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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

Behäbigkeit die Anbahnung neuer Liaisons und zum dritten 
sagte er sich: die Ehe muss der Menschheit erhalten bleiben —- 
so lange ihr die Mitgift treu bleibt. Und so hatte er sich 
denn zum Heiraten entschlossen. 
Bauer hatte Glück mit seiner Werbung. Käte Eder fand 
Interesse an dem schneidigen Juristen, der so boshaft zu 
plaudern verstand, einen so feschen, schwarzen Schnurrbart 
und eine so gute Praxis hatte. 
Eine glänzende Hochzeit war gefeiert worden. Kirchen 
chor — Diner zu achtzig Mark das Gedeck — witzige Tafel 
reden in Vers und Prosa. Die Gäste amüsierten sich prächtig 
und bemerkten es in ihrer sektfrohen Stimmung überhaupt nicht, 
dass sich das junge Paar schon sehr früh davongemacht hatte. 
Nicht aus übertriebenem Zärtlichkeitsdrange, sondern um den 
Frühabendzug nach Sassnitz zu nehmen, Das junge Ehepaar 
wollte einmal von dem üblichen Schema abweichen, Italien 
war zu heiss, Norwegen und die Schweiz erschien ihnen zu 
abgeklappert, und so waren die beiden übereingekommen, die 
Flitterwochen teils auf Bornholm, teils am dänischen Sund 
zu verleben. 
Eine Woche bereits weilte Rechtsanwalt Bauer mit seiner 
jungen Frau auf der schönen Insel, die sie nun schon im Wagen 
und zu Fuss in all’ ihrem pittoresken Reiz bewundert hatten. 
Gern wäre Käte für den Rest der Flitterwochen auf Bornholm 
geblieben, aber ihr Otto, von einer ganz unerklärlichen, beinahe 
beängstigenden Unruhe ergriffen, drängt nervös zur Weiterreise 
nach Kopenhagen. 
So willigte denn Käte ein, das reizende, idyllische Hammers- 
huus; wo sie Quartier genommen, zu verlassen und von Rönne 
aus, den Dampfer nach Kopenhagen zu nehmen. 
Man hatte noch einige Stunden Zeit, ehe der Wagen nach 
Rönne abfuhr, und so durchstreifte das junge Ehepaar noch 
einmal, scherzend und kletternd, die felsigen Ufer. 
Unterhalb der berühmten Hammershuus-Ruinen befinden 
sich zwei Strandhöhlen, von denen die eine, der „Trockene 
Ofen“ genannt, bei ruhiger See zu Fuss erreicht werden kann. 
Uebermütig und leichtfüssig kletterte Käte in die Felsenhöhle 
und seufzend, aber mit lautem prahlendem Mute, um nicht 
bei dem jungen Frauchen in den Geruch der Feigheit zu 
gelangen, stieg Bauer nach. Erleichtert atmete er auf, als er 
in der nachtdunklen Höhle war, denn ein Ausgleiten hätte eine 
unangenehme Rutschpartie ins steinige Meer bedeutet. 
Mit offenen Armen empfing Käte den keuchenden Herrn 
und Gebieter, der sich den Schweiss der Anstrengung und 
der Angst von der Stirne wischte ued es sich in der Höhle 
bequem machte, um sich von der infamen Kletterstrapaze 
gründlich zu erholen. 
Käte war s zufrieden. Sie fand dieses weltabgeschlossene, 
romantische Plätzchen himmlisch schön, blickte auf das grüne 
Wasser und die fernen Segler und vergass alles über diesem 
seltenen Ausguck. Bemerkte auch kaum, dass ihr Ehegemahl 
sanft eingeschlummert war, müde von den ungewohnten 
Strapazen. Selbst seiner milden Schnarchtöne achtete sie nicht. 
