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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

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Der Bäuerin Portrait. 
Nach dem Norwegischen von Hans Günther. 
(Nachdruck verholen.) 
Franz Ebing flog auf seinem Zweirad über die sonnige 
Landstrasse. Dort hinten schimmerten ein paar helle Häuser, 
die wohl schon zu dem Bauerngut gehörten, dem er zusteuerte. 
Er lachte verstohlen in sich hinein, als er des Briefes gedachte, 
der ihn hierher berief: 
Lieber Herr Malermeister! 
Kommen Sie morgen vormittag auf meinen Hof in Briesen, 
Sie sollen meine Frau malen, und wenn es auch dreihundert 
Mark kostet. Ihr ergebenster K. Lang. 
Noch nie hatte der bekannte junge Maler Ebing einen so 
naiven Auftrag bekommen. Er war auch im Begriff gewesen, 
den plumpen Antrag, der ihm überdies wenig verlockend er 
schien, sofort abzulehnen, doch da fiel ihm ein, dass er schon 
gar zu lange Ferien gemacht hatte und dass seine Börse einer 
kleinen Aufbesserung dringend bedurfte, und er entschloss sich, 
„mal unter die Bauern zu gehen“, wie er zu seinem Freunde 
spöttisch sagte. 
Er hatte recht gesehen, jene Häuser gehörten zu Längs 
Bauerngut. Das erste und gleichzeitig grösste war wohl das 
Wohnhaus des Besitzers. Ein gelbes Gebäude mit flaschen 
grünen Fensterläden; die Scheunen dahinter kupferrot; ein 
Weisses Staket um einen wilden alten Garten mit grossen 
bunten Blumen. Wie jammervoll hässlich ist das alles, dachte 
Ebing, was für ein Bild werde ich malen müssen, um diesem 
Geschmack gerecht zu werden? 
Am Eingang zur Scheune stand ein alter Mann mit grauem 
Kopf und Bart und sprach mit einem Knecht. Ebing sprang 
von seinem Rade und fragte ihn, wo Herr Lang wohne. 
„Hier,“ antwoitete der Alte und sah den jungen Mann 
scharf an, „was wünschen Sie von ihm? Er steht vor Ihnen. 
Als Ebing seinen Namen nannte, klarte sich das ernste, 
durchfurchte Gesicht des Bauern auf. 
„Hat meine Frau doch gleich gesagt, dass Sie kommen 
Werden, aber ich hab’s nicht geglaubt. Es ist immer verkehrt, 
Wenn ich ihr nicht glaube. Kommen Sie nur mit mir. Und 
e >n kräftiger Handschlag folgte. 
Auf dem Wege zum Hause erzählte er dem jungen Maler, 
dass er sich schon lange ein gutes Bild von seiner Frau ge 
wünscht habe, und nun habe er in einer illustrieten Zeitschrift, 
aus der er abends seiner Frau vorzulesen pflege, ein Bild von 
Herrn Ebing gesehen, „Kühe auf der Weide“, das habe ihm 
so gut gefallen, dass er gleich gesagt habe, der und kein 
anderer dürfe seine Frau malen, das ist der Rechte! Das Geld 
habe er auch schon parat gelegt. Dann führte er den Gast 
in ein grosses Zimmer und liess ihn allein, um seine Frau zu 
holen. Ebing sah sich in der „guten Stube“ um, deren Tapeten, 
Möbel und Decken die ganze Farbenskala enthielten; er konnte 
sich eines spöttischen Lächelns nicht erwehren. 
Da hörte er langsame Schritte, und die Bäuerin trat ein, 
eine grosse Frau mit grauem Haar, hager und runzelig. Sie 
hatte sich geputzt, um dem Maler zu sitzen, hatte ihr seidenes 
Kleid angezogen und eine schwarze Perlenkette um den mageren 
Hals gelegt. Aber Ebings Spott verstummte — diese Frau 
war blind. Und ein tiefes Mitleid erfasste ihn. Mit ge 
schlossenen Augen kam sie auf ihn zu und reichte ihm die 
Hand. Mit der andern stützte sie sich auf einen Stock. Sie 
sprach leise und einförmig. 
„Es ist schön von Ihnen, dass Sie zu uns gekommen sind, 
Herr Ebing.“ 
Welche grosse Traurigkeit kann in dem Antlitz einer Bäuerin 
liegen, dachte der junge Maler und setzte ihr ehrfurchtsvoll 
einen Stuhl zurecht. 
