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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

beiden anderen Schutzleuten gefolgt, an der Vordertür klingelte. 
August fragte, ob Herr Schneider zuhause sei, und erhielt zur 
Antwort, dass der „Herr“ im Salon weile. Er verlangte, dort 
hin geführt zu werden, und ohne sich erst melden zu lassen, 
trat er ein. 
Im Kreise seiner Familie sass Herr Schneider. Als die 
Tür sich plötzlich öffnete und er die Uniform eines Kriminal- 
Kommissars erblickte, wurde er leichenblass. Ehe dem 
Kommissar ein Wort aus dem Munde kam, winkte er ihm mit 
der Hand und sagte: 
„Einen Augenblick bitte,“ dann wandte er sich mit leiser 
Stimme zu seiner Frau: „Bringe die Kinder auf Dein Zimmer 
und bleibe bei ihnen, bis ich komme. Ich habe mit diesen 
Herren geschäftlich zu tun. Du brauchst Dich nicht zu ängstigen. 
Die Sache ist vollkommen in Ordnung. Ich habe mich mit 
den Herren verabredet, vergass aber, es Dir zu sagen.“ 
Die blasse Dame und ihre vor Angst zitternden Kinder 
zogen sich zurück, und Schneider stand jetzt August und seinen 
beiden Kameraden gegenüber. 
„Ein unangenehmes Geschäft führt mich hierher,“ begann 
August. „Ich habe einen Haftbefehl gegen Sie und erkläre 
Sie für verhaftet. Alle Türen Ihrer Villa sind bewacht nnd 
Sie werden wohl einsehen, dass jeder Widerstand zweck 
los ist. 
„Gewiss,“ entgegnete Schneider, „Ich sehe das voll 
kommen ein.“ 
„Ich bin ferner beauftragt, bei Ihnen Haussuchung zu halten, 
und während ich bei Ihnen bleibe, werden meine Leute Ihre 
Besitzung durchsuchen. Wünschen Sie vielleicht meine Voll 
macht zu sehen?“ 
„Ich bitte Sie, sich deswegen nicht zu bemühen,“ ant 
wortete Schneider, dessen Aufregung zusehends wuchs. Ich 
bin überzeugt, dass Sie vollkommen korrekt Vorgehen, Herr 
Kommissar. Was die Haussuchung anbetrifft, so muss ich 
mich darin fügen, ehe Sie jedoch damit beginnen, möchte ich 
ein paar Worte mit Ihnen reden. Ich glaube, Herr Kommissar, 
Sie sind auch ein Mann, der selber gern lebt, und andere 
auch gern leben lässt. Wieviel Schutzleute haben Sie bei sich?“ 
„Vier,“ antwortete August. 
„So sind Sie im ganzen also Ihrer fünf?“ 
„Ganz recht.“ 
„Herr Inspektor, hören Sie: Ich bin ein Geschäftsmann 
und, wie Sie wissen, auch ein sehr reicher Mann. Ich 
möchte Ihnen etwas anvertrauen. Würden Sie wohl so gütig 
sein und Ihre Beamten auf einen Augenblick aus dem Zimmer 
hinaustreteten lassen?“ 
„Das wäre dienstwidrig,“ antwortete der Kommissar. 
„Ich weiss wohl,“ versetzte der Bankier, „indessen meine 
ich, dass das, was ich Ihnen sagen will, wohl der Erwägung 
wert wäre und Sie es sich anhören sollten.“ 
„Lenz und Sie, Merkel,“ wandte sich der Kommissar zu 
seinen Begleitern, „gehen Sie doch mal einen Augenblick hin 
aus, kommen Sie aber gleich wieder hinein, wenn ich Sie 
rufe.“ 
Die beiden Schutzleute salutierten und traten hinaus. 
August stand mit dem Rücken gegen die Tür und Schneider 
neben dem Kamin. 
Schneider begann: „Was hätten Sie wohl getan, Herr 
Kommissar, wenn Sie mich bei Ihrem Besuche zufällig nicht 
angetroffen hätten? 
„Dann hätte ich, ohne Verdacht zu erregen, festzustellen 
versucht, wohin Sie gegangen wären, und wenn mir das nicht 
gelungen, wäre ich eben nochmals wiedergekommen.“ 
„Sehen Sie, das wollte ich hören. Sagen Sie mir, bitte 
aufrichtig, was darf ich Ihnen zahlen, wenn Sie jetzt auf das 
Präsidium zurückkehren und dort berichten, Sie hätten mich 
nicht finden können.“ 
„Das wäre eine gefährliche Sache, die mich mein Amt 
kosten könnte.“ 
„Die Gefahr können Sie schon laufen,“ meinte Schneider. 
