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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

Die Soutane des Abbe Clermont. 
Eine geschichtliche Anekdote von Heinrich Tiaden. 
(Nachdruck verboten.) 
Um jene Zeit, da der erste Napoleon mit Josephine 
Beauharnais im Schlosse zu Malmaison einen Hof hielt, der 
zwar noch nicht unter dem Zeichen der Kaiserkrone stand, 
trotzdem aber den ersten Konsul Galliens zu einem der 
glänzendsten Herrscher Europas machte — sofern Glanz und 
Pomp überhaupt die Würde eines Herrschers ausmachen 
können —, um jene Zeit sollte eines Tages ein wegen seines 
schnellen Witzes bekannter Höfling sehr zu seinem Schaden 
erfahren, dass „Monsieur le Corporal“ nicht nur in seinen 
Launen ganz fatal unberechenbar sein konnte, sondern auch 
aus einem Witz ganz verteufelten Ernst zu machen verstand. 
Zumal dann, wenn er nicht selbst des Witzes Vater, sondern 
sein Opfer war. Sodass dem jungen Baron de Saint Sulpice, 
als ihm in schlimmer Stunde dieses Malheur widerfuhr, all 
sein schnellbereiter, schneidiger Witz samt der dreisten Sprache 
und alle Höflingsgeschmeidigkeit völlig abhanden kam. 
Dieser Herr de Saint Sulpice, der zwar jenem alten 
Bourbonenadel angehörte, der von dem korsischen Empor 
kömmling nichts wissen wollte, der aber persönlich genügend 
gesunden Abenteurersinn hatte, um sich mit jugendlicher 
Schwärmerei dem kühnsten und erfolgreichsten Manne seiner 
Zeit anzuschliessen, war nicht nur ein schöner schlanker Kerl, 
Voll Mut und Geschmeidigkeit, mit der Zunge so behende 
Me mit der Plempe, sondern hatte auf den Feldern von Lodi 
und Castiglione eine solche Verwegenheit bewiesen, dass er 
den Augen Napoleons unmöglich entgehen konnte. Diese 
Aug en aber Hessen nicht los, was sie einmal erfasst hatten, 
jveder im Guten noch im Bösen, und so kam es, dass der 
Baron de Saint Sulpice eines Morgens trotz seiner dreiund 
zwanzig Jährlein als Major aufwachte, nachdem ihn am Abend 
zuvor ein gewaltiger Burgunderrausch als simplen Leutnant zu 
dreizehnstündigem Schlaf aufs Bett geworfen hatte. 
Obwohl das nun nicht gerade ein aussergewöhnliches 
Ereignis war zu einer Zeit, da eine kleine weisse Männer- 
hand mit Orden und Aemtern umherwarf wie ein kühner 
Spieler mit Würfeln, hatte den neugebackenen Major dennoch 
e ’Ue solche Freude ergriffen, dass er, allen Erfahrungsregeln 
zuwider, aus einem gewaltigen Katzenjammer in einen gloriosen 
Pausch geriet, sodass ein dreistündiger scharfer Ritt durch 
jwind und Wäldluft nötig war, um ihn zu Vorstellung und 
htank in Malmaison genügend hoffähig zu machen. 
Napoleon aber, der nicht nur ein geübter Menschenkenner 
' v ® r > sondern schon damals soviel Imperatorengeist in sich 
s Purte, um daran zu denken, einem werdenden Thron Stützen 
jj . Stufen zu schaffen, hatte an der frischen kecken Männlich 
st des Barons so viel Gefallen, dass er ihn zu längerem 
^enthalt sofort in Malmaison behielt. 
phot. Sandau, Berlin. 
Tony Tetzlaff 
gastiert z. Zt. mit grossem Erfolge als „Lea“ in dem einaktigen Sensations 
stück „Beregis“ im „Apollo-Theater. 
