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Full text: Berliner Leben Issue 14.1911

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Der Abschied. 
Von Eva Gräfin von Baudissin. 
(Nachdruck verboten.) 
„Wenn Sie diese Zeilen erhalten,“ schrieb Emmy Wildenroth 
auf einen grossen Bogen. Dann lachte sie, liess die Feder in 
der Luft schweben und iiberlas den Anfang: das klang doch 
wie der Abschied eines Selbstmörders?! Jeder unbefangene 
Leser würde sich die Fortsetzung unbedingt so vorstellen: 
„weile ich nicht mehr unter den Lebenden —“ oder „habe ich 
dies Jammertal, das sich Erde nennt, verlassen —“ und es 
hiess eigentlich den Empfänger des Briefes hineinfallen lassen, 
wenn sie nun fortfahren würde, wie sie es beabsichtigte; 
„habe ich mich bereits mit Arthur Prantel verlobt.“ Auch 
dieser Schlusssatz wäre unrichtig und unreell gewesen; einen 
Menschen, den man unter sich nie anders als den blöden 
Dicken genannt hat, braucht man nicht mit Vor- und Zu 
namen einzuführen, dies wirkt verwirrend — Hermann würde 
im ersten Moment garnicht wissen, um wen es sich handelte! 
— und „bereits verlobt“ war sie ja noch garnicht. Allerdings: 
so gut wie —! Aber das dachten Lebensmüde ja auch oft, 
dass ihr Tod schon: sogut wie —! sei, schrieben aus diesem 
Gefühl heraus ihre Abschiedsworte — und kehrten darauf 
reumütig uud dankbar in die alten, ihnen einst unerträglich 
scheinenden und nun wieder sehr behaglichen Verhältnisse 
zurück. Lächerlich — daran dachte sie nicht! Sie wollte 
definitiv mit der Vergangenheit brechen. Auch mit der Zukunft, 
die sich in bleiernem, nervös machendem Einerlei an die 
Gegenwart angeschlossen hätte. Mein Gott, wie hatte 
sie das Alles nur so lange ertragen können: diese vermeintliche 
Freiheit, die sich nicht um ein Deut von der Tyrannei ihrer 
ersten Ehe unterschied, ohne den Vorteil, den die stete 
Gegenwart eines Mannes im Hause bietet, zu gewähren — die 
Unbequemlichkeit, sich selbst Alles besorgen und bestellen 
zu müssen, sogar die Kohlen! — Die Verantwortung für den 
Verbrauch im Haushalt, sie lachte wieder: das Letztere hatte 
sie recht leicht genommen: nie reichten ihre Zinsen und allen 
vernünftigen Vorstellungen zum Trotz bröckelte sie von ihrem 
Kapital ab! Aber auch das ging doch nicht auf die Dauer. 
Und bewies schlagend, dass dieser Andere trotz seiner Bevor 
mundung nicht den Einfluss anf sie auszuüben vermocht hatte. 
An seine Stelle sollte nun mit allen Rechten und Pflichten 
treten: Artur Prantel — der „blöde Dicke.“ Um Gotteswillen, 
so durfte sie ihn nicht mehr nennen, nicht im Spass und nicht 
in Gedanken; sie wollte es auch gleich Hermann brieflich 
verbieten —. 
Sie sah auf den Bogen hinunter: „Wenn Sie diese Zeilen 
erhalten •— •—■“ wäre es nicht wirklich einfacher, sie setzte 
statt jeder Erklärung hinzu: „Bin ich tot, für Sie mausetot.“ 
Wenn er dies nun ebenso wenig glaubte wie die Nachricht 
von dem Selbstmord — pardon: von der Verlobung?! Er 
würde einfach ins Zimmer treten, sans fa9on, nach kurzem 
Klopfen und ohne kaum ihr „Herein“ abzuwarten, sich drüben 
ans Bücherbort lehnen und sagen: „Kind, was machst du für 
Dummheiten!“ Sie fuhr zusammen und sah sich ängstlich um: 
Das hatte doch Niemand gehört?! Das durfte er nie, nie mehr 
tun, sie duzen, auch nicht unter vier Augen — auch das 
musste sie ihm ausdrücklich schriftlich klarmachen. Es konnte 
sonst zu leicht einmal geschehen, dass er sich einmal vergässe 
und verspräche — dann war das Unglück fertig! 
Ueberhaupt, besser sie sähen sich vorläufig garnicht. 
Hermann konnte ja abreisen — irgendwohin — eine bohrende 
Eifersucht überfiel sie sofort, dass er sich nun doch mit der 
kleinen Sängerin weiter einlassen könne — aber sie konnte 
sich einfach von ihm schwören lassen — — 
Sie legte die Feder hin. Diese Forderung ginge zu weit 
und war ungerechtfertigt. Was dem Einen recht ist, ist dem 
Andern billig! Wenn sie selbst wieder heiratete, begab sie 
sich selbstverständlich damit aller Ansprüche auf seine Treue; 
dann konnte er tun und lassen, was er wollte. Einen Moment 
schien ihr die Vorstellung einfach unerträglich; aber sie kam 
zur Einsicht, dass sein Leben ihr bald gleichgültig sein würde, 
wenn sie ihm nicht mehr begegnete und nichts von ihm erführe. 
Sie wollte mit ihrem Mann viel reisen, nur im Winter einige 
Monate in Berlin verbringen und wenn von beiden Seiten kein 
Interesse mehr vorhanden war, musste es ein Leichtes sein, 
sich zu vermeiden. Sie würden sich nicht mehr entbehren 
und folglich einander bald vergessen — ja, so war das Leben! 
Unerbitterlich! Und Hermann und sie waren nicht die Menschen, 
es zu zwingen. Die Verhältnisse gestatteten nicht, dass sie 
sich heirateten — er kam ja trotz all seiner guten Lehren noch 
weniger aus als sie! Sie lachte wieder — und so musste man 
Zusehen, wie man sich ohne einander behalf. 
Behelfen! Das war das richtige Wort. Es wurde der Grundton 
des endlich geschriebenen Briefes: sie fügte sich der Zwangs 
lage — vielleicht wäre auch ihm die Lösung nicht unlieb?! — 
und sie bäte ihn, vorläufig abzureisen, Artur Prantel keine Bei 
namen mehr zu geben und sie fortan, auch unter vier Augen, 
als „gnädige Frau“ anzusprechen. Ehrlich war sie immer 
gewesen; sie hielt sich auch jetzt nicht mit Sentimentalitäten 
auf: wenn man seinem Liebsten anzeigt, dass man einen andern 
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