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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

Blitzstrahl, eine furchtbare Tatsache im Bewusstsein aufzuckte; 
er war ja verlobt! Wer weiss, ob er nicht gar schon ver 
heiratet war! 
Mit schmerzlichem Stöhnen warf er sich wieder zurück in 
die Kissen. Aber kein sanfter Traum wollte ihm die Tatsache 
verschleiern. 
„Fehlt Dir etwas, Onkel?“ ertönte da wiederum Kurts 
Stimme aus dem Nebenzimmer und im Augenblick erschien 
auch schon sein wohlfrisiertes Haupt in der Türspalte. Er 
lächelte, und der Alte wurde fast wütend darüber. 
„Du musst mir vor allem erst erzählen“, fing Onkel Engel 
bert an, „was gestern abend alles mit mir vorgegangen ist. 
Ich kann mich nicht mehr auf alle Einzelheiten besinnen.“ 
Kurt nickte. Er begann mit der Verlobungsfeier. 
„Das weiss ich noch,“ unterbrach ihn der Onkel. „Ist 
nichts weiter geschehen?“ Er sah den Neffen ängstlich an. 
„Du schliefst uns ja nachher sanft und selig ein,“ lachte 
Kurt. „Es war wirklich kein kleines Stück Arbeit, Dich ins 
Bett zu bringen.“ 
„Also direkt ins Bett hast Du mich gebracht?“ 
„Direkt ins Bett“, bestätigte der junge Mann. 
„Der Deubel traue Euch Berlinern!“ rief der Alte, sich 
aufrichtend. „Ihr bringt es fertig, einen ohne Umstände aufs 
Standesamt zu bringen, ln der Stimmung war ich wenigstens. 
Also verheiratet bin ich noch nicht. Gott sei Dank!“ 
Nun musste aber Kurt wirklich lachen. Und er tat dies mit 
einer Ausdauer, die den alten Onkel beinahe ungeduldig machte. 
„Was lachst Du denn, dummer Bengel?“ knurrte er. „Die 
Sache ist doch immer noch ernst genug. Die Verlobung war 
doch wenigstens echt.“ 
„Sicher, die war echt“, gab Kurt zu. 
„Na, also, was gibts denn da zu lachen?“ 
„Lieber Onkel“, sagte Kurt, „ich schlage vor, Du machst 
ein wenig Toilette, und dann besprechen wir die Sache bei 
einer Tasse Kaffee. Es wird schon Rat geschafft werden. — 
Das Mädel ist übrigens gar nicht übel“, fügte er mit einem 
schelmischen Seitenblick hinzu. 
„Zum Deubel, nee!“ rief der Alte. „Zum Anbeissen ist 
sie; aber ich kann sie doch nicht heiraten.“ 
„Na, wir wollen sehen, was sich machen lässt“, meinte 
Kurt und ging in sein Wohnzimmer. 
Verhältnismässig rasch war der Alte mit seiner Toilette fertig. 
Eben strich er sich eine Semmel, als der Postbote eintrat. 
„Ein Rohrpostbrief!“ 
Kurt griff danach und las die Adresse: „An Onkel Engel 
bert, z. Z. bei Herrn Referendar Kurt Wangerin, Frankfurter 
strasse 48, 3. Etage rechts. 
„Das bist Du, Onkel“, sagte er und gab den diskret nach 
Juchten duftenden Brief dem Alten hinüber. 
Der erbrach das Siegel und las, während Kurt seine Miene 
gespannt beobachtete. Des Alten Gesicht wurde immer 
ernster, zuletzt beinahe ärgerlich. 
„Da, lies!“ sagte er endlich und reichte seinem Neffen den Brief. 
Kurt las: „Lieber Onkel Engelbert! Das war doch ein 
Heidenfez gestern abend. Ich habe Dich alten Knaben 
ordentlich lieb gewonnen. Wir beide passen zu einander. Ich 
muss Dir aber gestehen, dass ich leider schon verheiratet bin. 