Es ist genügend bekannt, wie jene zusammengewürfelte 
Hofgesellschaft zu Malmaison sich das Leben angenehm zu 
machen verstand. Wie ausser den Helden des Degens sich 
die der Laute und des Pinsels bemühten, der reine de la 
beaute einen Hof zu schaffen, glänzender als der der Bour 
bonen. So dass es an diesem Hofe ausser Napoleon eigentlich 
nur eine einzige ernste Figur gab. Das war der Abbe Cler 
mont, der es aus unbekannten Gründen für gut befunden hatte, 
den Offiziersrock mit der Priestersoutane zu vertauschen und 
nun am Hofe zu Malmaison lebte, von Josephine protegiert, 
von Napoleon verachtet, von der Gesellschaft gehasst. 
Napoleon aber sah nicht ungern, wenn die Gefährten 
seiner tollen Tänze auf den Schlachtfeldern Italiens nun in 
den Tagen des Friedens ebenso leichtfüssig über seine Parkette 
flogen. Er hatte nichts dagegen, wenn er die Augen, die er 
vordem im Schlachtgetose hatte blitzen sehen, nun in den 
Augen schöner Frauen vor Uebermut und Werbung wetter 
leuchten sah, sintemalen er selbst in der Liebe keineswegs 
ein Halbgott, sondern nur ein Mensch war. Man wusste 
das — und wusste zugleich, dass seine Duldsamkeit in diesem 
Punkt ebenfalls menschlich beschränkt war — sofern nämlich 
seine eigenen Gefühle mit denen seiner Umgebung nicht in 
Widerspruch gerieten. Die, welche Wert auf sein Wohlwollen 
legten, und das taten alle, hüteten sich also, Interessen zu 
zeigen, wo man glaubte, Interessen seitens des Mächtigen 
wahrzunehmen. 
Dass Herr de Saint Sulpice sich in diesem Kreise schnell 
zurechtfand und sich mit Behagen von dem Strome leichten 
Lebens tragen Hess, war sehr natürlich. Dass er gar bald 
eine Neigung an den Tag zu legen begann, seinen kecken Mut 
in einen nicht unbedenklichen Uebermut auswachsen zu lassen, 
war Schuld seiner Jugend und des ihn hätschelnden Glückes. 
Es dauerte nicht lange, da war er der ausgeprägteste Frech 
dachs der ganzen Gesellschaft und der Liebling Josephinens. 
Und obwohl es an wohlgemeinten Warnungen nicht fehlte, kam 
doch eines Tages in toller Weinlaune eine Wette zustande, 
die Herrn de Saint Sulpice zu nichts Geringerem verpflichtete, 
als Josephine, die ungekrönte Kaiserin der Franzosen, unter 
Zeugen zu küssen. 
Wenn es schon den beiden Zeugen am anderen Morgen 
beim Gedanken an die Wette heisser wurde, als es ihnen 
abends vorher in der Leidenschaft des Weines und Ueber- 
muts gewesen war, so war erst dem jungen Baron de Saint 
Sulpice bänglicher zumute, als an jenen Tagen, da ihn die 
aufdämmernde Morgenfrühe zu blutigem Handwerk gerufen 
hatte. Er konnte sich der Erkenntnis nicht verschliessen, dass 
es doch ein wesentlich ander Ding sei, die legitime Gattin 
des stärksten Mannes Frankreichs zu küssen als irgend ein 
simples Fräulein der Hofgesellschaft. Dass der Mächtige 
selbst Beziehungen hatte, die der Diskretion bedurften, war 
dabei ganz ohne Belang. 
Hatte er bei Abschluss der Wette über die Ausführung 
sich keinerlei Gedanken gemacht, lediglich seinem Glück und 
seiner Geschicklichkeit in solchen Dingen vertrauend, so 
machte ihm dieser Gedanke nun um so mehr Beschwerde. 
Er war nicht albern genug zu versuchen, mit Josephine eine 
regelrechte Liebelei anzubändeln, da sie, in der Liebe zwar 
selbst ein Schmetterling, gerade in jenen Tagen von der Eifer 
sucht auf ein junges Fräulein, Mary de Cluny, sehr in An 
spruch genommen war. So kam er also nach langem Nach
        
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