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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

Der Witwenball. 
Eine vollkommen unverfängliche Geschichte von Karl Krehmke. 
(Nachdruck verboten.) 
Kurt Wangerm war in grosser Aufregung. Er hatte einen 
entfernten Onkel — entfernt in jeder Beziehung, örtlich und 
verwandtschaftlich. Kurts Base war eine Tochter des Bruders 
der ersten Frau seines Stiefvaters, und der Onkel wiederum 
war der leibhaftige Bruder des Vaters dieser Base. Kurt kannte 
bisher nur die letztere. Das genügte ihm vorläufig auch voll 
kommen; denn sie war hübsch. Nun sollte er aber auch den 
Onkel kennen lernen. Ein dunkles Gerücht behauptete von 
ihm, dass er schwer reich sei. Entfernte Onkels sind ja immer 
reich. Ausserdem war er Junggeselle, trotz seiner achtundfünfzig 
Jahre noch Junggeselle. 
Der Onkel also wollte Kurt besuchen. Eine notwendige 
Reise, schrieb er, führe ihn auf einige Tage nach Berlin, und 
da wollte er sich einmal nach seinem lieben Neffen Umsehen 
und nebenbei die berühmte Metropole ein wenig in Augen 
schein nehmen. 
Wenn Kurt doch wenigstens einigermassen den Geschmack 
seines lieben Onkels gekannt hätte! Wer mit achtundfünfzig 
Jahren noch nicht verheiratet ist, muss ein entschiedener Weiber 
feind sein, überlegte der junge Mann. Das weibliche Element 
musste er also von vornherein aus seinem Vergnügungsprogramm 
ausscheiden. Trotzdem blieb ja noch mancherlei: Theater, 
Oper, Museen, Zoologischer Garten, reizende Spaziergänge, 
vorzügliche Weinrestaurants usw. So ganz konnte er sich zwar 
in das Seelenleben alter unbeweibter Herren nicht hinein 
versetzen; aber die Auswahl der übrigbleibenden Zerstreuungen 
beruhigte ihn etwas: dem Onkelchen würde es in Berlin schon 
gefallen. 
Kurt warf noch einen befriedigten Blick über die Einrichtung 
seines geschmackvollen Junggesellenzimmers, zog die Uhr und 
machte sich auf den Weg nach dem Schlesischen Bahnhofe. 
Der Onkel kam nämlich aus der entferntesten Ecke Schlesiens. 
Der Zug lief ein. Aus den geöffneten Waggontüren quoll 
eine schwarze Masse hervor. Gepäckstücke wurden heraus 
gereicht, Hüte geschwenkt, und bald setzte sich der Strom der 
Reisenden nach dem Ausgange zu in Bewegung. Kurt hatte 
eine Bahnsteigkarte gelöst und sich in einiger Entfernung von 
dem Menschenstrome, allen sichtbar, aufgestellt. Aber der Zug 
wälzte sich an ihm vorbei. Sei es, dass sich in seiner Nähe 
noch mehrere, ebenso findige Kopfe aufgebaut hatten, unter 
denen sich der Onkel nicht hatte zu einer Wahl entschliessen 
können; sei es, dass der Onkel überhaupt nicht gekommen 
War — genug, Kurt stand schliesslich allein auf dem leeren 
Bahnsteig. 
Einmal zwar glaubte er den Gesuchten entdeckt zu haben: 
Rin einzelner Herr in gesetzten Jahren mit glattrasiertem Gesicht 
und wohlgerundeten Körperformen war mit suchenden Augen 
an der Front der Wartenden entlang geschritten; einen Augen 
blick schien es, als ob er auf Kurt zugehen wollte. Da aber 
dieser keine entsprechende Bewegung gemacht hatte, so war 
der Fremde auf halbem VFege umgekehrt. Eine ungewisse 
Schüchternheit hatte beide verhindert, sich in die Arme zu sinken. 
Denn in die Arme gesunken musste werden; dazu der 
obligate verwandtschaftliche Kuss. So hatte sichs Kurt zurecht- 
Heinrich Prang, 
der populärste rheinische Komiker, gastiert z. Zt. im ,, Apollo-Theater“ 
in seinem eigenen Schwank „Ein Gemütsmensch“. 
gelegt. Das gehörte nun einmal zur Begrüssung alter reicher 
Onkels. 
Als Kurt etwas deprimiert durch die Sperre schritt, be 
merkte er in der Nähe des Hausdienerlagers eine ungewöhn 
liche Bewegung. Der Herr, dessen Physiognomie ihm vor 
wenigen Minuten so verwandtschaftlich anheimelnd erschienen 
war, entriss soeben mit kräftigem Fluch dem einen der über 
dienstbaren Geister seinen Handkoffer. 
„Saubande, verfluchte!“ knurrte er in so unverfälschtem 
schlesischen Dialekt, dass Kurt keinen Augenblick mehr im 
Zweifel über die Identität des fraglichen Individiums war. 
