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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

und vertiefte sich in den Anzeigenteil des Blattes Kurt war 
fassungslos. Sein schönes Vergniigungsprogramm war in Bausch 
und Bogen abgelehnt. Der rabiate alte Kerl hatte es ihm in 
tausend Fetzen vor die Fiisse geworfen. 
Eine Weile beobachtete er gespannt den Gesichtsausdruck 
des alten Herrn, bis dieser endlich den Kopf erhob und ihn 
mit einem spitzbübischen Lächeln von der Seite ansah. 
„Du, sag mal, Kurt! Hast Du eine Ahnung, was ein 
Wtwenball ist?“ 
Ob Kurt das wusste! Aber sollte er seinem dicken, alten 
Onkel da anvertrauen, dass er selbst ein Freund solcher kleinen, 
intimen Vergnügungen sei? Sollte er ihm sagen, dass er sich 
selbst lebhaft für eine kleine „Witwe“ interessiere? Das ging 
doch nicht gut. Was sollte der Onkel von ihm denken! Und 
Else, sein reizendes Büschen würde dann auch davon erfahren. 
Er beschloss demgemäss, sich möglichst unwissend zu stellen. 
„Ein Witwenball?“ sagte er gedehnt, „ja, gehört habe ich 
davon: Das sind so gesellige Zusammenkünfte heiratslustiger 
junger Witwen, die auf diese Weise wieder an den Mann 
kommen wollen. Jedenfalls ein zweifelhaftes Vergnügen für 
jemand, der sich in Berlin amüsieren will.“ 
„Sind auch hübsche dabei?“ forschte der Onkel weiter. 
„Ja, lieber Onkel Engelbert, da fragst Du mich zuviel. Ich 
bin noch nicht dagewesen. Es mag ja Vorkommen, dass man 
manchmal auch eine hübsche findet.“ 
„Donnerwetter, Junge, stell’ Dich doch nicht so dumm an! 
Ich will mir den Zauber bestimmt einmal ansehen und Du 
musst mit. Verstanden?“ 
„Aber Onkel“, wollte Kurt abwehren. 
„Tatata, Du weisst ganz genau Bescheid. Ich verlange 
von Dir, dass Du mich hinbringst. Hier steht es: Greifs- 
walderstrasse 14.“ 
„Was für eine feine Nase mein Onkelchen hat!“ dachte 
Kurt. Es war dasselbe Lokal, das auch Kurt öfter besuchte. 
Junge Künstler und Künstlerinnen verkehrten dort vorwiegend. 
Dort hatte Kurt auch eine gewisse kleine Lilly öfters ange 
troffen, deren braune Schelmenaugen ihn so oft entzückt 
hatten. Heute wäre es ihm allerdings recht fatal gewesen, 
ihr zu begegnen. Aber der Onkel war nicht von seinem Vor 
sätze abzubringen. „Greifswalderstrasse 14“ entschied er 
jedesmal, wenn Kurt eine Einwendung machen wollte. 
Da half also nichts. Der junge Mann musste das Unver 
meidliche mit Würde tragen, und als die beiden nach dem 
Abendessen im Hotel die Zigarren anzündeten, hatte sich Kurt 
schon mit dem Gedanken an eine tolle Nacht in Gesellschaft 
des lieben Onkels ausgesöhnt. 
„Bist Du auch mit dem nötigen Mammon versehen, Onkel? 
fragte er vorsichtig. „Auf mich kannst Du in dieser Be 
ziehung nicht viel rechnen. 
Der Alte schlug mit der Hand auf die Brusttasche. Das genügte. 
Als er aber unverzüglich aufbrechen wollte,hielt ihn derNeffezuruck. 
„Wo denkst Du hin, Onkel? Der Betrieb nimmt erst 
um elfe herum seinen Anfang, und wenn wir um zwölf dort 
sind, haben wir noch nichts versäumt.“ 
Der Onkel war sprachlos. 
„Wann kommen wir aber dann ins Bett?“ meinte er. 
„Na, so gegen fünf Uhr.“ 
Onkel Engelbert wurde nachdenklich; aber er hatte sich’s 
nun einmal in den Kopf gesetzt, den Witwenball zu besuchen. 
Alles andre fand sich später. 
Das Münchener Bier schmeckte vorzüglich und Onkel 
Engelbert wurde fidel. Das bunte Treiben der Grossstadt 
hatte ihn angeregt. Endlich schlug die Uhr elf. Der Alte 
winkte dem Neffen verständnisinnig zu und beide verliessen 
das elegante Lokal. 
Onkel Engelbert winkte eine Droschke heran. „Das Laufen 
strengt mich zu sehr an“, bemerkte er. 
„Aber Onkel, ein kleiner Spaziergang “, wollte Kurl 
einwenden, aber der Hess ihn nicht ausreden. 
„Nein, nein, ich fahre am liebsten. Dann weiss ich 
wenigstens, dass ich richtig abgeliefert werde. Du schienst 
mir übrigens anfangs eine ganz unerklärliche Abneigung gegen 
unser unschuldiges Vergnügen zu haben, sodass ich befürchten 
musste, von Dir in irgend ein Variete geführt zu werden, statt 
auf den Witwenball.“ „Greifswalderstrasse 14“ kommandierte 
er dann, sich an den Kutscher wendend. Dieser nickte, kroch 
auf den Bock und setzte seinen Gaul in Trab. 
