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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

denken zu dem logischen Schluss, dass nur eine geschickte 
Komödie ihn vor dem Zorn Napoleons einerseits und dem 
Gelächter seiner Freunde anderseits, retten könne. Und da 
er, wie schon gesagt, ein in Dingen der Liebe und Intrige 
wohlerfahrener Mann war, so hatte er denn auch bald einen 
Plan entworfen, dessen Ausführung er mit allem solchen Werkes 
würdigen Eifer zu betreiben begann. 
Obwohl nun das Ehepaar Bonaparte in jenen Tagen ver 
eint auf einem Pfade schritt, der zu grossen leuchtenden 
Zielen zu führen versprach, war es doch im Innern dieser 
Ehe keineswegs ganz harmonisch. Es war ein scharf klingen 
der Misston vorhanden, und der hiess Mary de Cluny. Die 
Intrige, die überall dort üppig gedeiht, wo ein Kreis von 
Männern und Frauen sich zu verliebtem Tun vereinigt, hatte 
auch nach Herrn und Frau Bonaparte ihre Angel geworfen. 
Gerüchtchen, zart und leise wie Federwölkchen, diskret wie 
das Rauschen seidener Dessous, hatten sich in das Ohr 
Josephinens verirrt. Die erste Folge war, dass Fräulein de 
Cluny, eben erst durch besondere Gunst nach Malmaison 
berufen, plötzlich sehr kühl behandelt wurde, sehr zum 
Schrecken des armen Kindes. Die zweite Folge war, dass 
Josephine mit Napoleon eine Unterredung hatte, die für beide 
höchst unerqickliche Dinge brachte. Und endlich die dritte 
Folge brachte eine Absage des für den Abend vorbereiteten 
Schäferspiels, Napoleon und Josephine, jedes für sich, schlossen 
sich ein und der ganze Schwarm war sich selbst überlassen. 
Der junge Graf de Saint Sulpice, der emsig auf der 
Lauer lag, die Geschehnisse zu seinem Vorteil auszubeuten, 
erfuhr durch einen vertrauten Kammerdiener aber noch allerlei 
andere wichtige Dinge. Alle wussten, dass Josephine sich 
ihren Freund, den Abbe Clermont, auf den Abend bestellt 
hatte, doch nur der Kammerdiener und der Baron wussten, 
dass der geistliche Herr berufen war, mit geschicktem Rat 
den Aerger zwischen den Gatten nebst seinen Gründen zu 
beseitigen. Und ebenso wussten nur der Baron und der 
Kammerdiener von einem geheimen Briefchen, das als Folge 
ein Rendezvous am Abend zwischen Napoleon und Fräulein 
de Cluny haben würde. 
Aus diesen beiden Dingen eine Brücke zu schlagen, über 
die er schlank zur Ausführung seiner gewagten Wette gelangen 
könne, war des Barons eifrigstes Bemühen. Da er im Schlosse 
zu Malmaison wohnte, hatte er nicht nur alle Geschehnisse 
unter seinen Augen, sondern konnte auch all seine Massnahmen 
schnell und ohne Zeitverlust ausführen. So kam es denn, 
dass an diesem Tage noch mehrere geheimnisvolle Billette, 
von Hand zu Hand gezaubert, endlich an die richtigen 
Adressen kamen und bei allen Empfängern gewisse Aufregung 
hervorriefen. Bei Josephine, die am Abend vergeblich auf 
den Abbe wartete und eine nicht sehr unterhaltsame Patience 
mit Mary de Cluny legte, voll grausamen Vergnügens, das 
arme auf Nadeln sitzende Mädchen von dem Rendezvous ab 
zuhalten, das ihr heimlich gemeldet worden war. Bel dem 
Abbe Clermont, der am nordwestlichen Seitenpförtchen des 
Parkes stand, wohin er sehr geheimnisvoll berufen worden 
war und wo er nun mit dem Kitzel der Spannung und der 
Lüsternheit auf ein seltenes Abenteuer der Dinge harrte, die 
da kommen sollten. Bei den beiden Genossen der mulmigen 
Wette, die bei der Grotte des Cupido, hinter einem dichten 
Gebüsch, auf der Lauer standen, um sich mit eigenen Augen 
zu überzeugen, wie der Baron de Saint Sulpice Madame 
Josephine Bonaparte küssen werde. 
