Path:

Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

IliiilliüiiiliiiMiü—II 
Mann heiraten will, hat man ihn überwunden! — Doktor 
Hermann Balke verstand und würdigte diesen Brief vollkommen. 
Sie hatte endlich ihre Vernunft einmal reden lassen, diese 
törichte, kindische, kleine Frau, und er fühlte so etwas wie 
eine väterliche Beruhigung, dass sie nun geborgen sei. Der 
„blöde Dicke“ hatte Geld genug für ihre Ansprüche und würde 
sie als praktischer Kaufmann doch von zu grosser Verschwendung 
zurückhalten können. Abzureisen aus Berlin, dazu lag für ihn 
ja garkein Grund vor; das war so eine romanische Idee von 
der Kleinen! Er sandte ihr herrliche Blumen, schrieb ihr sehr 
liebevoll und gut und versprach, ihr aus dem Wege zu gehen. 
Dann hatte er sie beinah vergessen — manchmal kam ihm die 
Erinnerung, dass seine Mussestunden — und er hatte viele! 
— sonst von sehr viel Grazie und Heiterkeit erfüllt gewesen 
seien — aber das empfand er wohl nur im „Uebergang!“ 
Bald fand sich gewiss eine andere und doch ähnliche, kleine 
Frau, der er Berater und Freund und allmählich „das Liebste 
auf Erden“ werden würde. 
Eines Abends traf er in einem Laden Arthur Prantel. Der 
trat liebenswürdig auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand und 
sagte: „Also da sind Sie wieder!“ 
„Ja, da bin ich wieder,“ stimmte Dr. Balke fröhlich bei. 
„Meine kleine Braut hat so oft nach Ihnen gefragt — 
aber jetzt bleiben Sie doch wieder hier?“ 
„Ja, jetzt bleibe ich wieder hier.“ 
„Um so besser! Uebermorgen ist unsere standesamtliche 
Trauung, um drei Uhr ein Frühstück mit ganz wenig Leuten 
in der alten Wohnung Emmys — Sie kennen sie ja! Wir 
behalten sie vorläufig als pied ä terre — und Sie müssen 
unbedingt kommen! Unbedingt! Emmy würde sich zu sehr 
freuen — Sie glauben nicht, wie oft sie von Ihnen spricht, und 
Sie lobt — Sie sind ihr auch wirklich solch treuer Freund 
gewesen, ich bin Ihnen so dankbar dafür! Und ich weiss, 
Emmy könnten Sie kein grösseres Vergnügen bereiten, als 
wenn —“ — Er sträubte sich; aber nur zaghaft: er wollte 
keinen Verdacht erregen bei dem „blöden Dicken“ — wie 
er so stupide, bettelnd vor ihm stand, hätte er ihn prügeln 
können. Aber er war „nun wieder hier,“ war, wie alle Welt 
wusste, jahrelang Emmys bester Freund gewesen — — 
er willigte ein, natürlich mit der heimlichen Vornahme, im 
letzten Moment abzusagen. 
Aber wenn sie sich nun wirklich darauf freute, ihn 
wiederzusehen —? Prantel würde ihr gesagt haben, dass er 
käme; sie war also vorbereitet und überhaupt keine Frau, die 
sich von Gefühlen überwältigen lasst — das hatte er ja immer 
so famos an ihr gefunden! Er konnte also gehen, sie liefen 
keine Gefahr — und eigentlich war er doch der Nächste dazu, 
an solch einem Tage! Als das junge Paar das Zimmer betrat, 
auf der Rückkehr vom Standesamt, trat Emmy zuerst auf ihn 
zu — alle Anwesenden, der Ehemann eingeschlossen, fanden 
das durchaus begreiflich — drückte ihm die Hand und sagte 
ruhig: „Wie gut, dass Sie gekommen sind, mein alter Doktor!“ 
Er fand das auch, obgleich ihm das Herz stark klopfte. 
Und bei Tisch zitterte ihm die Hand. Da trank er gehörig 
— aber Arthur Prantel trank in seinem Glück noch mehr 
und nahm sich den Rausch vorweg —. Nur selten trafen sich 
Emmys und Doktor Balkes Augen — und glitten unruhig an ein 
ander vorüber. Jeder fühlte, der Andere habe ihm etwas zu 
sagen und die Sehnsucht nach dieser Aussprache liess ihre 
Pulse schneller schlagen. 
Endlich war die Mahlzeit beendet, Alle erhoben sich bis 
auf den jungen Ehemann, den die Füsse nicht mehr trugen. 
