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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

schäften und Leistungen der Leute herrschten, aber freilich 
gerade nicht. Jeder will doch schliesslich auch einmal 
eine Anerkennung, ein Wort des Lobes hören, selbst wenn 
er nichts weiter tut, wie seine verdammte Pflicht und 
Schuldigkeit. 
Herr von Drill machte sich aber nichts daraus, ob er 
gelobt oder getadelt wurde. Hatte er doch in sich selbst 
die felsenfeste Ueberzeugung und Gewissheit, dass er seine 
Pflicht im vollsten Umfange tat, und das genügte ihm. 
Seine Mannschaften aber waren zufrieden, wenn nur ihr 
Hauptmann mit ihren Leistungen zufrieden war. 
Warum wurde nun aber seitens der höheren Vor 
gesetzten mit jedem Lobe bei der Kompagnie des Haupt 
manns von Drill so auffällig gekargt? Ja, das hatte der 
Herr Kompagniechef selbst dadurch verschuldet, dass er 
in jedem Vorgesetzten einen persönlichen Feind erblickte 
und ihn demgemäss behandelte. 
Herr von Drill war schon ein sehr eifriger Leutnant 
gewesen und hatte infolgedessen das besondere Vertrauen 
seiner Vorgesetzten genossen. Darum war er einmal mit 
einem schwierigen Kommando betraut worden. 
In einigen Dörfern, welche von der Garnisonstadt nicht 
allzuweit entfernt lagen, waren Feuersbrünste zur Tages 
ordnung geworden, einzelne Häuser, ganze Gehöfte gingen 
in Flammen auf. Der Schaden, welcher dadurch entstand, 
war bedeutend, ja man hatte nicht nur Verlust an Hab 
und Gut, an Korn und Vieh, man hatte sogar Menschen 
leben zu betrauern. Es bestand kein Zweifel darüber, 
dass diese Schadenfeuer auf Böswilligkeit zurückzuführen 
waren, dass Brandstiftung in grossem Stile betrieben wurde. 
In unmittelbarer Nähe der beunruhigten Ortschaften 
wurde ein Kanal gebaut. Viele hundert fremder Arbeiter 
waren dabei beschäftigt und wohnten an ihrem Arbeits 
plätze in mehreren Baracken, die ein vollständiges Lager 
bildeten. Die einheimischen Leute, besonders die Arbeiter 
und Knechte der Landwirte, behaupteten, unter den Kanal 
arbeitern wären die Brandstifter zu suchen. 
Eine ausserordentliche Erregung ergriff alle Gemüter. 
Da die Brände trotz schärfster Aufsicht nicht nachliessen, 
da auch ausgesetzle Belohnungen nicht zur Ermittelung 
der Täter halfen, steigerte sich die allgemeine Aufregung 
zur hellsten Wut, undZusammenstösse mit den verdächtigen 
Arbeitern aus dem Barackenlager blieben nicht aus. Es 
kam schliesslich zu grossen Exzessen und regelrechten 
Schlachten, in denen auf beiden Seiten mehr oder weniger 
schwere Verletzungen vorkamen. Die Ruhe und Ordnung 
waren in der ganzen Gegend ganz erheblich gestört. Kein 
Mensch getraute sich mehr aus Haus und Hof heraus. 
Die Gendarmerie war zwar verstärkt worden, sie blieb 
jedoch aussersfande, geregelte Verhältnisse wieder herzu 
stellen oder die Brandstifter dingfest zu machen, welche 
nach wie vor ihr Unwesen trieben. So musste schliesslich 
militärische Hilfe herbeigerufen werden. 
Der damalige Oberleutnant von Drill erhielt den Befehl 
über das in jene unruhige Gegend entsandte Truppenaui- 
gebot und ging mit dem ihm eigenen Diensteifer und 
Schneid an die Sache heran. 
Es gelang ihm auch wohl in verhältnismässig kurzer 
Zeit, Herr der Situation zu werden und Ruhe und Ordnung 
wiederherzustellen, aber freilich nur unter Anwendung 
des letzten ihm zu Gebote stehenden, des schärfsten 
Mittels. Alle gütlichen Verwarnungen, alle Ermahnungen 
und Drohungen waren bei der aufs Aeusserste empor 
geloderten Wut der beiden Parteien erfolglos geblieben. 
