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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

Grossmutters Hahn. 
Von Ugy Mario. Autorisierte Bearbeitung von Alfred Mayer-Eckhardt. 
(Nachdruck verboten.) 
Eines Tages sprach Herr Berner zu seinem Sohn: „Mein 
Junge, mit Dir bin ich zufrieden. Als Kind warst Du brav 
und gehorsam, auf der Schule fleissig, als junger Mensch tüchtig. 
Nun hast Du Deine Militärzeit hinter Dir, und Deine Vorgesetzten 
sind Deines Lobes voll; kurz, Du hast Dich so entwickelt, 
wie ich es mir immer gewünscht habe. Und nun Du zum 
Manne herangereift bist, sollst Du Dein mütterliches Erbteil 
selbst verwalten. Dem Rechtsstudium sollst Du natürlich zu 
Ende führen, im übrigen aber Dir Dein Leben nach Deinem 
Geschmack einrichten; frei sollst Du sein, wie der Vogel in 
der Luft. Gemesse die schone Jugendzeit, sie wird Dir nicht 
zum zweiten Male geboten. Ich habe schon mit Notar Balandier 
gesprochen, — er wird Dir 80000 Franken in guten sicheren 
Papieren auszahlen, nun steuere Dein Lebensschifflein selbst. 
„Du bist zu gut Vater.“ 
„Nein, mein Junge, ich tue lediglich meine Pflicht. Die Art 
und Weise, auf die Du jetzt Dein kleines Vermögen verwalten 
wirst, soll mir einen Massstab dafür abgeben, was Du einmal 
später, wenn Du meine Hinterlassenschaft anzutreten hast, 
können und leisten wirst.“ 
„Lieber Vater, sprich doch nicht von Deiner Hinterlassen 
schaft, von Deinem Tode.“ 
„Man muss an alles denken! Kurz und gut, Du bist jetzt 
selbstständig!“ 
„Und Deine Vormundschaftsrechnung? 
„Davon soll zwischen uns nicht die Rede seine Deine 
Mutter hatte 80000 Frank Mitgift, ich nehme an, ich sei sie 
Dir schuldig und zahle sie Dir zurück.“ 
„Lieber Vater, ich verspreche Dir, stets werde ich mich 
Deines Vertrauens würdig zeigen.“ 
„Das weiss ich, mein Junge; und nun noch eins: Wenn Du 
Dein kleines Erbteil, sei es aus Vergnügungssucht, sei es im 
Nachjagen nach irgend welchen Jugendidealen, oder gleichviel 
immer wie aufzehrst, — von mir erhältst Du nicht einen 
Pfennig mehr! Ich reisse Dich nicht heraus. Wenn Du mir 
aber einmal, — zu übereilen brauchst Du es indessen nicht -, 
e in kluges, braves, gesundes und heiteres junges Mädchen als 
Schwiegertochter bringst, bekommst Du am Hochzeitstage eine 
reiche Mitgift; ich veispreche es Dir, und Du weisst, ich kann 
es leisten! Bis dahin aber keinen Pfennig! Du verstehst mich 
doch? Also mach’ keine Schulden, denn ich bezahle sie nicht. 
Komme mir nicht mit Bitten um Geld, — in dem Punkt bin 
•eh unerbittlich.“ ,. 
Dann gingen die Herren Berrier, Vater und Sohn, luhigen 
Schrittes in das grosse Speisezimmer, wo die gute Grossmama 
bereits auf sie wartete; und wie alle Tage war das Mittags- 
•nahl eine Stunde behaglichen Rastens im herzlichen ramihen- 
kreise. 
Maurice Berrier trat sein Erbteil an und verbrachte zunächst 
Ijech einige Monate in gewohnter Weise mit eifrigem Studium. 
Dann folgte er dem Beispiele einiger seiner Freunde, die 
•nre Junggesellenwohnung hatten und mietete ein reizendes 
kleines Erdgeschoss mit einem winzigen Gärtchen, das er 
| 
Hans Benda 
Direktor des Bcnda’schen Konservatoriums der Musik zu Charlollenburg. 