Zwei Stunden mochten vergangen sein, da entriss ein ganz 
profanes Hungergefühl die junge Frau ihrer verzückten Auf 
wallung. Sie weckte ihren Mann. „Otto, Schatzi, es ist Zeit, 
dass wir ins Hotel zurückkehren!“ Schatzi Otto schrak auf, 
blickte sich verstört um, und sah nach der Uhr. „Höchste 
Zeit sogar, sonst erreichen wir den Dampfer in Rönne nicht 
mehr, und das wäre doch ausserordentlich fatal.“ 
Käte begriff zwar nicht, weshalb das so fatal sein sollte — 
indessen sie schwieg; schob’s auf die Pedanterie der Männer. 
Sie schickten sich an, die Höhle wieder zu verlassen, aber 
das war leichter geplant, als ausgeführt. Das Meer hatte seine 
Physiognomie inzwischen gründlich verändert, weisse Schaum 
köpfe erglänzten silbern und die Rosse Poseidons stürmten 
gegen die Felsen. Der Pfad zur Höhle wurde von den Wellen 
unterspült, es war unmöglich ihn zu begehen, man sass in der 
Mausefalle. 
Bauer suchte seine erschrockene Frau zu beruhigen, trotzdem 
ihm selbst sehr schwül und beklommen zu Mute war. „Liebe 
Käte,“ sagte er mit leicht zitternder Stimme, „passieren kann 
uns ja nichts, es müsste schon eine Sturmflut kommen, um die 
Höhle zu überschwemmen. Also da gibt’s keine Gefahr. 
Schliesslich, man wird uns im Hotel vermissen, nach uns 
suchen, und wohl auf den Gedanken kommen, dass wir hier 
in der Höhle seien und uns mit einem Kahn aus dem unfrei 
willigen Gefängnis erlösen.“ 
. Dass ein Boot bei diesem Wellengang an der Höhle über- 
, haupt nicht anzulegen vermochte — daran dachte er nicht. 
Die Stunden vergingen, die Wellen spritzten nach wie vor, 
die Situation wurde unbehaglich. Da versuchte Bauer sich 
bemerkbar zu machen, er schrie was die Stimme hergab, aber 
das Donnern der Wellen verschluckte sein Rufen. Er winkte 
den fernen Segelschiffen mit dem Taschentuch zu, doch man 
sah es nicht. Da stellte der Unglückliche seine Bemühungen 
ein und fasste sich in Geduld. Käte, die anfänglich aus 
Furcht und Hunger geheult hatte, wurde ruhiger, nachdem ihr 
einige Tafeln Chokolade Stärkung gebracht hatten. Und als es 
dunkel wurde, nahm sie den Mantel ihres Gatten, bedeckte 
sich ganz mollig mit der warmen Hülle und schlief ein. Friedlich 
und selig, wie wenn sie in dem weichsten Federbett lag, 
schlummerte sie. Indessen der arme Anwalt und Gatte in 
dumpfem Trotz dem Gang der Ereignisse entgegensah, aus 
mancherlei Gründen aufs äusserste beunruhigt. Es war 
fürchterlich! Er mochte sich die Haare ausreissen die Haare . . 
Bis in den andern Morgen hinein schlief seine Käte. Als 
sie erwachte, rieb sie sich die Augen, sah auf das Meer, 
stutzte, entsann sich der Ursache der ungewöhnlichen Situation, 
wollte wieder weinen, aber da kam schon ein kleines Fischer 
boot, dass sie und ihren Otto aufnahm. Ein paar Minuten 
später waren sie in Sicherheit. „Gerettet!“ Froh und zärtlich 
schmiegte sich Käte einen Augenblick an ihren Mann, dann 
sah sie ihn an und fuhr entsetzt zurück. „Otto, wie siehst 
Du aus?!“ schrie sie. Dann fasste sie sich und streichelte 
ihn. „Ach, Du Aermster, erschrick nicht, wenn ich Dir 
sage — — o, Du — vor Angst und Sorge um mich hast 
Du über Nacht graue Haare bekommen! Du Armer, Guter — 
so hab ich Dich doppelt lieb!“ 
Anfänglich war der Anwalt vor Schrecken erblasst, nun 
aber schmunzelte er stillvergnügt in sich hinein: „Um so 
besser! So brauche ich mir fortan nicht mehr die Haare 
färben zu lassen . .
        
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