Path:

Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

Auf Neuegg. 
Humoreske von Wolf gang Kemter. 
Nachdruck verboten. 
Als Baron Neuegg einige kurze, aber deutliche Anspielungen 
seiner Frau und Schwester gar nicht verstehen wollte, sah sich 
erstere zu einer längeren Rede genötigt. 
„Egon“ fing sie an „wir müssen heuer mit Erna und Elsa 
in ein Bad gehen.“ 
„Sind sie krank?“ fragte der Baron besorgt. 
„Gott bewahre, als ob man nur zur Erholung in ein Bad 
ginge. Es gibt auch noch andere Gründe. Da bietet sich 
mannigfache Gelegenheit, reizende und wertvolle Bekannt 
schaften zu machen, was im Hinblick darauf, dass Erna nun 
dreiundzwanzig und Elsa gar schon fünfundzwanzig ist, von 
grosser Bedeutung sein könnte. In der ganzen Umgebung sind 
dermalen keine heiratsfähigen Herren, die für unsere Mädel in 
Betracht kämen und sonst verirrt sich niemand nach Neuegg, 
in diesen stillen Erdenwinkel. Da darf man nicht ergeben die 
Hände in den Schoss legen, sondern muss versuchen ein 
wenig nachzuhelfen. Mia und Beate können unter Tante 
Karlas Aufsicht hier bleiben.“ 
Der Baron zögerte und war nicht recht überzeugt, aber 
seine Frau liess nicht locker. 
„Das ist unsere Elternpflicht. Wenn du für deine Kinder 
dieses kleine Opfer nicht bringen willst, kannst du Neuegg 
nach deinem Tode in ein Damenstift umwandeln und die 
ersten verbitterten altjüngferlichen Insassen werden deine vier 
Töchter sein.“ 
Das wirkte, der Baron gab nach und schon zwei Wochen 
später reiste er mit Frau und den beiden überglücklichen 
älteren Tächtern in ein Nordseebad. Beate und Mia, die 
zwanzigjährigen Zwillinge, waren nicht sehr erbaut, dass sie 
an dem Vergnügen keinen Anteil haben sollten, und beschlossen 
sich auf jede mögliche Weise schadlos zu halten. 
Sie beratschlagten gerade flüsternd, was sie zunächst tun 
sollten, als der Vorsteher des Dorfes mit einem Soldaten im 
Schlosse vorsprach. Das Dorfoberhaupt stellte den Mann, 
einen Ulanenunteroffizier, Tante Karla als Quartiermacher vor, 
der für seine Eskadron, die einige Tage in der Umgebung 
manöverieren werde, Unterkunft zu besorgen hätte. Ins Schloss 
kämen zwei Herren Offiziere als Einquartierung. 
Tante Karla behielt mühsam ihre Fassung bis die beiden 
Männer ausser Sehweite waren, dann sank sie jammernd und 
ganz vernichtet in einen Stuhl, indess sich Mia und Beate bei 
den Händen fassten und vor Vergnügen durch das Zimmer 
walzten. 
„Egon und Marie sind fort und ich bin ganz allein“, so 
klagte die Tante, der zwei Offiziere der Inbegriff alles Schreck 
lichen waren, „o, dieses Unglück!“ 
Als sie nun ihre Nichten so erfreut sah, da kamen neue 
Angstzustände, denn gerade für die beiden war sie am be 
sorgtesten. Sie wollte sich opfern, aber die zwei jungen 
Mädchen mussten gerettet werden. 
„Hört doch schon mit dem Getanze auf,“ rief sie un 
willig, „Ihr freut euch wahrscheinlich zu früh. Man kennt 
diese Herren Offiziere, es sind alles leichtsinnige Herzen 
brecher. O nein, die Verantwortung übernehme ich nicht. 
Sie dürfen Euch nicht zu Gesicht bekommen, versteht Ihr, 
oder ich schreibe Tante Rosa, dass diese Euch während der 
Zeit nach Bornfeld nimmt.“ 
Mia und Beate standen wie zu Stein erstarrt, so war ihnen 
der Schreck in alle Glieder gefahren. Dann baten und bettelten 
sie: „Liebste Tante, wir wollen alles tun, alles, was du 
verlangst. Wir verstecken uns, dass du uns selbst nicht mehr 
findest, nur nicht nach Bornfeld, um Gotteswillen nicht nach 
Bornfeld.“ 
Die gute Tante war schon wieder versöhnt, sie wäre selbst 
um keinen Preis zu ihrer Schwester nach Bornfeld gegangen. 
