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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

Der Kampf begann hinter meinem Rücken. Ich horte es 
am Trampeln und dem metallischen Klange, den das Kreuzen 
der Stahlklingen verursachte und sah es an den gespannten 
Zügen der Zuschauer. 
Die Szene schritt schnell vorwärts. 
Plötzlich bemerkte ich unter den Zuschauern ein Stutzen, 
das im nächsten Augenblicke in ein furchtbares Entzetzen 
überging. 
Was ich hier erzähle, dauerte alles nur einige Sekunden. 
Die Damen waren von ihren Sitzen emporgesprungen, hoben 
wie zur Abwehr die Arme nach vorne oder bedeckten sich 
das Gesicht und stiessen entsetzte Schreie aus. Viele drängten 
nach den Ausgängen zu. Die Herren erbleichten bis an die 
Stirn, ihre Kinnladen hingen vor Grauen schlaff nach unten 
und gaben den Gesichtern jenen entsetzten Ausdruck, den 
ur das Ungeheuere in die menschliche Züge graben kann. 
Aus der Königsloge ertönte ein langgezogener Schrei: „Mord!“ 
Im selben Augenblicke kam von der Bühne ein girrender, 
gurgelnder Laut, und wie ich den Kopf entsetzt nach der Szene 
wende, sehe ich eben noch, wie sich Mephistopheles auf die Seite 
Valentins geschlagen hat und mit einem weiten Ausfall Faust 
sein Florett durch die Brust stösst, dass es unter der Schulter 
wieder zum Vorschein kommt. Ich sehe noch, wie er den 
Mordstahl zurückzieht, dass ihm ein Strom Blutes nachspritzt 
und wie Faust rücklings zu Boden stürzt. Einen Augenblick 
beugt sich das Gesicht Mephistos mit triumphierendem Grinsen 
über den erbleichenden Faust, ein höhnisches Gelächter schrillt 
durch den Raum, die Statisten fliehen schaudernd hinter die 
Kulissen und man hört sekundenlang nur das Röcheln des 
Sterbenden, das entsetzliche Röcheln. 
Einen Moment nur ist alles gebannt. Dann tobt es aus 
tausend Kehlen wie ein Wutschrei: „Mord! Mord!“ 
Man stürmt die Bühne. Einige Herren erklettern die 
Rampe und schwingen sich nach oben, um den Mörder 
zu fassen. 
Mephistopheles steht einen Augenblick unentschlossen. 
Dann wirft er den Degen beiseite, reckt sich hochauf und 
ruft in die anstürmende Menge hinein; 
„Den Teufel halte, wer ihn hält. 
Er wird ihn nicht so leicht zum zweiten Male fangen!“ 
Im nächsten Moment ist er zwischen den Kulissen ver 
schwunden. 
Ich gebe Anweisung, den eisernen Vorhang zu senken. 
Unterdessen ist der Verwundete auf Decken und Kissen 
gebettet worden. Der Theaterarzt untersucht den Stich und 
legt einen Notverband an. 
„Herzstoss, nicht mehr zu retten!“ sagt er mir. 
Dann tritt er unter das Publikum und fragt: „Ist unter den 
Herrschaften ein Geistlicher?“ 
Ein Herr arbeitet sich nach der Bühne durch. 
Wir bleiben mit dem Sterbenden allein. 
Ich will gehen. Er gibt mir mit der Hand ein Zeichen 
zu bleiben. 
Mit flüsternder Stimme haucht er uns etwas zu. Wir 
knien nieder und bringen unsere Ohren in die Nähe seines 
Mundes, um verstehen zu können. 
„Es ist kein Mord,“ lispelt er, „kein Mord, sondern eine 
gerechte Strafe. Ich habe seine — Schwester verführt, und — 
sie ging in — den Tod. Das war heute vor drei Jahren in 
Rom. Es war — der Grund, dass ich mich — zurückzog 
von der Bühne. Ich erkannte ihn — gleich, als wir uns — 
heute abend gegenüberstanden. Er ist im Rechte. — Gott 
sei — meiner Seele — gnädig! — Ich sterbe — sterbe “ 
Ein Blutstrom quoll aus seinem Munde und rieselte über 
die pelzverbrämte Mantille. Der Geistliche machte das Zeichen 
des Kreuzes über ihm und drückte ihm sanft die brechenden 
Augen zu. 
