Interesse für unsere Sommerbühne, welches Du nicht nur 
durch häufigen Besuch der Vorstellungen, sondern auch in 
gelegentlichen Gesprächen mit mir bekundetest, lediglich den 
ganz achtbaren Leistungen der Truppe galt. Dann aber fiel 
mir so allerlei auf. Ich mag das nicht alles erzählen, Käti, 
woran ich merkte, dass meine stolze Tochter ihr Herz an 
einen . . . Schmierenschauspieler verloren hatte. — Unterbrich 
mich nicht, Kind! Gewiss, dieser Herr Bodo Pelter hat 
auch auf mich einen recht günstigen Eindruck gemacht. Aber 
das, wofür er sich ausgibt, ist er nicht. Ich habe in Wien 
vertraulich bei einer Auskunftei angefragt. Es existiert dort 
kein „berühmter Heldentenor“ dieses Namens, wie hier 
täglich auf dem Theaterzettel zu lesen ist. Im Gegenteil, 
Bodo Pelter ist in Wien eine gänzlich unbekannte Grösse. 
Auch sonst weiss man in Fachkreisen nichts von ihm. Wir 
haben es demnach mit einem Sänger niedrigster Sorte zu 
tun, mit einem Menschen, der sich nicht einmal scheut, für 
seine Person frech eine von A bis Z erlogene Reklame 
phot. Graph. Inst. Urania, Berlin. 
Blick in den vorderen Raum des „Prinzess-Cafe“, Kurfürstendamm 16. 
Im vornehmsten und intimsten Cafe des Westens, dem Prinzess-Cafe, Kurfürstendamm 16, dessen 
wunderbare Innenarchitektur sowohl, als auch die gesamte Einrichtung nach den Plänen Lucian 
ausgeführt wurde, konzertiert in den beiden täglich von 5 — 7 i l2 und 9 
Bernhardt’s 
2 Uhr stattfindenden Konzerten 
Russlands grösster Geiger Sergius Robiloff. Ueber Sergius Robiloff, der die Ehre hatte, vor dem Zaren 
von Russland, den Königen von Belgien und England, der Grossherzogin von Luxemburg, dem Grossfürsten 
Wladimir von Russland und vielen anderen Fürstlichkeiten zu spielen, schrieb die St. Petersburger „Novosti“: 
„Den noch sehr jungen Geiger Sergius Robiloff kann man mit gutem Gewissen als unseren grössten Geiger 
bezeichnen, wir haben seit dem Tode Rubinsteins nicht solch ein Talent wieder gehabt. Robiloff ist ein Künstler, 
den man hören und nochmals hören 
um die Feinheiten seines Spiels richtig schätzen zu lernen“ 
zu machen. Und daran ändern weder seine tadellose Kleidung 
noch seine gewinnenden Manieren etwas.“ 
Der Geheimrat schwieg eine Weile, als ob er seine Worte 
erst so recht auf seine Tochter einwirken lassen wollte. Dann 
fuhr er fort, indem er begütigend ihre Hände in die seinen nahm; 
„Demnach, Käti, muss dieser Sache ein schnelles 
Ende bereitet werden. Du weisst, seit dem Tode 
Deiner Mutter ist mir der Aufenthalt hier in dieser 
Stadt, in diesem Hause, wo mich alles an die 
Tote mahnt, zur Qual geworden. Und nur das 
Pflichtbewusstsein Hess mich bisher von der Ein 
reichung meines Abschiedsgesuches Abstand nehmen. 
Jetzt, mein Kind, bin ich nun wirklich um meine 
Pensionierung eingekommen, und mein Urlaub, den 
ich übermorgen antrete, wird nichts anderes als die 
Uebergangszeit für mein völliges Ausscheiden aus 
dem Staatsdienste sein. Wir werden hierher nicht 
mehr zurückkehren. Die wenigen Abschiedsbesuche 
können wir bis zu unserer Abreise noch bequem 
erledigen. Und heute Abend auf der Gesellschaft 
bei Rautenheims ist mir die beste Gelegenheit 
gegeben, den Bekannten aus der Umgegend in 
einer kurzen Rede Lebewohl zu sagen. Ich hoffe, 
dass Dir eine Reise nach Venedig und Rom, die 
ich aus dem Kursbuch soeben zusammengestellt 
habe, Deine volle Ruhe wiedergeben wird.“ 
Die weichen Züge des jungen Mädchens 
hatten plötzlich einen eisigen, hochmütigen Aus 
druck angenommen. 
„So, also ein . . . Schwindler ist dieser Herr 
Pelter! — Ich danke Dir für die Aufklärung, Papa! 
Die Sache ist damit abgetan.“ Dann griff ihre 
Hand ruhig nach der elektrischen Birne, die von 
der Hängelampe herabhing. Und dem eintretenden 
Mädchen befahl sie, scheinbar gleichmütig wie immer, 
den Kaffeetisch abzuräumen. — 
Am Nachmittag desselben Tages holte ein leichter 
Jagdwagen vier Mitglieder des Hallerfortschen En 
sembles nach dem zwei Meilen entfernten Schlosse 
Rautenheim ab, wo sie durch einige musikalische 
und humoristische Vorträge die zu der grossen 
Abendgesellschaft geladenen Gäste unterhalten sollten. 
Diese Ueberraschung war des steinreichen Herrn von 
Rautenheims ureigenste Idee und bisher aufs strengste 
geheim gehalten worden. Für den stets auf seinen Vorteil be 
dachten Hallerfort hatte diese zeitweilige Entführung seiner besten 
Kräfte einen netten Gewinn abgeworfen, den er aber gross- 
mütig mit den vier Auserwählten teilte. — Die Fahrt nach 
dem Herrensitze Rautenheim ging auf dem hohen, parallel zu 
dem breiten Strome hinlaufenden Deiche entlang und versetzte 
drei der Auserkorenen durch die Schönheit der stets wechselnden 
Landschaftsbilder in eine gehobene Stimme. Nur Bodo Pelter 
lehnte in sich gekehrt in seiner Wagenecke, hing seinen 
Gedanken nach und hörte kaum, was die andern um ihn her 
sprachen. Mit ihm war in der letzten Zeit überhaupt eine 
auffallende Veränderung vor sich gegangen. Er, der sonst 
seine vornehme Ruhe nie verlor, zeigte sich leicht reizbar, 
brauste häufig ohne genügenden Grund auf, war bald aus 
gelassen lustig, bald wieder weltschmerzlich angehaucht, — 
kurz, der Bodo Pelter, der vor ungefähr zwei Monaten seinen 
Einzug in die Provinzstadt gehalten hatte, war er nicht mehr. 
Und soeben überlegte er, jetzt zum soundsovielsten Male, wie 
er dem drohenden Verhängnis entfliehen und seinen Engage 
mentsvertrag hier baldmöglichst lösen konnte. Denn so ging
        
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