Der Abend war wie geschaffen zu einer Intrige. Der 
Tag hatte eine sonnenlose drückende Hitze gebracht und 
schloss mit unheimlicher Gewitterstimmung. Der Cupido, 
dessen Marmorglieder sonst so verführerisch und aufreizend 
im weissen Mondlicht glänzten, sah in dieser Nacht nicht 
anders aus als ein mehlbestaubter Bäckerjunge. Der ganze 
Park war wie in schwarze Watte gepackt und nur auf dem 
Rosenrondell, wo die Fontäne immerfort ihre glitzernden 
Wasser emporwarf, lag eine matte Dämmerung. 
Abbe Clermont, der gerade im Begriff war, die Geduld 
zu verlieren und etwas Entscheidendes zu tun, entweder nach 
Hause oder ins Schloss zu gehen, hörte plötzlich schnelle 
Schritte auf dem Kies und einen leisen Ruf. 
„Sind Sie da, Herr Abbe?“ 
„Ja, was will man denn eigentlich von mir?“ 
„Ziehn Sie schnell Ihre Soutane aus.“ 
„Meine — Sou — tane aber warum “ 
„Sapristi, machen Sie nicht so viel Worte. Sie wissen 
doch, wer auf Ihre Ergebenheit rechnet.“ 
„Ja, doch ich verstehe nicht —“ 
„Das brauchen Sie auch nicht. Nur schnell — — oder 
weigern Sie sich?“ 
Doch der brave Abbe streifte schon das dunkle Gewand 
über den Kopf. Als er sich aber nun in Hemdärmeln sah, 
kam ihm die Sache abermals mehr wie abenteuerlich vor. 
„Mon Dieu, was man nur mit meiner Soutane will!“ 
murrte er. „Was soll ich denn nun — — “ 
Doch der geheimnisvolle Bote, von dem er nur die 
unbestimmten Konturen eines langen dunklen Mantels erkannte, 
riss ihm die Soutane aus den Händen. 
„Warten sollen Sie. Die Luft ist warm, Sie werden sich 
nicht erkälten.“ 
Darauf schluckte die Dunkelheit den geheimnisvollen Boten, 
von dem der neugierige Abbe nicht einmal wusste, ob er ein 
Mann oder ein Weib war, da er nur Flüstertöne vernommen 
hatte. Er hatte nun Gelegenheit, darüber nachzudenken, was 
man wohl mit seiner Soutane mache, war aber noch nicht zu 
einer logischen Lösung des Rätsels gelangt, als er nach etwa 
halbstündigem Warten abermals Schritte hörte. Diesmal waren 
es hastig stolpernde, die kein Geräusch zu vermeiden suchten. 
Und ehe der Abbe sich besonnen hatte, auf welche Weise 
er sich Aufschluss über die Person des seltsamen Boten und 
über den Zweck, dem seine Soutane hatte dienen müssen, 
verschafferi könnte, flog ihm das Gewand mit Vehemenz um 
die Ohren, und eine Stimme, die diesmal deutlich genug als 
eine Männerstimme zu erkennen war, raunte ihm zu: 
„Machen Sie dass Sie fortkommen — aber um Gottes 
willen schnell.“ 
Das war nun eine Art des Abschieds, wie sie ihm bisher 
in Malmaison noch nie zuteil geworden war. Und mit ent 
schiedenen Worten war er gegen solche Behandlung zu 
protestieren gerade im Begriff, als er bemerkte, dass er allein 
war. Und da er keine Lust hatte, nach Poetenart seine 
Gefühle der verschwiegenen Nacht anzuvertrauen, machte er 
kehrt und ging ärgerlich und durchaus nicht so geschwind, a 
es ihm angeraten worden war, den Weg zurück, den er 
gekommen war. 