Du musst also etwaige Ansprüche bei meinem Herrn Gemahl, 
der etwa in Deinem Alter ist, geltend machen. Ich rate Dir 
phot. Ernst Schneider, Berlin. 
Im „Wintergarten" produziert sich jetzt „Don“ der „sprechende Hund“, dessen 
eigenartiges Sprechtalent bereits seit Monaten viel besprochen wurde. „Don“ 
gehorcht auch auf der Bühne ebenso willig seiner Herrin Fräulein Ebers, der 
anmutigen Förslerslochter aus der Schorfheide, wie im intimen Kreise. Der 
Hund spricht ziemlich deutlich die Worte „Haberland“ — der Name des 
Bräutigams von Fräulein Ebers, — „Hunger“, „Kuchen haben“ und „Ruhe“. 
aber: lass es lieber bleiben! Mein Alter ist furchtbar eifer 
süchtig. Wenn Dir aber die fidele Verlobungsfeier Spass ge 
macht hat, so bin ich zu einer etwaigen Wiederholung gern 
bereit. Auf Wiedersehen also auf dem nächsten Witwenball, 
Onkelchen. Ewig Deine Pepi.“ 
Onkel Engelbert hatte sich mittlerweile eine von seinen 
guten Zigarren angebrannt. Jetzt lehnte er sich behaglich in 
die Sofaecke und sagte: „Du Kurt, schön war’s doch, was?“ 
Auferstehung. 
V orfrühling ist’s — ein schmales rotes Band 
Glüht noch am Himmel, wo die Sonne schwand. 
Geheimes Leben webt um Strauch und Baum, 
Die Erde träumet — den Erlösertraum. 
Hier auf dem Friedhof wohnt die Einsamkeit, 
Cypressenwege wandelt stumm das Leid. 
Fast überirdisch ist der Frieden rings umher, 
Als ob der letzte Wunsch gestorben war. 
Es klagt der Wind, es leuchtet das Gestein 
Und spinnt die kampfesmüde Seele ein. 
Fast klingt’s wie Raunen: Armer fremder Gast, 
Mach auch ein Ziel, hier blüht Dir Ruh’ und Rast. 
Da horch! Der Amsel erster schwacher Sang, 
Ein Frühlingsgruss, ein holder Lebensklang 
Dringt scheu zuerst, dann froh und mutig jung 
Weit über Grüfte durch die Dämmerung. 
Und mit dem süssen zarten Vogellaut 
Wie Offenbarung es herniedertaut: 
Lass ruh’n die Toten, heb empor den Blick, 
Die Liebe trägt ins Leben uns zurück! 
Ein Ostern winkt, der Frühling pocht im Blut 
Und strömt durchs Herz mit heisser Lebensflut. 
Damit Du’s weisst, eh Dir das Sein entschwebt: 
Dn hast geliebt, Du hast gelebt — gelebt! — 
Marta Schulz. 
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Hoflieferant Sr. Maj. 
d. Kaisers u. Königs. 
K. K. Östcrr. Hof-Stahlw.-Fabrik. 
Hoflieferant Sr. Maj. des 
Königs von Griechenland. 
J. A. Henckels 
Zwillingswerk in Solingen. 
Stahlwaren bester Qualität. 
Schutzmarke Zwillinge 
eingetragen 13. 6. 1731. 
Alle meine Fabrikate tragen mein Zwillingszeichen; wenn sie 
erverkäufern nicht zu haben sind, bitte ich sich zu 
bei Wiederve 
wenden an die liauptniederlage: 
Berlin W. f Leipzigerstrasse 118. 
Filialen: Cöln a. Rh., Hohestr. 144; Dresden, Wilsdruffer 
strasse 7: Frankfurt a. M., Rossmarkt Iß; Hamburg, G. Johannis 
strasse 11; Wien I., Kärnthnerstr. 24. 
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