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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

„Ja, aber,“ sagte sie verlegen, „das wird so teuer werden, 
und wozu auch.“ 
„Ich möchte es so gerne, es soll Sie nichts kosten. Drei 
hundert Mark sind genug — ich wünschte, ich könnte es um 
sonst machen.“ 
„Dreihundert Mark! Ist es möglich? Für ein Bild von 
mir!“ Sie errötete plötzlich wie ein junges Mädchen. 
In diesem Augenblick kam ihr Mann herein. 
„Vater,“ rief sie, „willst Du wirklich dreihundert Mark für 
ein Bild von mir ausgeben?“ 
f„Ja, siehst Du, Mutter, es gibt keine grösseren Narren als 
die alten Narren,“ sagte er munter. Und als die alte Frau 
das blinde Antlitz der Stimme ihres Mannes zuwandte und 
dieser sie ansah, senkte Ebing den Kopf. 
Den ganzen Tag sass der junge Maler bei seinen Skizzen, 
und da er abends zurückfuhr, wusste er, dass er seine beste 
Arbeit geschaffen hatte. Doch er dachte nicht an seine Arbeit 
und nicht an sich selbst, sondern er suchte zu begreifen, dass 
auch ohne geistige und materielle Verfeinerung eine gewisse 
Schönheit möglich ist, dass dieser schlichte Mann und diese 
schlichte Frau in ihrer erprobten Liebe die besten Gaben des 
Lebens erhaltet hatten. 
OCZIO 
Pieseckes Familienfahrt. 
Von E. C. Kröning. 
(Nachdruck verboten). 
Es war ein prächtiger Tag. Die Ufer schimmerten im 
frischem Grün und die Frühjahrssonne liess „Stekerlings“ 
frisch lackierten Bauch und seine Messingstangen in hellstem 
Glanze erscheinen. Man hatte ja anfangs den Namen „Steker- 
ling“ nicht für acceptabel gehalten, aber Anton Piesecke wollte 
durchaus etwas Originelles haben. 
Die erste halbe Stunde war unter allgemeinen Lobpreisungen 
vergangen. Man bewunderte den schlanken Bau, die Be 
quemlichkeit der Sitze, den schnellen Lauf des Bootes, kurz 
man war sich über den Genuss einer solchen Fahrt durchaus 
einig. Anton stand am Steuerrad und strahlte vor Vergnügen. — 
Schliesslich musste Schwager Lehmann die erste Bresche 
in das allgemeine Entzücken schlagen. 
„Kinder, ich finde, die Zille bubbert ’n bissei!“ 
Mutter Piesecke war starr. Schon über das Wort „Zille“. 
Der „Stekerling“ eine Zille! Das hatte man davon, wenn 
man die „powre Gesellschaft“ mitnahm. — So waren die 
Lehmanns immer. Vor Neid wussten sie nicht wohin! 
Aber wie es so in der Welt zugeht. Wir kaufen uns zum 
Beispiel einen neuen Sommer-Ulster, sind von seinem Schnitt 
und seiner Farbe ganz entzückt und führen ihn stundenlang 
voller Stolz und Würde spazieren. Zweifellos kein anderer 
Ulster sieht so vornehm aus. Man fühlt sich als Grand 
seigneur und schreibt seinem Schneider eine lobende Aner 
kennung. Das geht so eine ganze Weile. Plötzlich trifft man 
mal einen guten Freund. Der mustert einen, macht den Mund 
auf und schlägt die Hände zusammen. Aha, denkt man, jetzt 
kommt die Lobpreisung des neuen Ulsters. Aber nein, der 
Tilly Elise Pieschel 
erregte im letzten Winter als Konzerl-Sängerin, besonders durch ihre Lieder- 
Vorträge zur Laute, berechtigtes Aufsehen und erfreute sich namentlich in den 
Privatsoireen unserer ersten Gesellschaftskreise grosser Beliebtheit. 
gute Freund ist angeblich wie vom Schlag gerührt. „Mensch“, 
schreit er uns an, „wie kannst Du in einem solchen alt 
modischen Paletot herumlaufen?! — Und der Schnitt! Ach 
Du lieber Himmel! — Und die Farbe erst! Weisst Du wie 
Du aussiehst? — Wien leibhaftiger Aff “! — Nachdem man 
sich stundenlang über die Bosheit der Welt und der Freunde 
weidlich geärgert hat, fühlt man sich gezwungen, die Kritik 
nachzuprüfen. In der Tat, die Farbe könnte schöner sein- 
Und hier oben, die Falten, die brauchten auch nicht zu 
sein! — Was hat er gesagt? Wie ein Aff’ sieht man aus. 
