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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

„Aber das Hesse sich ja vermeiden. Es 
käme darauf an, was Sie für das kleinere Obel 
ansehen, mich zu heiraten, oder nach Sibirien 
zu wandern.“ 
Er wurde ein wenig rot und kaute auf 
seiner Unterlippe. 
„Hören Sie, wollen Sie sich über mich 
lustig machen?“ 
„Unsinn, das Vergnügen wäre zu gering, 
um in aller Herrgottsfrühe einen fremden 
Menschen im Gefängnis aufzusuchen. Ich 
habe mich nun einmal darauf kapriziert, Ihre 
Retterin zu sein. Und ausserdem — gefallen 
Sie mir.“ 
„Ich, der Einbrecher?“ 
„Sie sind bei mir eingebrochen aus Not — 
und Sie haben mich gerettet aus Gefühl — 
das Gute der zweiten Tat hebt das Schlechte 
der ersten auf. Das mag juristisch wohl 
nicht ganz logisch sein, doch bin ich kein 
Jurist, sondern eine Frau.“ 
„Und zwar eine seltsame Frau.“ 
„Haben Sie eine Abneigung gegen selt 
same Frauen?“ 
„Im Gegenteil.“ 
„Nun also — wollen Sie?“ 
„Mit grösstem Vergnügen.“ 
„Gut,“ sprach sie aufstehend. „Heute 
Mittag sind die Verlobungsanzeigen in meinen 
Händen. Die erste bekommt der Unter 
suchungsrichter. Und ich will den sehen, 
der Sie dann noch einen Dieb zu nennen 
wagt — ausser einem Herzensdieb.“ 
„Und wir sind in der Tat ein Brautpaar? 
fragte er kopfschüttelnd. 
„Gewiss, mein Herr. Und wenn es Ihnen beliebt, dürfen Sie 
mir nun den Verlobungskuss geben. Apropos mir scheint, Sie 
sind doch ein rechter Glückspilz.“ 
„Ja, das scheint mir auch so,“ rief er lachend. Dann 
küsste er sie. 
Sühnende Liebe. 
Skizze von Walter Kabel. 
(Nachdruck verboten). 
Das Licht der elektrischen Glühbirne zeichnete in das 
marmorblasse Gesicht der jungen Witwe so scharfe Kontraste. 
Und ihre von dunklen Ringen umgebenen Augen leuchteten 
wie die phosphoreszierenden Lichter eines Raubtieres. 
Die „Sammelbrüder“ — jene Vereinigung von Künstlern und Kunstfreunden, deren Statut nur einen Paragraphen 
kennt: „Huldigung des Frohsinns“, feierten am 28. Oktober in den traulich-intimen Atelierräumen des Bildhauers Professor 
Johannes Boese ihren 20. Geburtstag. Zu den zahlreichen Gasten, welche die grossen Raume füllten, gehörten auch die 
abgeschiedenen Sammelbrüder mit ihren Häuptlingen Georg Engels und Ludwig Crelinger an der Spitze, die von Künsller- 
hand auf einem grossen Prospekt dargeslellt, dem Feste beiwohnten. Die Feier begann mit einem an kleinen, geschmack 
voll gedeckten Tischen eingenommenen Souper und einer launigen Geburlstagsrede Gustav Rickells. Alsdann gaben 
Josef Josephy, Arnold Rieck, Ferry Sikla, Otto Gebühr und Hans Wassmann ihr Bestes an künstlerischen Vorträgen und 
hielten die Teilnehmer bis über den grauenden Morgen hinaus an der gastlichen Ställe beisammen. 
