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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

Der bespornte Weihnachtsmann. 
Von Friedrich Erdmann. 
(Nachdruck verboten). 
Tante Pine hatte sich am Kamine ein behagliches Plätzchen 
zurechtgemacht. Ein anheimelndes Feuer prasselte darin und 
warf warme Streiflichter auf ein Tischchen, auf dem ein Samovar 
zarte Melodien sang und mildduftenden Tee lieferte. Auf 
einem andern kleinen Tische lagen Handarbeiten umher, von 
einer niedrigen Lampe beleuchtet. 
Die alte|Dame war die Schwägerin des Sanitätsrats Dr. Besten 
und die Seele seines Hauses, weil ihre Schwester ihre Lebens 
aufgabe an der Seite des Sanitätsrates in rastloser Tätigkeit 
für wohltätige Unternehmungen erblickte. 
Der Doktor hatte sich, als er seinen Dienst als Stabsarzt 
quittiert hatte, in einer Provinzialstadt, wo er in Garnison ge 
standen, als Privatarzt niedergelassen, hatte geheiratet und 
es nicht'zu bereuen gehabt, seine Schwägerin Pauline mit in 
die Ehe bekommen zu haben. Allein Tante Pines Werk war 
es gewesen, das alte Ordenshaus der Deutschritter, welches 
der Doktor gekauft hatte, zu einem behaglichen Neste zu 
machen. Mit ausserordentlichem Geschmacke hatte sie es ver 
standen, jeden Raum des ausserlich finsteren Hauses zu einer 
Stätte der Gemütlichkeit umzugestalten. Sie sorgte für alles. 
Es fehlten nur noch einige Tage an Weihnachten und Tante 
Pine hatte alle Hände voll zu tun. Alle Vorbereitungen zu 
dem Feste lasteten auf ihren Schultern, aber ihr wurde diese 
Last leicht, denn es war ihr stets die grösste Herzensfreude 
gewesen, das fröhliche Weihnachtsfest so stimmungsvoll wie 
nur möglich herzurichten. 
Der Sanitätsrat war zu Schlitten nach abgehaltener Nach 
mittagssprechstunde auf Praxis über Land gefahren. Seine Frau 
war mit der einzigen Tochter, der zwanzigjährigen Susanne, 
noch in der Hauptstadt, um Einkäufe zu machen. Tante Pine 
war also allein. 
Da meldete Auguste, das frische, saubere Hausmädchen, 
den Besuch des Oberleutnants Rinnow an. Dieser stand bei 
einer der beiden im Orte garnisonierenden Schwadronen des 
Ulanenregiments und gehörte wie das ganze Offiziercorps zu 
den ständigen Besuchern der Familie. Ja, der hübsche, schneidige 
Rinnow galt sogar als Kind des Hauses. Das wusste man 
allgemein, man kannte auch den Grund dazu, dass er nämlich 
schwärmerisch in die muntere Susanne Besten verliebt war 
und diese seine Liebe ebenso erwiderte. 
Mit fröhlichem „Guten Abend!“ trat er ein. „Störe ich 
Sie, Tante Pine?“ fragte er, als diese ihn einlud, bei ihr am 
Kamine sich niederzulassen. Alle Offiziere bedachten sie stets 
mit solcher gemütlichen Anrede, für alle war sie die Tante Pine. 
„Wie können Sie nur so fragen?“ schmollte sie und machte 
eine Tasse Tee für ihren Besuch zurecht. 
„Na, nichts für ungut. Ich meinte das nur jetzt inanbetracht 
des vor der Tür stehenden Weihnachtsfestes.“ 
„Bilden Sie sich nicht ein, lieber Rinnow, dass ich für Sie 
eine ganz besondere Festüberraschung vorbereite!“ lächelte 
Tante Pine. 
„Nicht? Ach, wie schade! Dafür habe ich mir aber eine 
besondere Weihnachtsüberraschung ausgedacht. Ich wusste, 
dass ich Sie ungestört sprechen konnte, denn ich sah den 
Sanitätsrat in die Dunkelheit hinausfahren. Ich möchte mit 
Ihnen vertrauliche Rücksprache nehmen.“ 
Erfreut blickte Tante Pine von ihrer Handarbeit auf. Wo 
es galt, die Freuden des Weihnachtsfestes zu erhöhen, war 
sie allezeit ein bereiter Helfer. 
„Ich will mich nämlich verloben!“ fuhr der Oberleutnant 
fort und steckte seine kühnste Miene auf. 
„Dann wollen Sie den heiligen Abend nicht in unserer 
Mitte feiern? Oder bleiben sie am Ende doch hier, mein 
lieber Rinnow?“ 
Schalkhaft blickte sie ihn an. 
„Natürlich, Tante Pine, bleibe ich hier, gerade bei Ihnen 
will ich den Weihnachtsabend recht glücklich verleben! Wo 
anders sollte ich mich denn verloben? Ich meine doch wohl, 
dass wir uns stillschweigend alle bereits einig waren.“ 
„Bravo, mein guter Rinnow, bravo! Das wird die schönste 
Festesfreude werden.“ 
Die Tante reichte dem jungen Mann die Hand, die er mit 
Verehrung an seine Lippen drückte. 
„Aber, Sie sprachen von einer Ueberraschung. Ihre Ver 
lobung mit meiner Nichte ist doch wohl eigentlich eine solche 
nicht. “ 
„Nicht doch, Tantchen! Nicht die Tatsache selbst soll die 
Ueberraschung sein, sondern die Art, wie sie in Szene gesetzt 
werden soll.“ 
„Na! Dann mal heraus mit der wilden Katz!“ rief Tante 
Pine höchst belustigt und reichte dem Offizier eine neue Tasse 
Tee. 
„Ich will in Ihrem Kreise als Weihnachtsmann erscheinen, 
als richtiger Knecht Ruprecht will ich Susanne die Verlobungs 
ringe überbringen. Dass der alte, weissbärtige Mann selber 
noch auf Freiersfüssen geht, ist sicher noch nicht dagewesen. 
Sie, beste Tante, müssen mir aber in gewohnter Güte dabei 
behilflich sein.“ 
Tante Pine war nie Spielverderberin. 
„Natürlich, Rinnow! Selbstverständlich! Was verlangen Sie 
von mir?“ 
„Hören Sie, bitte, meinen Plan! Die freundliche Einladung 
des Sanitätsrat zum heiligen Abende kann ich auch zum Scheine 
nicht ablehnen. Alle Kameraden, die hier bleiben, sind wie 
immer ebenfalls Gäste des Hauses. Ausreden, wie eine 
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