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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

und brachte ihn in’s Bett. Ohne die Augen geöffnet zu haben, 
schnarchte der Doktor dort sofort weiter. — 
Die Nacht war erheblich vorgeschritten, als Gretchen 
Lehmann endlich ihr blondgelocktes Haupt in die Kissen 
legte und ihre blauen Augen schloss. War ihr zuerst der 
Schreck auch gewaltig in die Glieder gefahren, nachher hatte 
ihr die Geschichte Spass gemacht. Sie brannte vor Neugierde, 
den Mann, der sich so nolens-volens bei ihr einquartiert hatte, 
sich einmal im wachen Zustande anzusehen, sie sagte sich mit 
Recht, dass er ja nun kommen müsste, um sich zu 
entschuldigen. 
Nur wenige Stunden Schlafes waren ihr beschieden. Gern 
wäre sie noch etwas länger in den Federn geblieben, aber 
Marie klopfte die mit Minuten Rechnende schliesslich energisch 
heraus. 
„Fräuleinchen! Sie müssen auf Bahnhof. Sie müssen den 
Herrn und die „Madamm“ abholen!“ 
Das zog. Bald erschien Gretchen am Frühstückstische und 
beeilte sich dann, rechtzeitig zum Empfange ihrer Eltern auf 
dem Bahnsteige einzutreffen. — 
Inzwischen klingelte es in der Lehmann’schen Wohnung. 
Marie öffnete und pruschte laut los, als sie in dem Eintritt 
Begehrenden den Nachbar mit dem festen Schlafe erkannte, 
visitenmässig gekleidet, immer bekniffener werdend, je mehr 
sie lachte. 
„Die Herrschaft ist nicht zu Haus, Herr Doktor. Fräulein 
Gretchen holt sie eben von der Bahn ab.“ 
„O! Das bedauere ich sehr. Hier haben Sie meine 
Karte. Ich werde mir gelegentlich erlauben, wieder vorzu 
sprechen.“ 
Marie nahm die Visitenkarte mit ihren derben, roten 
Fingern entgegen und lud dann ein: „Ja, Herr Doktor, heut 
Nachmittag um 5 Uhr treffen Sie alle ganz bestimmt an. Da 
kommen Sie man wieder, da trinken sie Kaffe.“ 
Jetzt lachte auch Doktor Klimmer und kehrte in seine 
Wohnung zurück. 
„Gott sei Dank!“ flüsterte er. „Die Sache scheint mit 
Humor aufgefasst zu werden. Ob ich der Kaffeeeinladung 
folge? Der alte Rentier soll ja, wie mir der Portier anvertraute, 
gerade kein Brummbär sein und seine Gattin eine lustige Alte. 
Na, wollen mal sehen!“ — — 
Vater und Mutter Lehmann kehrten wohlbehalten und in 
bester Laune zu bestimmter Stunde heim. Ihre Tochter hatte 
ihnen während der Droschkenfahrt ihr erlebtes Abenteuer 
nütgeteilt und alle drei lachten Tranen, als Marie ihnen bei 
ihrer Ankunft daheim die Karte des Doktors übergab, dessen 
Bestellung ausrichtete und anknüpfte, sie hätte ihn zum Kaffee 
am Nachmittage wiederbestellt. 
„Die Marie ist ein Trampeltier!“ fuhr Herr Lehmann los, 
als die also Bezeichnete das Zimmer verlassen hatte. „Sie 
bringt uns in die grösste Verlegenheit. Was soll ich nun 
Aachen? Ich kann doch nicht, kaum zu Haus warm geworden, 
?/pfort einen Gegenbesuch machen, um abzuwinken oder die 
Einladung zu wiederholen? Soll ich dem Doktor schreiben? 
ich weiss wirklich nicht, was man da tun soll. 
Seine Ehehälfte sass in der Sophaecke und lachte. 
„Ja, Alte, Du lachst!“ fuhr der Rentier, ebenfalls nur 
mühsam seine Lachlust bändigend, fort. „Was sollen wir 
machen?“ 
„Ich würde zunächst abwarten, ob er kommt!“ erklärte 
Gretchen. Entweder übersieht er das dumme Zeug und 
erscheint einmal zu passender Besuchsstunde wieder oder er 
benutzt den Spass, um sich seine Entschuldigungsvisite, die ihm 
sicherlich doch recht peinlich sein wird, dadurch zu erleichtern.“ 
„Du hast recht, Mädel!“ stimmte ihr Vater bei. „Weisst 
Du, mir wäre das letztere lieber. Ich bin kein Freund steifer 
Visiten.“ 
Um 5 Uhr machmittags sass Familie Lehmann am Kaffee 
tisch, welcher heut —■ nur zur Feier der Heimkehr ihrer Eltern, 
wie Gretchen erklärend andeutete — mit grösserer Sorgfalt her 
gerichtet war und auf welchem deshalb Schlagsahne und Kuchen 
nicht fehlten. Das Kleeblatt wartete auf Marie, die den Kaffee 
hereinbringen sollte, aber unglaublich lange damit zögerte. Da 
schrillte die elektrische Klingel und jetzt erschien ebenso 
unglaublich schnell das Mädchen, um zu öffnen. 