„Wüssten Sie, wie ich Sie verachte . . . wie sehr . . !“ — 
Das kam so langsam über die bebenden Lippen, als drängte 
sich eine Hochflut von Gedanken in diese wenigen Worte. Und 
dann hob Frau Maria den Arm und wies zur Tür, deren offen 
stehende Flügel von der schweren, golddurchwirkten Portiere 
halb verdeckt waren. — 
„Leben Sie wohl, gnädige Frau“, sagte da müde, heiser 
vor Erregung der, dessen zusammengesunkene Gestalt sich jetzt 
aus dem dunklen Sessel emporrichtete. Und zagend, scheu ging 
er zur Tür, schlug die Portiere zur Seite und dann . . . 
wandte er sich nochmals zurück . . . Ein Stöhnen klang durch 
die Stille des Zimmers, ein Laut, der ans Herz griff und die 
Nerven vibrieren Hess. — Die Portiere fiel zurück; die Schritte 
klangen hart auf dem Parkettfussboden des Salons, eine 
. . . Scheinbar der wehe Schluss- 
die diese zwei Menschen einst 
einander in die Arme getrieben 
Tür fiel ins Schloss . 
akkord einer Liebe, 
mit jagenden Herzen 
hatte, zwei, die ein ganzes Glück bisher 
vergeblich gesucht .... — 
Maria Werber war der elegante Offizier 
auf einer Abendgesellschaft vorgestellt worden. 
Und schon beim ersten Blick in das frische, 
gebräunte Gesicht, dem ein Paar dunkle, 
melancholische Augen einen so eigenen Reiz 
verliehen, hatte sie eine seltsame Teilnahme 
für den um Jahre jüngeren Mann in sich auf 
keimen gefühlt. Sie trafen sich öfters, und 
immer fester redete Frau Maria sich ein, dass 
sie für Gerhard v. Astra nichts als reinste 
Freundschaft empfände, bis . . . bis er ihr 
dann eines Tages auf einem Spaziergang durch 
den von Frühlingsdüften und Vogelsang er 
füllten Stadtpark seine Liebe mit Worten er 
klärte, deren hinreissender Zauber ihre Seele 
mit ungeahnter Wonne erfüllte. Sie wurde 
seine Braut, sollte es bleiben, bis er Haupt 
mann geworden. Denn von dem Gelde der 
Geliebten einen eigenen Hausstand zu gründen, 
das vertrug sich nicht mit Gerhard v. Astras 
ganzen Lebensanschauungen. — So war Frau 
Marias Witwenschaft nach kurzer, freudloser 
Ehe durch einen Frühlingsrausch abgelöst 
worden, wie ihn kein Dichter heisser, be 
rückender schildern kann. 
Jahre gingen dahin. Aber das Glück blieb 
dasselbe. Und der Mann, dem Frau Maria 
die Seligkeit schenkte, dankte ihr täglich auf 
Knien dafür. Wenn er ihre weissen Hände 
küsste und trunken vor Innigkeit Worte 
stammelte, dann war’s als verblasste die 
strahlende Frühlingssonne vor dem Leuchten 
dieses Glücks. Im Bewusstsein, dass ihre 
Seelen eins waren, dass der Schöpfer nur sie 
beide für einander geschaffen haben könnte, wuchs ihr Selbst 
gefühl und ihre Selbstgefälligkeit zu Bergeshöhen an. Blind 
standen sie in der Welt, die ihr Recht verlangte. Und dieses 
Recht wird immer „Vergänglichkeit” heissen. Blind wehrten 
sie sich gegen die Schrecken des Erwachens aus diesem von 
Blütenduft duchwehten Traum . . . Sie küssten sich die Seele 
von den Lippen und träumten weiter. — 
Der Rausch musste verflüchten, die duftigen, rosigen Schleier 
einst im Sturm verwehen. Und der Tag des Sturmes kam. 
Wie immer in ein Glück zweier Herzen führte die Windsbraut 
mit bangem Klagen den Störenfried herbei .... ein anderes 
Weib! Und des Mannes unbeständiger Sinn half der Vergäng 
lichkeit ein Glück zerstören, das neben dem ewigen Schöpfer zu 
tronen glaubte. Er, der seiner Liebe Seligkeit in glühenden Briefen 
ein Denkmal gesetzt hatte, . . . vergass Frau Maria, betrog sie. 
Warum?! — Törichtes Menschenkind, frag’ nicht warum! 
Es gibt einen Uebermut des Glücks, wie es eine Schlechtig-
        
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