Steffi Koschate 
eine Schülerin des Direktor Hans Benda, erhielt kürzlich auf Grund ihrer 
hervorragenden Leistungen das Stipendium der Marg. Ladenburg-Stiftung-Breslau 
in Höhe von 1000 Mark unter 37 Bewerberinnen. Die 13 jährige Geigerin 
ist ein Schützling Prof. Henri Marteaus, dessen Vorbereiter Direktor Benda ist. 
kokett ganz in orientalischem Stil einrichtete. Als Grossmama 
zur Besichtigung des Nestchens ihres „Kleinen“ kam, war sie 
vollständig verdutzt über die breiten, niedrigen Sessel, die 
riesigen Polsterkissen, die schweren Portieren und dicken 
Teppiche. Auch befiehl sie einige Unruhe beim Anblick der 
demascierten Waffen an den Wänden und der reichhaltigen 
Sammlung langer türkischer Pfeifen. 
„Du rauchst?“ 
„Viel?“ 
„Vielleicht zu viel!“ 
„Nein Grossmama, zu viel nicht.“ 
„Wenn es Dir nur nicht schadet, Liebling.“ 
„Unbesorgt, Grossmama; Du weisst doch, ich war stets 
solide. Es ist ja auch so kurze Zeit her, dass ich bei der 
Artillerie war . . . “ 
„Mir scheint, Du siehst nicht mehr so robust aus, seit Du 
die Uniform ausgezogen hast.“ 
„Ich bin vielleicht ein wenig schlanker geworden, aber noch 
eben so kräftig.“ 
„Um so besser, Kind.“ 
Wollen wir den Garten ansehen? Ich werde stets dafür 
sorgen, die der Jahreszeit entsprechenden Blumen zu haben 
und Dir immer welche schicken.“ 
„Das ist hübsch von Dir. Denke auch zuweilen an das 
Grab Deiner Mutter.“ 
„Meine arme schöne Mama werde ich nie vergessen.“ 
„Bewahre Dir nur die zarten Empfindungen Maurice, wenn 
auch manche Leute sie für ein Zeichen von Schwäche halten.“ 
„Diese Art Schwäche halte ich für eine Tugend, sie deutet 
auf ernsten Charakter.“ 
„Dass Gott Dich hörte, Kind, und so erhielte. Was hast 
Du da für einen schönen Geflügelkäfig! Und leer? Das sollte 
nicht sein; ich schicke Dir die nötigen Bewohner.“ 
„Wenn Du so gut sein willst.“ 
„Ja Kind; und nun adieu!“ 
„Auf Wiedersehen bald, Grossmama.“ 
„Ja, aber bei uns. Ich komme nicht mehr her; meine alten 
Beine wollen nicht mehr recht, und fahren tue ich nicht gern.“ 
Grossmutter schickte wahrhaftig: 2 paar Schopftauben, einige 
seltene Vögel und einen prachtvollen Hahn mit sechs Hennen. 
Maurice lief sofort nach Hause, um sich zu bedanken. 
„Das ist alles sehr schön Grossmama, diese ganze geflederte 
kleine Welt! Und das Gurren der Tauben stört mich auch 
nicht, so laut es ist; aber der Hahn! Liebe Grossmama, was 
soll ich mit dem Hahn? Wozu in aller Welt schickst Du 
mir den?“ 
„Gleichsam als Mahnzeichen! Siehst Du, ich habe so das 
Gefühl, nun Du so weit von uns wohnst, wirst Du allmählig 
meiner Vormundschaft entwachsen. Ich habe, soweit es in 
meinen schwachen Kräften stand, nicht versäumt, an Dir Mutter 
stelle zu vertreten und die Aufgabe, die Deine Mutter sich 
Dir gegenüber gestellt hatte, zu übernehmen und zu erfüllen. 
Und da wollte ich durch etwas Lebendiges Dich an die Grund 
sätze der Ehre mahnen, die ich Dir nun nicht mehr selbst 
beständig einpragen kann, wie bisher. Ich weiss, Du bedarfst 
keiner Ermahnungen; aber der Weg der Pflicht ist oft derart 
mit Schwierigkeiten gepflastert, dass unser Fuss sich wie an
        
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