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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

Armen aufgenommen wird und von der einzigen Tochter des 
Hauses ebenso verschämte wie deutliche Blicke einstecken 
darf, so hat man wohl das Recht und das Vergnügen, sich 
schon gewissermassen im Stillen als zur Familie gehörig zu 
betrachten. Umsomehr, wenn die einzige Tochter von der 
Venus nicht viel mehr als das Geschlecht geerbt hat, dafür 
aber späterhin von ihren Erzeugern desto mehr zu erwarten 
haben wird. Fritze Siebert hielt es also für geraten, sein 
Wissen hervorzukehren. 
„Hören Sie, mein Lieber,“ rief er Lehmann zu, „das Ding 
heisst nicht Kliff, sondern Skiff!“ Dabei drückte er heimlich 
die Hand seiner ihm an Jahren wie an Umfang gleich 
überlegenen Angebeteten. 
„Na — junger Mann, Sie werden mir doch in Sportssachen 
nichts weiss machen wollen,“ schallte es von der Bugspitze 
her zuruck. „Ich war doch früher in einem Ruderklub!“ Das 
War nicht gelogen. In der Tat war Lehmann vor Jahren 
einmal in einem Ruderverein gewesen. Aber nur zum Eisbein 
essen, zu dem ihm ein eifriger Freund des Oekonoms ein 
Freibillet zugeschmuggelt hatte. 
Natürlich liess das Fritze Schubert nicht auf sich sitzen. 
Er gab es ihm ordentlich. Zuletzt wurde er wütend, weniger 
aus dem Wortwechel heraus, als des Umstandes wegen, dass 
ihm Mutter Piesecke zum deutlichen Zeichen der Anerkennung 
und Ermunterung zugleich nachdrücklich auf die Hühneraugen 
trat. Schliesslich musste sich Papa Piesecke ins Mittel legen. 
„Kliff oder Skiff, wird wohl englisch sein. — Das weiss 
ich nicht genau. Aber zu deutsch heisst s Seelenverkäufer! 
Auch Tante Minna hielt es für angebracht, beizeiten 
einzulenken. „Richtig — richtig,“ echote sie, „Seelenverkäufer 
heissen diese Boote!“ 
Damit war der interessante Streitfall erledigt, wiewohl man 
durch das Bubbern des Motors noch etwas wie „Grüner Junge 
hindurchläuten hörte. 
Muckepicke — — muckepicke — — Die Ufer wurden 
immer freier, der Wasserlauf lieblicher. Dennoch verschlechterte 
®ich die Laune auf dem „Stekerling“ zusehends. 
Man hatte sich eigentlich eine Motorbootfahrt anders vor 
gestellt. Mehr poetisch. Aber das ewige Stuckern machte 
alle Poesie zuschanden. Wie schon wäre es doch gewesen, 
Wenn man so, eingewiegt von den leise murmelnden Wellen, 
aich ganz dem Genuss der Natur hätte hingeben können. 
Fritze Schubert hätte seiner Mandoline ein „schmalziges Lied 
nach dem andern entlockt und der „Stekerling würde eine 
Verkörperung Pieseckischer Familien-Harmonie bedeutet haben. 
Stattdessen hatte der Motor sein verwünschtes bubbern 
angestellt. Mutter Piesecke hatte ihre ungetreue Haarfrisur 
getreulich festgehalten, bis ihre Blusenarmei die Platze gekriegt 
natten. Nun sass sie, ergeben in ihr Schicksal, traurig auf 
Stekerlings Hinterteil, liess sich die ausgegangenen Locken 
resigniert um die Stirne flattern und sagte selbst dann nichts 
p e hr, wenn ihr der Wind heimtückischer Weise den nassen 
ahnenzipfel mit den Reichsfarben zeitweise um die Ohren 
schlug. 
,. Anton stand treu, aber nicht unerschütterlich am Steuerrad, 
* e Ss von Zeit zu Zeit die Automobilhuppe ertönen und fluchte 
fahrend der übrigen Zeit wie ein Berserker auf sämtliche 
Uhrenfabriken der Welt. Die neue Yachtmutze hatte er sich 
Julius Einödshofer, einer der beliebtesten Berliner Komponisten und Kapell 
meister, feierte kürzlich das 25 jährige Kapellmeister-Jubiläum. Einödshofer, ein 
geborener Wiener, ist aus der Schule des Hofkapellmeisters Josef Hellmesberger sen. 
und dem Orchester des alten Johann Strauss, welchem Altmeister er auch in 
der Entfaltung seines Komposilionstalentes folgte, hervorgegangen. Als Komponist 
erntete er am alten Central-Theater, am Melropol- und Thalia-Theater mit zahl 
reichen musikalischen Schlagern grosse Erfolge; seine bekanntesten Kompositionen 
sind: „Der Berliner Frauenwalzer“, „Loblied der Berlinerin“, „Schwalbenlicd“ 
und „Fata morgana“, den allergrössten Erfolg aber halle der „'Kleine Kohn“, 
der in alle Welt hinausgeklungen ist. Einen besonderen Ruf als Konzerldirigent 
erwarb sich Einödshofer durch seine populären Konzerte in Berlin, welche sich 
auch zurzeit im Admiralspalast allgemeiner Beliebtheit erfreuen, sowie durch 
grosse Konzert-Tourneen, die ihn durch ganz Deutschland führten. 
praktisch mit Hilfe eines Schnupftuches' festgebunden, und er 
sah aus wie ein wracker Schiffskapitän, der sich nach einem 
ereignisvollen Schiffbruch nach einer festen Scholle sehnt. 