Die Gäste gingen lachend ins Rauchzimmer hinüber. 
Emmy sass an ihrem Schreibtisch, ihr gegenüber am Bücher 
bort lehnte Dr. Balke und sagte mit seltsam bewegter Stimme: 
„Kind, was machst Du für Dummheiten!“ —. „Nicht wahr,“ 
pflichtete sie ihm bei, nicht ein bischen ängstlich, wie einst 
in der Vorstellung beim Briefschreiben, man könne ihn hören. 
„Nicht wahr — was habe ich nur getan?! Weshalb hast Du 
mich nicht gewarnt, weshalb liestest Du es zu —“ 
„Ich — ich?! Aber Du hast mich nicht gefragt, Du hast mich 
überrumpelt, vor das Faktum gestellt — sonst hätte ich Dir 
gesagt: nie diesen blöden Dicken — mach’ keine Dummheiten —“. 
„Um Gotteswillen,“ unterbrach sie ihn, „konnte ich denn ahnen, 
dass Du mich noch immer liebst?! Konnte ich auch nur an 
nehmen, dass ich dich so brennend vermissen würde —? Ja, 
wer konnte das wissen!“ 
Er liess den Kopf sinken: ja, das war eine schöne 
Bescheerung, dass sie nun entdeckten, wie unendlich lieb sie 
sich hatten! 
Wie sonst, wenn ihre Rechnungen nicht gestimmt hatten 
und sie sich entschliessen musste, wieder ans Kapital zu gehen, 
hob sie energisch den Kopf und sagte fest: 
„Es ist einerlei: es muss gehen! Ich ändere den Plan: 
wir werden meistens in Berlin sein und selten reisen — Arthur 
muss das einsehen! Ich werde so grenzenlos nervös vom 
Reisen. Wenn Du willst, sage ich es ihm gleich —“. 
„Lass nur, Kind,“ bat er, „mach keine Dummheiten! Lass 
ihn schlafen. Heute versteht er doch nichts. Und nun solltest 
du ruhig ins Bett gehen.“ 
Wie einst, wenn er es an der Zeit fand, dass sie Ruhe 
bekommen sollte, löschte er in ihrem Zimmer das Licht und 
forderte die andern Gäste auf, mit ihm fortzugehen. Und man 
unterwarf sich seinem Wunsch —• wie immer [— —. Emmy 
sass noch eine Weile im Dunkeln. Mein Gott, wie unüberlegt 
sie Beide gehandelt hatten, er und sie! Statt ihre Lage zu 
verbessern durch diese Ehe, hatten sie die Situation bedeutend 
verschlechtert. Ihre Liebe hatte der Trennung getrotzt — war 
vielleicht noch intensiver, noch tiefer geworden; um zu dieser 
Erkenntnis zu gelangen, die an und für sich so schrecklich 
einfach war, hatte sie den guten, aber blöden Arthur Prantel 
heiraten müssen. Der schlief wenigstens und war glücklich. 
Und nun würde sie erst recht nie mehr die Kraft haben, an 
Hermann zu schreiben: „Wenn Sie diese Zeilen erhalten, bin 
ich für Sie tot, mausetot —“ dabei überfiel sie eine ungeheure 
Hochachtung vor Hermann und sich selbst: sie hatten sich viel 
zu leicht genommen, ihre Gefühle waren stark und rein. Und 
ihr ferneres Leben würde beweisen, dass sie zu den Wenigen 
gehören, die sich in einer einmal gefassten Neigung durch keine 
noch so lächerliche Aenderung ihres äusseren Schicksals 
erschüttern Hessen. 
Der Lampenschirm. 
Von Ilse Linden. 
(Nachdruck verboten). 
Er: Kunstgelehrter. 30 Jahre alt. Elegant. Kluges und 
sehr blasses Gesicht. , 
Sie: Zierlich. Pierrette-Gesicht. Schweigt sich seit fünf 
Jahren über ihr Alter aus. 
5 Uhr Nachmittags. Er wird gemeldet. 
Sie knipst die Stehlampe neben dem niederen, breiten 
Diwan an, der mit riesigen Liberty-Kissen bedeckt ist. 
Er (eintretend, küsst ihre Hand): „Wie geht es nach den 
gestrigen Strapazen, Baronin? —“ 
Sie hat gestern mit ihm und ihrem Mann, dem Baron Stelan, 
eine grosse Autotour gemacht, von der sie spät abends etwas 
gerädert zurückgekommen sind. , 
Sie: „O es geht — ich konnte mich ja ausruhen ' a ® e 
Stefan musste plötzlich abreisen —“.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.