Es war ein kleines, unscheinbares Lokal, vor dem sie an 
hielten. Ein langer hellerleuchteter Korridor führte zu einigen 
im Hintergründe sichtbaren Türen. Kurt nahm des Onkels 
Arm und schob ihn am Eingang des vorn befindlichen Gast 
zimmers vorbei. Dann öffnete er eine kleine Tür zur Linken 
und die beiden befanden sich in einem parfümduftenden 
Garderobenzimmer. 
Onkel Engelbert schnüffelte ein paar mal recht vernehm 
lich. Dann fragte er plötzlich: „Du, sag mal, Kurt, sind auch 
richtige Witwen dabei?“ 
„Na natürlich, manche haben sogar schon zwei Männer gehabt “. 
Die Garderobiere hatte inzwischen den beiden Herren 
Hut und Ueberzieher abgenommen und diese traten in einen 
kleinen lichterfüllten Saal ein, aus welchem die schmelzenden 
Klänge eines Waldteufelschen Walzers ertönten. 
Kurt hatte gerade noch Zeit, einer jungen, ganz in weisse 
Seide gehüllten Dame einen warnenden Blick zuzuwerfen und 
leise den Finger an seine Lippen zu legen, als sie auch schon 
von einer jubelnden Schar umstellt waren. 
„Dickerchen, der erste Tanz gehört mir!“ rief eine üppige 
Blondine, indem sie den Alten am Arm ergriff und ihn auf 
das blanke Parkett zu ziehen suchte. Sein anderer Arm wurde 
aber in diesem Augenblicke ebenfalls in Beschlag genommen, 
sodass sich Onkel Engelbert überrascht nach der zweiten An 
greiferin umsah. Er blickte in ein reizendes, jugendliches Ant 
litz, aus dem ihm zwei dunkle Augen und zwei Reihen 
blitzender Zähne entgegenlachten. 
Augenblicklich befreite er seinen Arm mit kräftigem Ruck 
aus dem Griff der tanzlustigen Juno und wandte sich dem 
reizenden Koboldchen zu. 
„Bist Du auch schon eine Witwe?“ fragte er, erstaunt die 
Augen aufreissend. Das „Du“ wollte ihm nicht so recht von 
den Lippen; aber Kurt hatte ihn vorher instruiert, dass es hier 
so gebräuchlich sei. 
„Selbstverständlich“, lachte sie; „schon seit zweiundzwanzig 
Jahren. Aber so komm doch, wir wollen doch nicht hier 
stehen bleiben. Kurtchen hat sich auch schon aus dem Staube 
gemacht.“ 
„Wer?“ fragte Onkel Engelbert betroffen. 
„Na Kurtchen!“ rief sie; „Du musst ihn doch kennen. Ihr 
seid ja zusammen angekommen. Dort tanzt er gerade mit der 
Lilly vorüber.“ 
Kurt war in diesem Augenblicke gerade bemüht, der 
braunen Lilly seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem 
alten Herrn auseinanderzusetzen und Anstalten zu treffen, dass 
dem Onkel seine Liebhaberei für Witwenbälle unbekannt bliebe. 
„Warte, Du Racker!“ murmelte Onkel Engelbert grimmig- 
„Seinen alten Onkel so hinters Licht zu führen. Das will ich 
Dir anstreichen.“ Und sich seiner niedlichen Nachbarin zu 
wendend, sagte er: „Natürlich kenne ich ihn, das ist ja mein 
Neffe.“ 
„Donnerwetter!“ sagte die Kleine ganz geknickt; „da habe 
ich gewiss einen dummen Streich gemacht. Du brauchst ihn 
aber nicht gleich zu enterben, Onkel. Er ist ein so netter Junge.‘ 
„So ein Schwerenöter, brummte der Alte aber und sah 
ihm mit einem grimmig sein sollenden Blicke nach. Aber die 
kleine Hexe an seiner Seite bat immer wieder: „Bitte, bitte, 
nicht enterben, Onkel.“ 
„Ach was“, meinte aber Onkel Engelbert; „Du weisst ja 
garnicht, was der Schlingel heute mit mir vorhatte: Ins Theater 
wollte er mich schleppen und dann nach Hause und ins Bette- 
Fuchsteufelswild könnte ich werden, wenn ich daran denke. 
„Dann hat er gewiss Angst vor Dir gehabt. Aber Du 
bist doch nun einmal hier und musst Dich wieder mit ihm 
vertragen.“ 
Sie bat so rührend, dass er endlich seinen künstlichen Zm 
aufgeben musste. 
„Willst Du mir einen Kuss geben, wenn ich’s tue? 
„Zwei, Onkel, zwei Stück!“ rief sie entzückt und ehe e 
sich’s versah, brannten zwei herzhafte Küsse auf seinen LipP® n ’ 
Im nächsten Augenblick zog er sie mit sich in die Reihe e 
Tanzenden. ... 
Onkel Engelbert war warm geworden, ln dieser Atmospna 
von Jugend und Leichtsinn kam ein ganz unsagbares f-> e , 
über ihn. Er glaubte zu allen Jugendstreichen fähig zu 
„Sekt!“ rief er, als er mit seiner Tänzerin, keuchend von 
ungewohnten Anstrengungen des Tanzes und sich die he e 
Perlen von der Stirn wischend, in einer der Seitennischen 1 a 
nahm. „Sekt! Henkel trocken! — Sag doch mal, wie heis^ 
Du eigentlich, Blitzmädel?“ wandte er sich plötzlich an s 
„Pepi! Und Du Onkel?“ 
„Engelbert“, gab er zur Antwort. „Aber jetzt wo 
■Uen w> r 
doch wenigstens in aller Form Brüderschaft machen, 
der Sekt schon.“ 
Da kommt
        
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