„Er kommt!“ rief Gretchen lustig aus. 
„Alte! Du hast doch der schlauen Marie Anweisung 
gegeben, den Doktor nach vorn einzulassen? Sie schleppt ihn 
uns womöglich direkt in die Schlagsahne.“ 
„Sei unbesorgt, Männe! Ich habe ihr gründlich Bescheid 
gesagt.“ 
„Herr Doktor ist da! meldete Marie. 
„Klimmer oder Kletterer! S’ist just das Gleiche!“ witzelte 
der Hausherr und eilte nach den Vorderzimmern, wohin ihm 
seine Gattin langsamer folgte. 
„Ich habe eine arge Sünde zu beichten und Absolution zu 
erbitten, meine hochverehrtesten Herrschaften! stammelte der 
Doktor nach den üblichen Eingangszeremonien, als man Platz 
genommen hatte. „Ihr Mädchen gab mir diese Stunde als 
diejenige an, zu welcher ich Sie mit Bestimmtheit antreffen 
würde. Ich konnte die drückende Last nicht länger tragen und 
beeilte mich darum, sie abzuwälzen, mir Ihre Verzeihung zu 
erbitten.“ 
„Nur nicht so feierlich mein bester Herr Doktor!“ erwiderte 
fröhlich schmunzelnd der Rentier. „Wir freuen uns. Sie kennen 
zu lernen und als Nachbar zu begrüssen, wenn Ihre erste Vor 
stellung auch auf etwas ungewöhnlichem Wege erfolgt ist. Ich 
bin niemals ein Philister gewesen und meine Frau weiss ebenso 
einen Scherz, noch dazu einen unbeabsichtigten, denn solcher 
ist immer der besten einer, recht wohl zu würdigen. Also 
darum keine Feindscheft nicht! Sie haben nichts abzubitten, 
verehrtester Herr Doktor, und wir haben nichts zu verzeihen.“ 
„Sie sind zu gütig!“ frohlockte der Missetäter und erzählte 
den ganzen Hergang seines Abenteuers, ohne den Grund 
seines ungewöhnlich festen Schlafes zu verschweigen. 
„Aber Ihr Fräulein Tochter!“ fuhr er dann fort. „Sie 
muss ich ganz besonders um Entschuldigung bitten, ihr habe 
ich den heillosesten Schrecken bereitet. Darf ich ihr nicht 
meine Bitte um Verzeihung selbst aussprechen?“ 
„Natürlich, Herr Doktor, können Sie das. Aber ich kann 
Ihnen im voraus verraten, dass meine Tochter ebenso denkt 
wie wir!“ sagte Frau Lehmann lächelnd. „Unser Faktotum 
hat Sie ja in unserem Namen schon zum Kaffee eingeladen. 
Bitte Herr Doktor, folgen Sie dieser Einladung, die ich als 
Hausfrau jetzt persönlich wiederhole.“ 
Nach einigen Einwendungen reichte der Doktor der alten 
Dame den Arm und Vater Lehmann folgte froh und vergnügt 
in’s Berliner Zimmer, wo Gretchen ihrer harrte. — 
Es war eine so lustige Plauderstunde gewesen, dass 
Werner Klimmer am Abend seinen drei Studienfreunden im 
Kaiserkeller nicht genug davon erzählen konnte, wie nett die 
Familie Lehmann gewesen war, wie sie ihn eingeladen hatte, 
doch öfter ihr Gast zu sein. 
„Na, alter Junge!“ sagte der Magistratsassessor schliesslich, 
„Ich weiss schon. Du willst ja gern heiraten. Wie wäre es 
dann mit Margarete Lehmann?“ 
„Es wird wohl so kommen!“ flüsterte Werner und seine 
Augen leuchteten. 
„Dann bist Du ja so recht im wahren Sinne des Wortes 
in die Ehe hineingeklettert!“ stellte der Gymnasiallehrer fest. 
„Na! Als alter, echter Teutone muss er das auch so 
machen!“ fügte der patientenlose Arzt hinzu. „Ich kenne ja 
Werner schon von der Schule her. Schon da lautete seine 
Zensur, wenn auch die übrigen Fächer damit nicht immer 
Schritt hielten: „Turnen: Gut!“ 
Metamorphose. 
Von Julius Knopf. 
Rechtsanwalt Otto Bauer war nicht mehr jung, als er um 
eines der reichsten Mädchen des Berliner Westen anhielt. Zwar 
machte der stattliche Mann mit dem tiefschwarzen Schnurrbart 
und Haupthaar noch einen immerhin frischen Eindruck, aber 
wer genauer hinsah, dem konnten die scharfen, tiefen, krähen- 
füssigen Fältchen um Augen und Mundwinkel, diese Avantgarde 
des Alters, nicht verborgen bleiben. Bauer befand sich just 
in jenen Jahren, von denen man sagt, dass sie die besten seien, 
weil eben die guten schon vorüber sind. 
Eigentlich hatte er gedacht, Junggeselle zu bleiben, aber 
zum ersten war er des sich ewig gleichbleibenden Restaurations 
essens müde geworden, zweitens erschwerte die zunehmende 
Flügel 
Berlin SW. 
Pianos 
Kochstrasse 60/63.
        
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