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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

Die junge Frau zuckte zusammen und öffnete schon den 
Mund, um lebhaft zu widersprechen. Doch sie besann sich 
noch rechtzeitig — beinahe wäre sie ja aus der Rolle gefallen. 
So senkte sie denn den Kopf wie Jemand, der seinen Irrtum 
einsieht, während die Mutter fortfuhr: „Es ist nur ein Glück, 
dass Du so vernünftig bist, Dich nicht zu Hause noch lange 
herumzuquälen und Dich mit Jammern und Wehklagen zu Grunde 
zu richten. Das hilft zu nichts, als die Männer noch im Wahn 
ihrer Unwiderstehlichkeit und Unersetzlichkeit zu bestärken. 
Du hast tapfer gehandelt, — wie ein echtes Soldatenkind. 
Wenn Dein Tyrann erst mal einsieht, was er an Dir verloren 
hat, wie öde und freudlos sein Heim ist, ohne Dich, wird er 
schon reumütig zu Dir kommen und Dir abbitten, was er Dir 
angetan. Denn etwas Arges und Unerhörtes muss es sein, 
sonst würdest Du ihn nicht verlassen. 
Und wenn er dann kommt, dann wollen wir sehen, ob 
wir ihn in Gnaden wieder aufnehmen — denn kommen wird 
er — darüber brauchst Du Dich nicht zu sorgen — aber dann 
soll er zuerst Deine Mutter mal kennen lernen. Na, ich 
sage Dir!!“ 
Die noch immer schöne und stattliche Frau presste ihr 
Kind leidenschaftlich an sich und ihre Augen funkelten so 
kampfbereit, wie die einer Löwin, die ihr Junges verteidigt. 
In Marthas Herzen wallte es warm empor, — wie recht 
hatte ihr Mann mal wieder gehabt. — Wahrhaftig, sein System 
würde unfehlbar den gewünschten Erfolg haben, denn schon 
der Anfang war so vielverheissend wie möglich. 
Und während sie aut der kleinen Station ausstiegen, wo 
der alte Jochen mit dem Wagen ihrer harrte, sang und klang 
es in ihrer Seele, und die tausend Frühlingsstimmen, die in der 
Natur erwachten, fanden Wiederhall in ihrem Innern, sodass 
es sie durchwogte, wie eine gewaltige, herrliche Symphonie, 
deren brausende Accorde sie hinwegtrugen über alles Zagen 
und Bangen. 
Pünktlich am Mittwoch fuhr Martha nach Berlin. Sie hatte 
mit besonderer Sorgfalt Toilette gemacht, damit ihr Männi sich 
nur ja recht freue, sie wieder zu sehen, und er freute sich 
auch unbändig. 
Sie gingen aber garnicht in’s Konzert — was wollten sie 
dort — sondern er berichtete sofort strahlend, dass er ein 
kleines Souper im Hotel Adlon bestellt, und ein Zimmer dort 
reserviert habe. — Und am Sonnabend gehst Du angeblich 
in den Tannhäuser und dann machen wir’s genau so wie heute, 
entrollte er triumphierend seinen Schlachtplan, und sie freuten 
sich Beide wie übermütige Kinder, denen ein famoser Streich 
gelungen. 
In Wellbeck flössen die Tage friedlich und harmonisch da 
hin. Frau Major von Raff war so glücklich, ihr Herzenskind 
einmal wieder ganz für sich zu haben, dass sie die Ursache 
von Marthas Dortsein beinahe darüber vergass. Sie konnte 
sich nur im Stillen nicht genug wundern, dass Martha so ge 
fasst, gleichmässig heiter und ruhig war, so als wäre garnichts 
vorgefallen. Bruno’s Name wurde überhaupt nicht genannt, seit 
Martha eine Frage der Mutter mit den Worten: „Ach bitte 
Muttchen, reden wir doch nicht von ihm“ — kurz abgeschnitten 
hatte. Es schien wirklich, als ob die Gatten jede Verbindung 
umeinander gelöst hätten, denn obschon Frau Major von Raff 
phot. Atelier Skowranek, Berlin. 