„Nun, Kinder, so schlimm wird’s nicht. Die Herren 
werden so den ganzen Tag draussen sein, höchstens zu den 
Mahlzeiten und zum Schlafen ins Schloss kommen, dann zieht 
Ihr euch auf Euer Zimmer zurück und lasst euch nicht sehen.“ 
Als Tante gegangen war, um für die Zimmer zu sorgen, 
da wurde Mia doch wieder traurig und sprach: 
„So geht’s immer, nun hätte es so schön werden können 
und nichts ist es.“ 
„Hab’ keine Sorge,“ tröstete sie die optimistische Beate, 
„wenn die beiden keine Dummköpfe und Fischblütler sind, 
werden sie uns schon finden . . . .“ 
Am nächsten Vormittag ritten mit ihren Burschen die 
Leutnants Kurt von Horn und Artur Stielfried auf Neuegg ein, 
wurden von Tante Karla empfangen und mit etwas süsssaurer 
Miene willkommen geheissen und dann vom alten Diener in 
die bereitgestellten Zimmer geführt. Tante Karla bedauerte, 
dass die Herren mit ihr Vorlieb nehmen müssten, denn ihr 
Bruder wäre mit seiner Familie ins Bad gereist. 
„Dämlicher Gedanke,“ brummte Kurt von Horn vor sich 
hin, „aus diesem Paradiese noch in die Sommerfrische zu 
gehen. “| 
Auch Stielfried hatte sich die Einquartierung auf dem ersten 
Herrensitze der Gegend etwas unterhaltender gedacht. 
Hinter den Gardinen verborgen, hatten Mia und Beate 
den Einzug der bewaffneten Macht mitangesehen. Und beim 
Anblick der beiden jungen, hübschen Offiziere verwünschten 
sie Tante Karlas Ängstlichkeit aufs neue. 
„Schau doch den netten Blonden“ rief Mia begeistert, und 
Beate meinte schwärmerisch; „Und der interessante Brünette“. 
Beim Mittagsmahl sassen sich Tante Karla und die beiden 
Offiziere ziemlich schweigsam gegenüber. Es wollte kein 
rechtes Gespräch in Fluss kommen. Kurt von Horn fragte 
recht höflich, aber so angelegentlich nach der Herrschaft des 
Hauses, dass ihm sein Freund einige verwunderte Blicke 
zuwarf. Sie erfuhren, dass Baron Neuegg mit Frau und zwei 
Töchtern ins Bad wäre, dass er aber vier Töchter habe. 
„Ah,“ fragte Kurt von Horn, „die beiden anderen Damen 
sind nicht mit?“ 
„Nein,“ lautete die kurze Antwort, „bei einer Freundin 
auf Besuch“. 
„Wie schade! Für längere Zeit?“ 
„Ja, für längere Zeit. Die Herren haben wohl ein wenig 
Herzen brechen wollen?“ 
^HERBST-NEUHEITEN 
Kostüme aus Diagonaistoffen :o: 
Kostüme aus Veloursstoffen :o: 
Kostüme aus Frottestoffen :o: 
Mäntel aus Fantasiestoffen :o: 
Mäntel aus Ratineestoffen :o: 
Mäntel aus Stoffen engl. Art :o: 
Kleiderröcke aus Cotelestoffen 
Kleiderröcke aus Stoffen engl. Art 
Rudolph Hertzoq 
BREITESTRASSE BERLIN C. 2 BRÜDERSTRASSE 
hochelegante Samtkostüme 
hochelegante Samtkleider ; 
Hochelegante Samtmäntel : 
Hochelegante Samtblusen ; 
□ HERBST-NEUHEITEN □ 
Strassenkleider aus Popeline, Voile etc. 
Gesellschaftskleider aus Crepon, Chiffon etc. 
Ballkleider aus Tüll- und Spitzenstoffen 
Blusen aus Wollpopeline, Cheviot etc. :o: 
Blusen aus Satintuch, Serge etc. :o: :o: 
Blusen aus Paillette, Taffet-Mousseline etc. 
Blusen aus Tüll, Spachtel, Filet etc. :o: 
Morgenkleider in allen Stoffarten ;o: :o:
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.