Auch Tante Minna gehörte zu den Leidtragenden. Nach 
dem ihr der Kneifer einige dutzend mal durch die Bubberei 
von der Nase gefallen war und sie beim mühseligen Aufheben 
Schuberts Mandoline beinahe ins Verderben gestürzt hatte, 
hielt sie es für ratsam, den ersteren in ihren Pompadour zu 
versenken. Allerdings wurden dadurch die Landschaften für 
sie zu Böhmischen Dörfern. — Zudem schien es ihr, als ob 
ihr Magen sich im Cake-walk-Tanzen übte. 
Da hatte Minchen Piesecke einen rettenden Gedanken. 
Warum auch nicht? Im Zeitalter der Frauenbewegung ist es 
nicht gar so verwunderlich, wenn auch mal ein Weib zum 
Vater eines Gedankens wird. Und schliesslich, hatten nicht 
zum Beispiel schon vor langen Zeiten Gänse das Capitol in 
Rom gerettet? 
Also Minchen rettete die Stimmung, indem sie die 
bubbernden Mägen und Gemüter auf’s Frühstück hinwies. 
Alle waren begeistert, nur Tante Minna’s Köter beliebte die 
alte Tatsache, dass Seekranke von des Leibes Notdurft und 
Nahrung unbedingt verschont bleiben sollen, ad oculos auf dem 
Schoss seiner Herrin zu demonstrieren, wobei auch Fritze 
Schuberts Mandoline ihren Teil abbekam. 
Nun hiess es nur noch ein idyllisches Plätzchen finden, 
wo man ungestört landen und den ungestümen Regungen seines 
Magens nachkommen konnte. 
Den vereinten Bemühungen gelang es, eine kleine Bucht, 
eingerahmt von Schilf und Weidengebüsch, zu sichten, und 
begierig schoss der Stekerling darauf zu. 
Zwar schrie Lehmann noch aus Leibeskräften „Rückwärts! — 
Rückwärts!“. Aber es war schon zu spät. Ehe Piesecke, 
der mit dem Schnupftuch um die Ohren schlecht hören konnte, 
den Hebel herumgerissen hatte, hatte sich der Stekerling an 
dem lieblichen Gestade festgerannt. 
Ein Stoss — da war Lehmann junior in das seichte Wasser 
geplumpst, Mutter Piesecke kroch wie eine Riesenschildkröte 
auf dem Fussboden herum und ihre schlechtere Hälfte war 
durch den Anprall auf die Motorhaube geworfen worden, wo 
sie unter greulichem Schnaufen ihre Existenzberechtigung zu 
erkennen gab. 
Natürlich wurde zuerst der Lehmann’sche Stammhalter 
gerettet. Eine Schirmkrücke ging dabei zum Teufel. 
Die nächste halbe Stunde verging unter den Samariter 
diensten der vereinigten Familien, bis Lehmann jr., eingekleidet 
in die mannigfachsten männlichen und weiblichen Garderoben 
stücke, mit einem nassen und einem trockenen Auge wieder 
in der Sonne hockte und — eine Banane in der Rechten, ein 
Stück Apfelkuchen in der Linken und die Backentaschen voller 
Fruchtbonbons — über die Wechselfälle des Lebens nach 
dachte.; 
Aber was nun? Der Stekerling sass fest. Die Stakver- 
suche gab man auf, nachdem sich Fritze Siebert die Schulter 
wundgescheuert, Anton mit der Stange ein Loch in das 
Sonnendach gestossen und Lehmann glücklich ein gehöriges 
Quantum Lackfarbe von Stekerlings Planken abgestossen hatte. 
Minchens weisses Kleid sah aus, als hätte es soeben einen 
Fasching hinter sich und Frau Lehmann schwor bereits zum 
achtundzwanzigsten Male, dass sie keine Macht der Erde mehr 
in einen solchen „Moderkahn“ bringen könnte. 
Um das Unglück voll zu machen, hielt es der Stekerling 
für vorteilhaft, sich allmählich auf die Seite zu legen. Man 
setzte natürlich anfangs diesem niederträchtigen Bemühen ener 
gischen Widerstand entgegen, indem man Mutter Piesecke mit 
ihren zwei Zentnern auf die hochstrebende Seite bugsierte, 
musste aber schliesslich einsehen, dass es notwendig war, das 
Boot völlig zu entlasten. Die Herren zogen also nolens volens 
Schuhe und Strümpfe aus, wobei Fritze Schubert bedauerte, 
diesen Fall in das Vergnügungsprogramm nicht mit aufgenommen 
zu haben, weil er sich sonst in den letzten Tagen vielleicht 
einer Fusswaschung unterzogen haben würde, und trugen die 
Damen an das nahe Ufer. Das Experiment glückte selbst bei 
Mutter Piesecke wider Erwarten gut, worauf der Steckerling 
nach einigen sanften Rippenstossen zur allgemeinen Freude 
wieder flott wurde. 
Die ausgestandenen Strapazen Hessen das Frühstück doppelt 
genussreich erscheinen. Leider zeigte es sich, dass der Futter-
        
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