So hatte er denn von der Waffe Gebrauch machen 
lassen, wobei mehrere Personen verwundet, eine sogar 
getötet wurden. Unglücklicherweise war der Gefallene 
einer, der in einem der Dörfer beheimatet war. 
Der Erfolg seines Vorgehens war ein zweifacher, ein 
guter und ein böser. Dass sollte Herr von Drill bald 
genug erfahren. Glänzend war er insofern, als die Aus 
schreitungen aufhörten, und es trat umsomehr wieder Ruhe 
und Ordnung ein, als man in der Person des Brandstifters 
einen einheimischen Idioten entdeckte. Dass einer der 
Dorfinsassen sein Leben hatte dahingeben müssen, be 
dauerte man wohl, aber beachtete es im Grunde nicht 
besonders. 
Herr von Drill wurde als Held gefeiert, als er wie 
ein Sieger in die Garnison zurückkehrte, mit dem Danke 
der Bewohner der gefährdet gewesenen Gegend reich 
überschüttet. Auch seine Vorgesetzten hielten mit ihren 
Lobeserhebungen nicht zurück. Unter der Hand erfuhr 
er, dass er zu einem Orden in Vorschlag gebracht worden 
war, und freute sich schon im voraus, diese Auszeichnung 
auf seiner Brust tragen zu dürfen. 
Die Sache kam aber anders. Dem ersten guten Er 
folge seiner Tätigkeit folgte ein zweiter und das war ein 
böser. Als sich die Wogen der Anerkennung geglättet 
hatten, wurden mit einem Male Stimmen laut, welche be 
haupteten, dass ein Gebrauch der Waffe eigentlich noch 
gar nicht nötig gewesen wäre, es hätte doch noch erst 
weiter versucht werden können, in Güte und nur mit 
ernsten Drohungen die Kämpfe zwischen den ein 
heimischen und den fremden Arbeitern zu verhindern. 
Ja, die Angelegenheit kam sogar im Parlamente zur 
Erörterung und die allgemeine Stimmung, welche zuerst 
Herrn von Drill beinahe in den Himmel gehoben hatte, 
schlug in das Gegenteil um. Dem Hosianna folgte das 
„Kreuzige ihn.“ 
Anstatt der erhofften Auszeichnung bekam er nun 
eine Nase und zwar keine kleine. Das wurmte den pflicht 
eifrigen und sich keiner Ueberschreitung seiner Befugnisse 
bewussten Offizier gewaltig, er war heftig ergrimmt auf 
seine Vorgesetzten und behauptete, diese hätten ihn nicht 
gehörig gegen die wankelmütige Volksstimmung in Schutz 
genommen, ihn nicht so unterstützt, wie er es nach bestem 
Wissen und Gewissen erwarten durfte. 
Sein Zorn legte sich auch im Laufe der sonst alles 
vergessen machenden Zeit nicht, er konnte das Unrecht, 
welches ihn, wie er glaubte, zugefügt worden war, nicht 
vergessen, hielt sich für misshandelt und zeigte dies nun 
bei jeder Gelegenheit, welche sich ihm bot, sowohl im 
Dienste als auch in seinem ausserdienstlichen Verhalten. 
In seinen Augen war von jetzt an jeder seiner Vorgesetzten 
ohne weiteres sein persönlicher Feind. 
Diesen anzugreifen und zu schädigen, wo er nur 
konnte, war sein Lebensgenuss geworden. Natürlich ge 
brauchte er dazu weder Säbel noch Pistole, aber feinere 
Waffen, die oft um so schwerer trafen, hatte er bei 
jeder Gelegenheit bereit. 
Die Folge seines Kampfesmutes war, dass seine Vor 
gesetzten ihn nur mit gleicher Münze dienten. So hatte 
ein gegenseitiges Anärgern und Nörgeln Platz gegriffen,
        
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