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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

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phot. R. Siegel, Charlottenburg. 
Echt spanische Tänze, wie in Sevilla und Madrid, im elegantesten Rahmen, werden im Restaurant 
Sanssouci. Kurfürstendamm 217, allabendlich von: Senorita Leone Amparito, Senorita Carmen 
Paracito aus Sevilla und Senor Felix Padial, dem andalusischen Spezialisten im Tango Argentino, 
vorgeführt. Daneben treten Fräulein Zagon-Nava von der Warschauer Oper und Balletmeister 
Eugen Chlebus in modernen und klassischen Tänzen auf. 
Jubeltöne laut wurden, auf Umwegen durch einige 
Nebenzimmer ebenfalls dorthin zurück. 
Nein, war der Mensch aber verlegen! So 
kannte sie den Oberleutnant ja noch garnicht. Er 
stand noch an der Tür, starr und steif, von allen 
umringt, und sprach kein Wort, konnte übrigens 
auch garnicht zu Worte kommen, weil alle zu 
gleich scherzend auf ihn einredeten. 
Da läutete die Hausglocke. 
„O weh! Ein Patient, Herr Sanitätsrat! Es 
wäre doch abscheulich, wenn Sie geholt würden, 
wenn Sie gerade heut uns verlassen müssten!“ 
riefen alle erschreckt und bedauernd. 
Aber die Hilfe des Arztes sollte nicht in An 
spruch genommen werden. 
Auguste, von Tante Pine wegen des Weihnachts- 
mannes ins Vertrauen gezogen und über ihr Tun 
und Handeln genau instruiert, hatte geöffnet und 
sah vor sich den erwarteten, prächtig ausstaffierten 
Knecht Ruprecht stehen. Sie hatte keine Ahnung, 
dass zuvor schon während ihrer Abwesenheit ein 
solcher von Tante Pine in Empfang genommen 
war, und handelte auftragsmässig, als sie jetzt so 
fort die Saaltür aufriss, den Weihnachtsmann em- 
liess und, ohne hineinzusehen, schnell wieder ein 
klinkte. 
Noch ein zweiter Weihnachtsmann! 
Zuerst waren alle perplex. Wer mochten die 
beiden sein? Jeder Anwesende war, während die 
beiden Knechte Ruprecht sich anstaunten und wohl durch die 
bärtige Maske hindurch ihre Gesichtszüge zu erforschen 
trachteten, der Ansicht, dass diese beiden niemand anders sein 
könnten als der Oberleutnant Rinnow und sein Vetter, die sich 
beide den Scherz ausgedacht hätten und einen besonderen Ulk 
als Rivalen zu treiben beabsichtigten. Alle harrten der Dinge, 
die nun kommen würden. 
Nur Tante Pine war anderer Ansicht. Sie wusste ja ganz 
genau, dass der Vetter hier nur in der Einbildung existieren 
könnte. Mit Schrecken dachte sie deshalb an die bevorstehende 
Enthüllung. Was würde solche da wohl für ein Menschenkind 
zu Tage fördern? Wen in aller Welt mochte sie da wohl 
eingeschleppt haben? Es fehlte doch sonst niemand weiter 
von den geladenen Gästen. 
Der zuerst auf der Bildfläche erschienene Weihnachtsmann 
war noch immer stumm und stand da wie angenagelt, wahrend 
der andere auf die Scherze einging, welche die Anwesenden, 
als sie endlich wieder Worte gefunden hatte, mit ihm machten. 
Er teilte aus einem Sacke, welchen er über dem linken 
Arme trug, kleine Gaben an die Gesellschaft aus, hin und 
wieder seinen Kollegen betrachtend, der sich garnicht beteiligen 
zu wollen schien. 
Wer mochte der Mann sein? Hatte Tante Pine einen 
boshaften Scherz inszeniert? Rinnow traute der heitern alten 
Dame solches wohl zu. 
Der Rittmeister von Patting, ein zu allen Spässen gern auf 
gelegter, lebenslustiger Herr, hatte den steifen Knecht Ruprecht 
inzwischen etwas genauer aufs Korn genommen. Er hatte die 
Entdeckung gemacht, dass dieser trotz der Pelzschuhe, die er 
übergezogen hatte, an den Stiefelabsätzen nur schwer die Sporen 
zu verbergen vermochte, dass also dieser Weihnachtsmann 
Kavallerist sein musste. Die nicht beurlaubten Kameraden 
waren alle an Ort und Stelle anwesend. Dass Rinnow der 
gesprächige Knecht Ruprecht war, hatte er trotz dessen ver 
stellter Stimme bereits herausgefunden. Wer mochte nun wohl 
der andere sein? War es Rinnows Vetter, der wohl auch 
bei irgend einem Kavallerieregimente stand? Das musste wohl 
so sein. 
