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Band H. [12]

Volltext : Berliner Leben (Public Domain) Ausgabe 14.1911 (Public Domain)

Nr.  39.

Zentralblatt  der  Bauverwaltung,

271

Im  Anfänge  des  1(5.  Jahrhunderts, ­
  als  Dietrich  v.  ßiilow
den  Bischofsstuhl  in  Fürstenwalde ­
  inne  hatte,  wurde  das
Rathaus  nach  Osten,  zum  Marktplatze ­
  hin,  in  seiner  ganzen
Höhe  und  Breite  um  etwa  7  m
verlängert.  Das  Erdgeschoß
dieses  Anbaues  erhielt  eine
nach  drei  Seiten  offene,  gewölbte ­
  Halle,  die  Gerichtslaube
(Abb.  5).  Der  Raum  darüber
war  der  Ratssaal.  Am  südlichen ­
  Bogen  des  Erdgeschosses
befindet  sich  noch  die  Jahreszahl ­
  1511,  vermutlich  das  Erbauungsjahr. ­

Endlich,  im  Jahre  1624
wurde  vor  der  neuen  Ostfront
ein  stattlicher  Turm  von  ö'/s  m
Seite,  bis  zum  Knopf  etwa  32  m
hoch,  mit  niedrigen,  eingeschossigen ­
  Seitenbauten  errichtet ­
  (Abb.  6).  Dadurch  wurden ­
  die  beiden  östlichen  Bogen-Öffnungen
  der  Gerichtslaube
vollständig  geschlossen.  Das
untere  Turmgeschoß  und  die
mit  großen  Bogen  geöffneten
Nebenbauten  enthielten  vermietbare ­
  Kaufgewölbe.  Der
Ostgiebel  an  beiden  Seiten  des
Turmes  wurde  nach  Art  der
Renaissance  mit  Pilastern  und
Schnörkelwerk  geschmückt;  den
etwa  22  m  hohen  ungegliederten
Turmkörper  schlossen  vier  zierliche ­
  Giebel  ab,  und  aus  ihren
sich  durchdringenden  Dächern
wuchs  ein  schlanker  Dachreiter ­
  mit  welscher  Haube
empor.  Damals  wurde  der
gesamte  Bau  außen  neu  verputzt ­
  und  bemalt;  es  waren
noch  deutliche  Spuren  der
Bemalung  vorhanden,  die  als
Richtschnur  bei  der  Erneuerung
dienten.
Lfm  die  Wende  des  18.  Jahrhunderts ­
  war  der  aus  massiv
verblendetem  Ilolzfachwerk  errichtete ­
  Turm  anscheinend  so
baufällig  geworden,  daß  man
das  Viergiebeldach  und  den
Dachreiter  im  Jahre  1810  abtragen ­
  und  kümmerlich  durch
ein  vierseitiges  stumpfes  Pyramidendach ­
  ersetzen  ließ.  Trotz
mancher  Ausbesserungen  und
trotz  der  um  die  Mitte  des
vorigen  Jahrhunderts  ausgeführten ­
  dilettantenhaften  „gotischen“ ­
  Burgarchitektur  des.
unteren  Turmkörpers  und  der
beiden  Nebenbauten  war  es
nun  mit  der  alten  Herrlichkeit
vorbei;  der  ganze  Bau  trug
die  sichtbaren  Zeichen  des
Verfalls;  dem  geschulten  Auge
konnte  freilich  auch  jetzt  seine
geschichtliche  und  künstlerische
Bedeutung  nicht  entgehen.
Trotzdem  hätte  wohl  gar  mancher ­
  Bürger  diesen  Zeugen  einer
großen  Vergangenheit  seiner  Stadt  für  einen  modernen  Neubau  mit
Freuden  darangegeben.  Das  haben  aber  glückliche  Umstände  verhütet; ­
  durch  das  einträchtige  Zusammengehen  der  städtischen  und
der  zuständigen  Staatsbehörden  wurde  ein  umfassender  Ausbau
und  eine  glänzende  Erneuerung  des  altehrwürdigen  Baudenkmals

Abb.  2.  Standesamt.

Abb.  3.  Sitzungssaal  des  Magistrats.
ermöglicht.  In  großzügigster  Weise  hat  die  Stadtverwaltung,  vom
Staat  und  der  Provinz  unterstützt,  die  Mittel  bewilligt,  um  über  das
|  nüchterne  Bedürfnis  hinaus  ein  Werk  zu  schaffen,  das,  pietätvoll
das  Überlieferte  bewahrend,  neuen  kunstvollen  Schmuck  hinzufügt,'
ein  Zeuge  stolzen  Bürgersinns  unserer  Zeit.  (Schluß  folgt.)
            
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