Eva von Dernbach, 
veranstaltete in der „Komischen Oper“ einige erfolgreiche Tanzsoireen. 
mit Argusaugen wachte, hatte sie noch nie Bruno’s Handschrift 
unter den einlaufenden Postsachen entdecken können. Dass 
Martha an ihren Mr^m nicht schrieb, fand sie ganz natürlich, 
denn es war ja an ihm, einzulenken, da er im Unrecht war. 
Aber da sah man’s ja, wie gleichgültig ihm das liebliche 
Geschöpf war, das mit so abgöttischer Liebe bisher an ihm 
gehangen. Es war klar, dass er irgendwo ein Verhältnis, 
vielleicht gar mehrere Liebschaften unterhielt Und daher kam 
es denn wahrscheinlich auch, dass man seit Jahren vergeblich 
auf ein Enkelchen warten konnte 
Eine tiefe Empörung bemächtigte sich ihrer. 
Aber sie würde der Wahrheit schon auf die Spur kommen, 
und dann die Scheidung einleiten. 
Martha schien ja ohnehin mit dem Unwürdigen innerlich 
fertig zu sein. Nichts in ihrem Wesen Hess darauf schliessen, 
dass sie seelisch litte. Sie ritt täglich stundenlang, ging spazieren, 
bekundete lebhaftes Interesse an der Milchwirtschaft und der 
Geflügelzucht, musizierte und und las mit der Mutter wie in 
Ihren Mädchenjahren, kurz es schien, als sei ihre Verheiratung 
eine Episode, die abgetan und erledigt sei. 
Frau Major von Raff stand täglich vor einem neuen Rätsel. — 
Sie kannte Marthas Charakter zu gut, um nicht deren ganzes 
Verhalten unbegreiflich zu finden und deshalb fürchtete sie, ihre 
Gelassenheit sei nur die Ruhe vor dem Sturm. Es galt daher, 
sich auf diesen Sturm vorzubereiten. Sollte in Marthas tiefem 
und leidenschaftlichem Charakter die alte Liebe heute oder 
morgen in einer durch die Trennung vielleicht verdoppelten 
Stärke trotz allem wieder erwachen, dann musste sie ihr die 
Beweise liefern können, dass sie ihre Neigung an einen Un 
würdigen verschwendete, und dann, das wusste sie ganz genau, 
würde Martha s stolze edle Seele auf keinen Fall die eheliche 
Gemeinschaft wieder aufnehmen. 
Frau Major von Raff beschloss, ihren Schwiegersohn durch 
einen geschickten Detektiv beobachten zu lassen und es wurde 
ihr auch ein Individuum zur Verfügung gestellt, das mit un 
bestechlicher Diskretion, grossen Takt und ausserordentliche 
Findigkeit vereinigen sollte, und das diese unschätzbaren Eigen 
schaften sofort mit Eifer zu entwickeln begann. 
Die Nachrichten, die Frau Major von Raff aus der Residenz 
empfing, waren für ihren Schwiegersohn so belastend wie möglich. 
Der Herr Oberleutnant holte täglich persönlich postlagernde 
Briefe ab, die er mit sichtlicher Ungeduld sofort aufriss, auch 
Hess er seine eigene Correspondenz nicht mehr wie bisher 
durch den Burschen zur Post tragen, sondern er besorgte dies 
selbst. — Und was Allem die Krone aufsetzte —- er hatte 
sich mehrere Male mit einer tiefverschleierten Dame getroffen 
und mit derselben sofort ein Auto bestiegen. Der Detektiv 
hatte jedesmal die Herrschaften in einem Auto verfolgt und 
jedesmal waren sie in einem andern Hotel gelandet, wo sie 
die Nacht zugebracht hatten und als Oberleutnant von Geldern 
und Frau eingetragen waren. Manchmal waren sie sogar bis 
Wannsee, Schlachtensee und sogar einmal bis Potsdam gefahren. 
Am andern Morgen ganz früh war der Oberleutnant in seine 
Wohnung zurückgekehrt. Wer die Dame gewesen, hatte der 
Detektiv nicht ausfindig machen können. Das Hotelpersonal 
verhielt sich durchaus zugeknöpft und ablehnend, dass es nicht 
möglich war, dasselbe auszufragen.
        
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