Er wollte aber der Sache auf den Grund gehen. 
Schalkhaft trat er jetzt an den stummen Weihnachtsmann 
heran. 
„Bist Du denn, mein alter Ruprecht, jetzt beritten?“ fragte 
er. „Freilich! Die Welt wird immer bevölkerter und daher 
Deine Mühe immer gewaltiger! Wenn Du alle beglücken willst, 
die so artige Kinder sind wie wir hier, so musst Du jetzt schon 
reiten, sonst wirst Du mit Deiner Arbeit nicht fertig. Wo hast 
Du denn Dein Pferd gelassen?“ 
„Zu Befehl, Herr Rittmeister! Es steht im Stalle bei den 
übrigen!“ antwortete der Weihnachtsmann, die Pelzhacken zu 
sammen schlagend, sodass Rute und Gabensack zu 
Boden fielen und Aepfel und Nüsse umherkollerten. 
Alle hatten während der Anrede des Ritt 
meisters den steifen Mann neugierig betrachtet. 
Jetzt erhoben sie ein unbändiges Gelächter, nur 
der andere Knecht Ruprecht nicht. 
Rinnow schien plötzlich mit seinem Rivalen die 
Rollen vertauscht zu haben. Während dieser sprach, 
verstummte er und schien zur Salzsäule erstarrt zu 
sein, als er diese Stimme vernahm. Dann endlich 
trat er näher hinzu. 
„Wie kommst Du denn hierher, Moritz, und 
in diesem Auftreten?“ fragte er streng. 
„Zu Befehl, Herr Oberleutnant! Ich wollte 
zu Auguste, Herr Oberleutnant wissen ja! Aber 
das gnädige Fräulein Tante hat mich mit Gewalt 
hierhergebracht.“ 
„So nimm nun endlich einmal die Maske ab!“ 
„Zu Befehl, Herr Oberleutnant!“ 
Voller Erstaunen erkannten alle das ihnen 
wohlbekannte, jetzt äusserst verlegene Gesicht des 
Burschen von Oberleutnant Rinnow. 
„Aber Tante Pine!“ riefen sie alle mit einer 
Stimme. „Sie haben doch immer Scherze im 
Kopf und treiben noch Ulk wie ein Fähnrich.“ 
Jetzt stand die Tante da wie weiland Frau Lot. 
Was war denn das für eine Geschichte? Sollte 
Rinnow sich mit ihr einen Spass gemacht haben? 
Das sollte er aber büssen! 
Dazu Hess es aber der Oberleutnant garnicht erst kommen. 
Er erinnerte sich dessen, was ihm sein Bursche auf dem 
Kasernenflur gesagt hatte, ohne gewusst zu haben, dass Sanitäts 
rats Auguste die Auserwählte war; er überschaute jetzt die 
Sachlage und begriff die spasshafte Fügung des Schicksals. 
Lachend wandte er sich an den immer noch in Gegenwart 
seiner Vorgesetzten stramm dastehenden Moritz. 
„Sage einmal, mein Junge! Was Du mir da vorhin von 
Deiner Verlobung erklärtest, bezieht sich dies alles auf das 
Stubenmädchen hier?“ 
„Zu Befehl! Ja, Herr Oberleutnant!“ 
Der Bursche hatte, als er seinen Herrn wieder lachen sah, 
seine gewöhnliche Fassung wiedererlangt. 
„Zu Befehl! Ich meinte die Auguste. Sie will ich zu 
meiner Hausfrau machen. Wir sind einig und der Scherz von 
Herrn Oberleutnant mit dem Weihnachtsmann gefiel mir so, 
dass ich ihn nachmachen wollte, um Auguste heut Abend zu 
überraschen. Der Kutscher von Herrn Sanitätsrat hat mich 
so ausgeputzt. Ich ging die Hintertreppe hinauf, aber nicht 
Auguste öffnete mir, sondern das gnädige Fräulein Tante und 
das gnädige Fräulein ergriff mich sogleich und sperrte mich ein. 
Reden durfte ich garnicht. Alles ging auch so schnell.“ 
Der Jubel war unbeschreiblich. 
„Nun, Tante Pine!“ ergriff der Sanitätsrat das Wort. „Das 
hast Du ja prächtig gemacht. Jetzt hast Du die Karre gründlich
        
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