„Onkel Engelbert!“ rief der junge Mann mit lauter Stimme. 
Der Angerufene drehte sich rasch nach ihm um. 
„Kurt! Na, Gott sei Dank, dass Du da bist. Mit knapper 
Not habe ich eben meinen Koffer aus den Händen dieses 
Ungeziefers gerettet. Fiergott, sind die Kerle tatendurstig!“ 
Er warf den ehrsamen Hotelfangarmen noch einen giftigen 
Blick zu und schob dann seinen Arm in den seines Neffen, 
der den alten Herrn sanft mit sich fort zog, dem Eingänge zu. 
„Mir wirst Du doch hoffentlich Deinen Handkoffer anver 
trauen, Onkel Engelbert,“ lachte der junge Mann und suchte 
dem Alten das Gepäckstück abzunehmen. 
„Stop, gibt’s nich!“ entschied dieser jedoch. „Erst muss 
ich mich überzeugt haben, ob Du Kurt Wangerin bist. Bis 
auf Deine Bude trage ich das Ding. Man kann in der Gress 
stadt nie vorsichtig genug sein.“ 
Kurt war ein wenig gekränkt. Dann aber musste er un 
willkürlich über den schlauen Onkel lächeln. Sicher hatte 
Onkel Engelbert sein Kreisblättchen jahrelang eingehend studiert 
und war infolgedessen über die Tricks der Berliner Gauner 
welt vollkommen auf dem Laufenden. 
Die beiden Herren bestiegen einen Taxameter und Kurt 
nannte dem Kutscher seine Adresse: Frankfurter Strasse 48. 
„Dritte Etage rechts“ fügte Onkel Engelbert nachdenkend 
hinzu und nickte befriedigt. Sein Vertrauen war gestiegen. 
„Janz bis ruff fahre ick aber nich“, meinte der Kutscher 
trocken und schwibste ein wenig mit der Peitsche, während 
die Gäule anzogen und die beiden Insassen in ein schallendes 
Gelächter ausbrachen. Onkel Engelbert verstand Spass. 
Während der Fahrt erst hatte Kurt Zeit, sich seinen Onkel 
näher zu betrachten. Schön war er gerade nicht; aber er 
hatte ein so ungeheuer gutmütig-lustiges Gesicht, dass man 
gern in seine zwinkernden Aeuglein sah. Hier in der Gross 
stadt schien er sich freilich noch etwas unsicher zu fühlen; 
aber trotzdem machte er den Eindruck, dass er sich nicht 
leicht verblüffen lasse. 
In der gemütlich durchwärmten Wohnung des Neffen fühlte 
er sich bald zu Hause, Nach dem Kaffee machte er sichs 
auf der Chaiselongue bequem, zog sein Zigarrenetui und setzte 
eine ausgezeichnete Havanna in Brand, deren Preis Kurt auf 
mindestens fünfzig Pfennige taxierte. 
„So“, meinte er behaglich, „nun wollen wir mal überlegen, 
wie wir den Abend hinbringen wollen. Ich weiss hier zwar 
nicht Bescheid; aber ich erwarte, dass Du mir annehmbare 
Vorschläge machen kannst.“ 
Kurt nickte. Auf diesen Augenblick hatte er längst ge 
wartet. Der Theaterzettel sämtlicher Bühnen sass fest in 
seinem Gedächtnis, wie bei einem guten Kellner die Speisekarte. 
„Im Königlichen Schauspielhause wird heute die „Jungfrau 
von Orleans“ gegeben. Vielleicht interessiert sie Dich, lieber 
Onkel.“ 
„Nee, mein Junge, so’n altes Semester ist für mich nichts.“ 
„Oder möchtest Du vielleicht eine Oper sehen? Im 
Opernhause gibt’s heute „Martha“. 
„Bleib mir um Himmelswillen mit den Dienstmädchen vom 
Leibe. Damit habe ich zu Hause selbst Opern genug aufzu 
führen. Ich will was erleben hier.“ 
„Es lebe das Leben“, stotterte Kurt, ganz verwirrt durch des 
Onkels Ansichten über die von ihm genannten klassischen Stücke. 
„Was meinst Du?“ fragte dieser und zog die Augenbrauen 
ganz erstaunt in die Höhe. 
„Ich glaube, Du wolltest etwas ganz Modernes sehen. Im 
Neuen Theater spielt man heute „Es lebe das Leben“. 
„Ich will Dir mal was sagen, mein Junge“, ereiferte sich 
Onkel Engelbert: „sehen will ich überhaupt nichts, erleben 
will ich was. Gib doch mal die neueste Zeitung her. Ich 
will mir lieber selbst was aussuchen.“ 
Wortlos reichte ihm Kurt die neueste Nummer des „Lokal- 
Anzeigers“. Der Onkel hüllte sich in eine dicke Qualmwolke
        
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