Ich entschädige Sie dafür. Nur vierundzwanzig Stunden Vor 
sprung sollen Sie mir lassen, mehr verlange ich garnicht von 
Ihnen. Wieviel also soll ich Ihnen dafür zahlen?“ 
August überlegte, „Wie denken Sie,“ erklärte er dann, 
über hunderttausend Mark für mich und sechzigtausend Mark 
für jeden meiner Leute.“ 
„Das wären im ganzen also dreihundertvierzigtausend 
Mark.“ 
„Runden wir die Summe auf vierhunderttausend Mark ab. 
Geben Sie uns Mk. 400,000 in Gold, dann Hesse sich da 
rüber reden.“ 
Nach einigem Hin- und Herreden entschied sich der 
Bankier: Ich bin mit den 400,000 Mark einverstanden. 
Können Sie aber auch dafür stehen, Herr Kommissar, dass 
Ihre Leute reinen Mund halten?“ 
„Darauf dürfen Sie sich verlassen, Herr Schneider, gab 
ihm August zur Antwort. „Die Frage ist jetzt nur die: 
Können wir das Geld gleich und in Gold haben?“ 
„Ich weiss nicht genau, ob ich Ihnen den ganzen Betrag 
in Gold zahlen kann, glaube es aber.“ Er sah in seinem 
Notizbuche nach und fing an zu rechnen. „Ja, es geht,“ er 
klärte er sodann. 
„Gut also,“ bemerkte August, „das Geschäft ist gemacht.“ 
August rief seine Kameraden und sie folgten dem Bankier 
in ein anderes Zimmer, in dem sich ein grosser Tresor befand, 
den Herr Schneider öffnete. Er nahm aus ihm mehrere 
Beutel und eine Wage und bemerkte: „Sie können ja zur 
Probe ein paar Beutel wiegen. Das Gewicht stimmt. Ich 
habe hier vierzig Beutel, von denen jeder zehntausend Mark 
enthält.“ 
„Sie müssen schon so gut sein und alle Beutel öffnen,“ 
verlangte der vorsichtige August. Das tat auch der Bankier. 
August Hess aus jedem Beutel eine Handvoll Goldstücke 
durch seine Finger gleiten und fand sie in Ordnung. 
„Wieviel soll so ein Beutel wiegen?“ fragte er den Bankier. 
Nachdem dieser das Gewicht genannt, legte er einen" Beutel 
auf die Wage. 
„Der stimmt,“ meinte August „und da werden die andern 
wohl auch stimmen.“ 
„Dann rufen Sie gefälligst Ihre Leute herein,“ bat Herr 
Schneider, „ich möchte nunmehr auch Gewissheit haben, dass 
Sie die Bedingungen unseres Abkommen einhalten werden.“ 
Die vier falschen Schutzleute Hessen auch nicht lange auf 
sich warten und sie rissen die Augen weit auf, als sie soviel 
Gold glitzern sahen. Ihr Vorgesetzter sagte ihnen in kurzen 
Worten, worum es sich handele, und während er sprach, Hess 
der Bankier ängstlich seine Blicke von einem zum andern 
schweifen. 
„Seid Ihr damit einverstanden?“ fragte August, und alle 
vier nickten zustimmend. 
„Von uns aus haben Sie nichts mehr zu befürchten, Herr 
Schneider,“ erklärte ihm der „Knacker-August,“ „wenigstens 
für die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht.“ 
Der Bankier atmete erleichtert auf, als sich jetzt seine 
unwillkommenen Besucher mit dem Golde beluden und 
verabschiedeten. 
Nach einigen Tagen brachten die Zeitungen die über 
raschende Nachricht, dass Herr Schneider, der bekannte Bankier, 
durchgegangen sei und in seiner Kasse, wie auch in denen 
der ihm nahestehenden Gesellschaften, ungeheure Summen fehlen 
sollten. Bei Prüfung seiner Bücher stellte es sich heraus, dass 
er schon seit einem Jahre seine Flucht vorbereitet hatte und 
ein Gerücht will wissen, dass er sich irgendwo in Süd-Amerika 
auf halten soll. Darüber hat man indessen nie etwas gewisses 
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