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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

Jetzt beugte sich der junge Engländer vor und fragte: 
»Wer ist das junge Mädchen, die seit acht Tagen Tag um 
Tag spielt, gleichviel ob sie gewinnt oder verliert?“ 
„Hein, mon ami,“ lachte der Marquis, „das ist eine Lands 
männin von mir.“ 
„Dass weiss ich und zwar eine sehr schöne; aber das ist 
keine Antwort auf meine Frage.“ 
„Nun denn: sie ist die grösste Spielerin in ganz Europa.“ 
„Nicht möglich!“ 
„Sie haben es ja selber gesehen; zum wenigsten scheint 
es doch, dass Sie die Woche, die sie vor mir angekommen 
sind, fleissig zum Beobachten benutzt haben. Ich bin zwar 
erst seit gestern Abend hier, aber ich habe Mademoiselle 
auch schon spielen sehen. Wie ich höre, hat sie die Bank 
fast gesprengt.“ 
„Ja, und am nächsten Tage das meiste wieder verloren,“ 
fiel Euston Leigh hastig ein, „aber wer ist sie? Sie ist jung, 
schön, ganz ladylike und dabei stets allein. Sie kennt und 
beachtet niemand, geht und kommt immer ruhig.“ 
„Was Sie schon alles bemerkt haben!“ entgegnete der 
Marquis, den Engländer ironisch anblickend; „ich versichere 
Sie, der jungen Dame ist nichts Ungehöriges vorzuwerfen; sie 
ist nur von der Passion für das Spielen beherrscht. Ihr Name 
ist Claudine Daubray; sie lebt hier in Nizza mit einer alten 
französischen Amme, einer Art von duenna, sonst weiss ich 
nichts von ihr.“ 
Euston Leigh warf sich in seinen Stuhl. 
„Welch ein Leben für ein junges Mädchen,“ sagte er 
ernst. Ganz Nizza spricht über sie; Nacht für Nacht ist sie 
der Mittelpunkt einer dichten Menschenmege. Man sagt, sie 
Verfolge ein System! Nun, ich habe noch nie gesehen, dass 
ein System einen Spieler vor dem unvermeidlichen Ende be 
wahrt hätte.“ 
„Und welches ist das?“ 
„Ruin — Verzweiflung — Selbstmord!“ 
Der Marquis zwirbelte nachdenklich seinen Schnurbart; 
Ruston sprang auf, ging einige Male auf und nieder, dann 
trat er wieder zu seinem Freunde und sagte mit herzge 
winnendem Lächeln; 
D „Verzeihen Sie meine pessimistische Stimmung, mein 
Rester; wollen wir auch Zusehen, ob diese bezaubernde 
Spielerin wieder die Bank sprengen wird?“ 
„Von Herzen gern,“ erwiederte der Marquis, und sie 
gingen zusammen durch den herrlichen Park, heiter plaudernd. 
Ls war ein köstlicher, sternklarer Abend. 
Der Spielsaal war, wie immer um diese Zeit, überfüllt. 
Nationalitäten waren hier vertreten. Aber der dichteste 
/Rnschenknäul war dort, wo an einem der Spieltische ein 
langes, einfach, aber vornehm gekleidetes Mädchen sass. Sie 
War eine schlanke Blondine, mit grossen, dunkelblauen Augen, 
einem Kinde anzugehoren schienen, so unschuldig und 
rein blickten sie. Aber Claudine Daubray blickte nicht um 
Dr. Otto Weddigen 
der bekannte Dichter und Schöpfer der im deutsch-französischen 
Kriege vor Metz entstandenen ..Schwertlieder“, feierte am 9. Februar 
seinen 60. Geburtstag. Ein Komitee angesehener Berliner Persön 
lichkeiten stiftete ihm aus diesem Anlasse eine Gedenktafel an seinem 
Geburtshause in Minden i. W. und die vorstehend abgebildete, von 
Professor Hugo Berwald geschaffene Portrait-Plakette. 
sich. Sie schien völlig in dem Spiel aufzugehen; ihre Wangen 
waren vom Eifer gerötet, ihre Augen blitzten hin und wieder 
auf, wenn sie einen neuen Haufen Gold einstrich, und mit 
angehaltenem Atem verfolgte sie jedes Mal das Rollen des 
Glücksrades. 
Diese Scene hatte sich nun schon seit Wochen allabendlich 
wiederholt; dass heisst mit kleinen Abwechslungen: das 
Mädchen hatte verloren und gewonnen, aber obgleich sie 
schon, wie wir hörten, fast die Bank gesprengt hatte, hatte 
sie die Kehrseite der Medaille noch nicht völlig kennen gelernt, 
denn stets hatte sie noch diesen kleinen Haufen Gold be 
halten. Auch heute schien ihr das Glück hold zu sein, denn 
das Gold zu ihrer Rechten türmte sich mehr und mehr auf 
und in massloser Erregung blickten die Zuschauer auf die ver 
wegene Spielerin. 
„Sie scheint wieder die Bank zu sprengen,“ flüsterte der 
Marquis seinem Freunde zu, und so still war es im Saale, 
dass die Näherstehenden auffuhren wie bei einem lauten 
Geräusch. 
Euston Leigh antwortete nicht. Er beobachtete das Spiel 
mit derselben fieberhaften Spannung, als setzte er selber Gut 
und Blut ein. Plötzlich ging ein Murmeln durch die Menge; 
das Mädchen hatte verloren. 
Aber es war nicht viel — ein Seufzer der Erleichterung 
ertönt von den Lippen mehrerer. 
Sie wird sich schon wieder erholen; aber ihr Gesicht ist 
bleich und die Hand, mit der sie neues Gold von ihrem 
Haufen nimmt, zittert. 
Wieder verloren! 
„Die erste Stufe, mon ami, — der Ruin!“ flüstert der 
Marquis arglos dem Freunde zu, aber ein Blick auf dessen 
Gesicht lässt ihn verstummen. Die Spielerin sieht nicht 
bleicher aus als dieser Mann, der seine Augen nicht von ihr 
lässt. 
Durchlebt er ein Menschenalter in diesen fürchterlichen 
Stunden? Sie ist ein Mädchen, jung und unbeschützt, und er 
ein gereifter Mann, der die Dreissig überschritten hat, — 
kann er ihr nicht die Hand auf die Schulter legen und sie 
bitten, — wenn das nicht hilft, sie zwingen, aufzuhören? 
Muss man nahe Rechte besitzen, Freund oder Geliebter sein, 
um eine verlorene Seele retten zu dürfen? 
Kann er sie diesem grausamen Laster, das zehnfach er 
barmungsloser ist als der Tod, nicht entreissen? Aber trotz 
allen diesen Gedanken, die in rasender Schnelle sein Gehirn 
durchjagen, rührt er sich nicht. 
Das letzte Goldstück liegt auf Claudine’s Platz; sie er 
greift es und dabei geht ihr Blick zum ersten Mal über die 
sie Umstehenden. Plötzlich ergiesst sich eine Blutwelle über 
ihr marmorbleiches Antlitz und von dem Mute der Ver 
zweiflung beseelt, ruft sie entschlossen — aber die Stimme ver 
sagt ihr fast den Dienst: „Rouge!“ — und Rot verliert. 
Eine plötzliche Bewegung geht durch die Menge — wie 
unwillkürlich weicht sie zurück, um die schlanke Mädchen 
gestalt durchzulassen, die sich, ein geisterhaftes Lächeln um 
die Lippen, nach rechts und links verbeugt. 
CSchwechten 
Flügel 
Berlin SW. 
Pianos 
Kochstrasse 60/62.
        
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