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Full text: Berliner Leben Issue 15.1912

nur Blicke, kein Wort kommt über die trockenen Lippen; aber 
die Gedanken eilen weit voraus. 
Da — — — wie auf Kommando halten wir. Gedämpft 
durch den vorliegenden Hügel dringt der Schall eines Schusses 
herüber. Jetzt mehrere — viele, regelloses Gewehrfeuer und 
wildes Geheul. Das Unheil ist im Gange, der Ochsenkarren 
überfallen. 
Im Galopp auf die Höhe und herunter vom Pferde. Den 
ungestümen Doktor zügelt ein strenger Befehl, er lohnt mir’s 
mit grimmigem Fluch. Am Boden liegend spähe ich vorsichtig 
ins Tal. 
Unter Kameeldornbäumen, kaum dreihundert Schritte entfernt, 
steht der hohe zweiräderige Karren neben der fliessenden Quelle, 
die Ochsen sind fort, auf dem flackernden Holzfeuer dampft 
noch der Kessel. Von Osten und Norden her schlich un 
vermutet der listige Feind heran. Drei Reiter verteidigen sich 
tapfer hinter den zuckenden Leibern ihrer erschossenen Tiere, 
lebhaftes Feuer aus dem verdeckten Wagen unterstützt sie. 
Blitzartig wird die Gefechtslage und unser Eingreifen klar. 
Hinter den schützenden Büschen des Hügels gewinnen wir 
kriechend und springend die Flanke des Gegners. Langsamer 
folgen die Bambusen mit den Pferden. 
Eine regelrechte Salve — donnerndes Echo der Berge — 
dann fünf Herzschläge lang unheimliche Stille. Deutsches 
Hurrarufen und lautes Hottentottengeschrei! Und schon um 
pfeifen uns ihre Geschosse, schlagen klatschend gegen die Felsen 
und bohren sich tief in die Stämme der Bäume. 
Doch bald treibt ein wohlgezieltes Kreuzfeuer den vordersten 
Haufen zurück, er verschwindet hinter den Klippen, Verwundete 
und Tote mitzerrend. Nach kurzem Schnellfeuer entweicht der 
Rest des feigen Gesindels. Wir sind im Sattel und stürmen 
hinunter. Die Patrouille soll verfolgen, ich eile dem Freunde 
nach. 
Auf der Karre steht, ruhig auf ihr Gewehr gestützt, eine 
Frau, ihr aufgelöstes Haar fällt wie ein Mantel über die Schultern. 
Ein krausköpfiger Knabe — in den kleinen Händen noch die 
rauchende Flinte — schmiegt sich an die hohe Gestalt. 
Der Stabsarzt springt vom Pferd, seine starken Arme um 
schlingen das Weib und heben es sanft zur Erde. 
„Dora — da bin ich — ich schütze Dich Geliebte! Du 
lebst? Bist nicht verwundet?“ 
Sie blickt ihn starr an mit halb geöffnetem Munde. Eine 
Blutwelle steigt langsam vom Herzen zur schneeweissen Stirn. 
Dann schliessen sich die grossen, fragenden Augen, sie lehnt 
sich willenlos an des treuen Mannes. Brust, und ihre Lippen 
flüstern: „Mein — Franz!“ 
Und die Sonne zieht siegreich empor am blauen Himmels 
gewölbe und vertreibt die nächtlichen Schatten, ihre goldigen 
Strahlen dringen hinunter in s Tal und bescheinen unsägliche 
irdische Wonne. — 
Ich stand mit feuchten Augen bei Seite. Das also war die 
verlorene Dora — und gerade dies herrliche Weib! Ich kenne 
sie wieder, die rüstige Farmersfrau aus Windhuk und ihre 
reizenden Kinder. 
Der mutige Junge streckte mir jubelnd die Hände entgegen. 
„Hailoh! Ich schoss mit Vaters rostiger Flinte; wie sie Hartloop 
machten!“ Und leiser endete er: „Hier liegt das Schwesterchen; 
ach, sieh her, sie ist so krank.“ Zwischen Kissen und Betten 
hervor blickten die glänzenden Augen meiner kleinen Freundin. 
Ich drückte ihre fieberheissen Hände. 
Der Lärm des Gefechts war längst verhallt, als die Patrouille 
mit den wiedererbeuteten Ochsen zurückkehrte. — 
Die Mutter sitzt am Rande des Karren, das Haupt des 
erkrankten Lieblings im Schoss. Ihr Blick ruht sinnend auf dem 
geschäftigen Doktor, dessen sichere Hand verwundete Reiter 
verbindet, und auf dem trotzigen Knaben, der neben ihm 
knieend die durstigen Retter erlabt. 
„Lassen Sie mich bei diesem Bilde abbrechen, gnädige 
Frau. Was weiter geschah? Verehrteste Freundin — ich 
fürchte, Ihnen klingt’s fast zu alltäglich — nicht pikant genug.“ 
Zwei Herzen, die für einander bestimmt, die ein widriges 
Geschick grausam getrennt, sie haben sich wiedergefunden — 
für immer. — 0. Mora. 
Das Schnuppernäschen. 
(Nachdruck und öffentlicher, Vortrag verboten)- 
Ich hab in Berlin ein blondes Bäschen 
Mit einem entzückenden Schnuppernäschen; 
Mein Vetter wendete neulich ein, 
Wenns tüchtig regnet, regnet's da rein. 
— Natürlich war das ’ne Malice 
Und kränkte meine Gold-Alice. — 
Ich war in mein Bäschen schrecklich verliebt 
Und glaubte, dass es kein Häschen gibt. 
Das so die herzen gefangen nimmt 
Und sie so froh und sorglos stimmt. 
Wie jene Stups- und Schnuppernase 
\?on meiner blonden Pupperbase, — 
Einst stand sie Bülowstrassen-Ecke 
Am Hochbahnschalter, und das kecke 
Schnuppernäschen hat bald gespürt, 
Dass mich mein Weg vorüberführt, 
Und schnuppernd sah sie rings sich um, 
Ich ging um den Bahnhof rund herum 
Und spähte aus einem Säulenverstecke, 
Wohin sich das Ziel meines Bäschens erstrecke 
Da sah ich einen jungen Mann, 
Der grüssend trat an sie heran. 
Und mit Entsetzen wurde es mir klar, 
Dass er der „schnuppernd Gespürte“ war: 
Denn Arm in Arm verschwanden beide 
Und ahnten nichts von meinem Leide, 
Seitdem aber ist mir die blonde Puppe 
Mitsamt ihrem Schnuppernäschen —- schnuppe! — 
Ado, 
FfcinCOIS Häby,SrMaj.desKaisersu.fönigs Berlin N.WJ.MiflelslnZ-S
        
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