„Ich soll Sie also malen, Frau Lang?“ fragte er. 
Sie errötete leicht. „Ist das nicht lächerlich?“ entschuldigte 
sie sich. „Aber mein Mann will es durchaus. Er gibt nicht 
nach, schon seitdem ich photographiert bin; es war ein grosses 
Bild, und sie sagen alle, dass es sehr gut ist, aber er ist 
nicht zufrieden damit. „Ein richtiger Künstler soll Dich malen, 
Mutter“, sagt er. Und wenn Sie Augen auf das Bild malen 
würden, dann wäre er Ihnen noch dankbarer und würde Ihnen 
extra dafür bezahlen. Vielleicht könnten Sie die Photographie 
meines Sohnes dort dazu benutzen; der hatte meine Augen. 
Wäre das sehr schwer?“ 
„Durchaus nicht,“ antwortete Ebing mit bewegter Stimme; 
er schämte sich seiner selbst und der Gedanken, mit denen 
er hierhergekommen war. 
„Ich verstehe so gut,“ fuhr die alte Frau fort, „dass es 
einem jungen Mann komisch Vorkommen muss, eine blinde 
alte Frau zu malen; aber für meinen Mann ist es nicht komisch. 
Er wünscht es sich so sehr. Er ist der beste Mann, den es 
auf der Welt gibt, er denkt immer nur an mich. Obgleich 
ich gar nicht spielen kann, hat er mir das Klavier hier gekauft, 
nur weil ich so gern spielen höre und der Küster oder des 
Pastors Tochter mir manchmal etwas Vorspielen können. Und 
wenn solch ein junger Mann wie Sie es auch nicht versteht, 
wird es doch ein Trost für ihn sein, ein Bild von mir zu 
haben. Ich dachte mir gleich, dass Sie es komisch finden 
werden, und darum bin ich rasch vor ihm hergekommen, damit 
Sie nicht etwas zu ihm sagen, was ihn kränken könnte — 
dass es lächerlich ist oder so etwas. Er hält so viel von 
Ihnen und ist so froh, Sie hier zu haben, dass ich traurig 
wäre, wenn es eine Enttäuschung für ihn werden sollte.“ 
„Aber es ist ja die natürlichste Sache von der Welt, dass 
er gerne ein Bild von Ihnen besitzen möchte,“ warf Ebing ein. 
„Ja, doch junge Menschen sehen das vielleicht nicht ein,“ 
antwortete sie. „Die glauben immer, sie wissen alles, aber 
sie wissen doch nicht, wie es ist, wenn Menschen zusammen 
gelitten haben. Ich wusste auch erst, was mein Mann mir 
war, als ich mein einziges Kind verlor. Wenn ich in der 
Nacht aufwachte und vergeblich das kleine Bett neben mir 
suchte, dann war er es, der mich tröstete. Sehen Sie Erichs 
Bild dort unter dem Blumenkreuz?“ 
„Ein hübscher Knabe,“ sagte Ebing. 
„Ja. Er ist ertrunken. Er hat mit andern am Fluss unten 
gespielt, und einer fiel ins Wasser, da sprang mein Junge nach, 
aber sie ertranken beide. Er war ein gutes Kind und immer 
der Erste in der Klasse. Das haben Vater und ich alles zu 
sammen durchgemacht. Dann wurde ich blind, und nun war 
es, als wolle er mir meinen Jungen und meine Augen ersetzen 
und alles für mich sein. Und das ist er auch geworden. 
Sehen Sie, ich bin alt und hässlich und blind und verkrümmt, 
aber das sieht er alles nicht. Verstehen Sie das nun?“ 
„Ja, ich verstehe,“ sagte Ebing leise. „Und ich danke 
Ihnen, dass Sie so offen mit mir gesprochen haben, denn nun 
erst werde ich ein gutes Bild von Ihnen malen können. Und 
nun möchte ich gern zwei Bilder von Ihnen machen, ein Brust 
bild und eins im Gartenstuhl draussen.“ 
RUDOLPH HERTZOG ° BERLIN C 
Kleider aus Batist, Leinen, Bastseide 
Liberty, Foulard » Kostüme aus 
Leinen und Bastseide * Blusen aus 
Batist, Voile, Leinen, Musselin, Seide 
FÜR DEN HOCH = SOMMER = 
Mgu f und Leinen- 
Blusen mit Jabots 
J
        
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