An der Grotte des Cupido war inzwischen der bocks 
füssige Gott Asmodeus eifrig beim Werk gewesen, dies 
reizende Notturno in ein scharfes Satyrspiel mit dramatische 
Beiklang zu verwandeln. Der Baron de Saint Sulpice ha 
nicht schlecht gerechnet, als er sich sagte, Josephine Bonaparte 
würde den Gang in den finsteren Park nicht scheuen, um si 
von der menschlichen Regung ihres Halbgottes mit eigen 611 
Augen zu überzeugen. , 
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Zeugen a 
ihren Plätzen seien, brauchte er nicht mehr lange zu warten, 
um über den halbdunkeln Platz bei der Fontaine eine wo 
bekannte Frauengestalt kommen zu sehen, die sehr zagha 
doch noch weit mehr neugierig umherspähte. 
Der Baron liess sie bis zur Mitte des Platzes k°mr ne '|’ 
dann eilte er hastiger, als es sich für einen geistlichen .nf 
schickte, auf sie zu, und ehe Josephine dazu kam, sich u 
das seltsame Zusammentreffen mit ihrem geistlichen ^ r< j un 
wundern, legte dieser in höchst ungeistlicher Inbrunst t) 
Arme um ihren Leib und küsste sie dreimal auf die LipP en ' 
Josephine, die ausgegangen war, ein verliebtes Abenteu 6 ^ 
ihres hohen Gemahls zu belauschen und nun ganz ahnungs 
selbst mitten in ein verliebtes Abenteuer von ganz besonn 6 
Reiz hineingeraten war, war begreiflicherweise im ersten Aug 
blick nicht ganz gefasst und verhielt sich diesem zarten j ® l 
gegenüber, der zwar nicht in der Gebärde, jedoch u . 
Gewand und Weihrauchduft in entschieden kirchlichem Ger 
stand, ganz passiv. Jedenfalls weit passiver als es sie 
eine verheiratete Frau, die der Untreue ihres Mannes n 
spürt, geziemt. 
Ehe sie sich aber darauf besonnen hatte, ob sie in ^} eS ^ le 
Handel das Weib mit dem weiten Herzen oder die verhelf 
Frau heraus kehren sollte, hatte der Teufel, der sc h°n , a ^ ten 
sein Schwänzlein in der Affaire stecken hatte, den 
Interessierten herbeigeführt. Das war natürlich niemand aX \ 
als Napoleon, der, das junge Fräulein Mary de Cluny an 1 ^ 
aus dem Rosenboskett trat, der Regiekunst des Barons de ^ 
Sulpice sehr zuwider, und mit wenigen schnellen Schritten 
dem verschlungenen Paar stand. .• ^ 
Was nun seitens der Akteure in diesem zarten Nachtst 
zunächst geschah, war nach jeder Richtung hin V, n | n0 ch 
Fräulein de Cluny war in Liebesintrigen ohne Zweite , 
recht unerfahren, sie hätte sonst wohl kaum für nötig be u . ß 
beim Anblick der Madame Bonaparte ohnmächtig zu . jjg 
und sich ihrem Beschützer mit einem ersterbenden Seufze ^ 
Arme zu hängen, nicht viel anders als ein verwe 
Lilienstengel. -^g, 
Herr Bonaparte handelte ebenfalls nicht ganz \ er nj c [ 1 en 
als er, seine Gattin in einer höchst weltlich-fleisc 
Umarmung mit einem Priester erblickend, vor Zorn er gn 
und einen wütenden Schrei ausstiess, in den Augen ^ n e 
Ausdruck, vor dem sich viele seiner Zeitgenossen nie j eI1 
Grund entsetzten. Er bot so, in dem Antlitz den 1° e
        
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