Das Theater hatte sich mittlerweile geleert. Vor demselben 
hatte sich eine tausendköpfige Menge angesammelt. Polizisten 
besetzten die Ausgänge und Hessen niemand mehr aus noch ein. 
Das ganze Haus wurde durchsucht, aber man fand nichts 
von Diabelli. 
Der Portier des Hauplportals erzählte mir aber, dass ein 
Herr das Theater verlassen habe, gross und hager gewachsen 
und mit einem Ausdruck im Gesicht, dass ihm bei seinem 
Anblick eine Gänsehaut über den ganzen Körper gekrochen sei. 
Was an der Affaire Zufall, was geheimnisvoller Zusammen 
hang ist, das wage ich nicht zu entscheiden. Den Degen des 
Mephistopheles habe ich aber beseitigen lassen. Die Waffe, 
die nunmehr bereits zwei Menschenleben auf der Bühne 
forderte, flösst mir heute noch in der Erinnerung ein geheimnis 
volles Grausen ein. 
An Mengelberg.^ 
Millionen schaun zu Deinem Stabe 
Ehrfurchtsvoll empor, 
Neigen Deiner Geistes Gabe 
Gerne willig Ohr. 
Ein Geschenk des Himmels 
Leiht Dir Göttermacht, 
Brauset das Orchester, 
Einer lenkt die Schlacht . . 
Ritter ohne Waffe, Sieger bleibt Dein Geist — 
Glücklich lauscht die Seele, die den Meister preist! 
H. N. 
*) Zu dem Bilde auf Seile 12. 
Leben. 
A uf dem Friedhof war es — dem weihevoll — stillen, 
Den Mystik und Liebe zum Heiligtum prägen 
Und hohe Cypressen mit Weihrauch umhüllen. — 
Einsam ging ich auf den kiesbestreuten Wegen 
Und sah der Blumen Weiss im Grün verschwimmen, 
In Immortellenkränzen, Efeublättern — 
Und sah gespenstisch durch die Wirrnis glimmen 
Der Marmorsteine wetterharte Lettern. — 
Der weissen, steingehau’nen Engel Lichtgestalten 
Ragten empor aus grüner Dunkelheit — 
Und über alles unsichtbare Flügel wallten — 
Die Flügel einer fernen Ewigkeit. — 
Da packt es mich so wild wie nie zuvor — 
Ein heisses Sehnen stieg in mir empor — 
Ist alles denn Vergessen und Vergehn? 
— Nein — gross und stark will ich im Leben stehn, 
Und Leben soll an meinen Taten haften. 
Ich will die Fackeln meiner Leidenschaften 
In rotem Glanze vor mir lodern sehn. — 
Und hab zu einem Grab den Schritt gelenkt — 
Das lag weitab — vergessen und zerfallen — 
Und habe rote Rosen drauf gesenkt — 
Tiefrote Rosen, die das Leben schenkt. 
Elfriede Lehmann. 
Hoflieferant Sr. Maj. 
d. Kaisers u. Königs 
K. K. Österr. Hof-Stahlw.-Fabrik. 
Hoflieferant Sr. Maj. des 
Königs von Griechenland. 
J. A. lienckels 
Zwillingswerk in Solingen. 
Stahlwaren besten Qualität. 
Schutzmarke Zwillinge 
ff 
eingetragen 13.6. 1731. 
Alle meine Fabrikate tragen mein Zwillingszeichen; wenn sie 
bei Wiederverkäufern nicht zu haben sind, bitte ich sich zu 
wenden an die Hauptniederlage: 
Berlin W., Leipzfgerstrasse 118. 
Filialen: Cöln a. Rh., Hohestr. 144; Dresden, Wilsdruffer 
strasse?: Frankfurta. M., Rossmarkt 15; Hamburg, G. Johannis- 
Str 11; München. Theatinerstr. 8: Wien I. Kärnthnerstr 24. 
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