Hm — so Unrecht hat er eigentlich nicht! — Und dann 
schreibt man dem Schneider einen saugroben Brief, schwort 
ihm zu, die Rechnung im ganzen Leben nicht zu bezahlen 
und stellt ihm den unmodischen Paletot kategorisch zur Ver 
fügung. 
Aehnlich in Pieseckes Muckepicke. Kein Mensch h at 
vorher von dem „bubbern“ etwas gemerkt. Jetzt empfinde 
man es in der Tat als höchst unangenehm. 
Lehmanns Sprössling hat sich schon auf die Zunge g e " 
bissen, als er sie einem vorüberfahrenden Dampfer als Gegen 
stück der winkenden Schnupftücher herausgestreckt hatte. 
Seine Mutter ist empört über die Gesundheitsschädlichkeit des 
Fahrzeugs. — 
Man kann deutlich beobachten, wie sich das Zittern und 
Stampfen des Motors durch Anton Pieseckes Körper fortpflanzt. 
bis die neue Yachtklubmütze auf seinem mondscheinbehafteten 
Haupt einen übermütigen Rundtanz ausführt. So energisch er 
sie auch jedesmal anpresst, nach wenigen Minuten sitzt sie 
schon wieder auf diesem oder jenem Ohr und Tante Mmn a 
lacht, dass der fette Köter auf ihrem Schoss wie ein Gummi 
ball auf und niederhüpft. Endlich reisst der Schirm a 
Lehmann wiehert vor Freude, währenddess sein tüchtiger 
Sprössling die allgemeine Aufregung benutzt, um den Rettungs 
ring durch ein modernes Lochmuster zu verschönern. 
Muckepicke — — muckepicke — — Unbekümmert 
bubbert der Stekerling stromaufwärts. 
Anton Piesecke kommt sich vor, als hätte er sein Leb ag 
am Veitstanz gelitten. — Auch seine bessere Hälfte, die i | e 
200 Pfund auf dem Hecksitz verstaut hatte, war mittlerwei e 
ungemütlich geworden, seit sie bemerkt hatte, dass sich zwe 
ihrer Künstlerlocken bereits in Wohlgefallen aufgelöst hat 
und die übrigen nahe daran waren, infolge der unfreiwillig 
Vibrations-Massage ihrem Beispiele zu folgen. Zudem wa 
Mutter Piesecke von den in ihrer unmittelbaren Nähe aUS 
strömenden Benzindämpfen ganz „schwiemelig.“ Sie sag 
natürlich nichts, um Lehmanns Triumph nicht zu vergrosse^ 
Aber von der Schönheit der vorüberziehenden Uferstreuen 
den blühenden Frühlingsblumen konnte sie wahrhaftig nie 
mehr wahrnehmen. Ebenso wenig konnte sie von den 1 
vorbeischiessenden Sportbooten Notiz nehmen. Musste sie 
wie der selige Simson ausschliesslich auf die Fülle ihres rlaa 
Acht geben, auf dass es ihr nicht abhanden kam. — ,. 
„Ah — seht mal da! — Ein Kliff!“ rief Lehmann in 
etwas gedrückte Stille hinein. , >• ^ 
„Pfui, unästhetisch“ hauchte Tante Minna beim An ^ 
des etwas unvollkommenen Gewandes des Ruderers und 
senkte ihr jungfräuliches Auge in die schläfrig zusam 
gekniffenen Pupillen ihres ebenso fetten wie intellig 6 
Hündchens. 
Diesen Zeitpunkt hielt Fritze Sichert für geeignet, 
allwissenden Verwandten in spe Eins auszuwischen. * nen 
man seit Wochen in einer Familie verkehrt, stets mit o
        
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